Interview mit Friedrich Schorlemmer „Erst kam die Freiheit, dann die Einheit“

Ohne Gewalt,  aber machtvoll: die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig Foto:  
Ohne Gewalt, aber machtvoll: die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig Foto:  

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer hält den 9. Oktober, den Tag der großen friedlichen Montagsdemonstration in Leipzig, für das wichtigste Datum des Wendejahres 1989 – wichtiger als den Tag des Mauerfalls.

Politik/ Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken
Stuttgart – - Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer (70) war einer der bedeutendsten Bürgerrechtler der DDR. Er engagierte sich früh in der Friedens-, Menschenrechts- und Umweltbewegung. Auf dem Kirchentag 1983 in Wittenberg wurde unter seiner Verantwortung ein Schwert symbolisch zu einer Pflugschar umgeschmiedet. Die Aktion machte Schorlemmer international bekannt.
Herr Schorlemmer, den meisten Westdeutschen gilt der 9. November, der Tag des Mauerfalls, als wichtigstes Ereignis im Wendejahr 1989. Bundespräsident Joachim Gauck hat den 9. Oktober für eine große Erinnerungszeremonie in Leipzig gewählt – den 25. Jahrestag der großen Montagsdemonstration. Ist diese Akzentsetzung richtig?
Die ist sehr richtig. Erst kam die Freiheit, dann die Einheit. Ohne den 9. Oktober hätte es den 9. November und anschließend die deutsche Wiedervereinigung nicht gegeben. Die Demonstranten in Leipzig haben damals etwas Überraschendes, etwas Großes in Gang gesetzt. Ein gedemütigtes, mundtot gemachtes Volk wagte es, auf die Straße zu gehen. Es hätte die chinesische Lösung kommen können, die gewaltsame Niederschlagung. Aber die SED-Führung hat die Demonstranten gewähren lassen. Das war das Signal ins ganze Land: Die werden nicht schießen, wir können – zwar immer noch zögernd und noch immer voll Angst – auf die Straße gehen. Mit dem 9. Oktober wurde aus Wut Mut. Aus Depression wurde Bewegung.
Wenn Sie auf die revolutionären Prozesse der letzten Jahre schauen, in der arabischen Welt wie in Osteuropa, wird Ihnen noch nachträglich Angst und Bange, dass auch der Umsturz in der DDR in einem Blutbad hätte enden können?
Ja. Ich habe schon bei den Bildern vom Maidan, beim Umbruch in der Ukraine, immer gedacht: Mensch, hatten wir ein Glück! Man könnte auch sagen, es war ein Wunder. Nur wenige Wochen zuvor hatte die SED-Führung noch ausdrücklich in Peking erklärt, dass das Massaker auf dem Tiananmen-Platz richtig war. In Leipzig gingen 70.000 Individuen zur Demonstration, die nicht wussten, dass sie 70.000 sein werden. 10.000 hätte man noch wegräumen können, es war ja alles vorbereitet. Aber vor den 70.000 haben sie kapituliert. Wenn es in Leipzig schlecht ausgegangen wäre, hätte es die anderen Demonstrationen im ganzen Land nicht gegeben, weil man dann entmutigt worden wäre. Leipzig hat Mut gemacht, weil die Wut nicht zur Gewalt führte. Weder von denen noch von uns. „Friedliche Revolution“ heißt ja auch: die anderen haben nicht geschossen. Wir haben nicht gehängt und die haben nicht zertrampelt.
Wäre es dann folgerichtig, auch frühere DDR-Politiker oder Polizei- und Militärführer in die Feierlichkeiten zum 9. Oktober einzubeziehen?
Ich fände das angemessen. Es wäre ein Reifezeugnis, wenn wir auch Repräsentanten der damaligen Staatsmacht, die nicht geschossen haben, einbezögen. Wir müssen die jetzt nicht alle rehabilitieren für alles, was sie getan haben – aber wir sollten anerkennen, dass auch sie viel gewagt haben.
Es gibt bis zum 9. November dieses Jahres eine große Zahl von Gedenkveranstaltungen. Empfinden Sie Art und Umfang als angemessen?
Ich finde das sehr, sehr schön. Vor allem, dass auch in sehr vielen kleinen Orten, auch im Grenzgebiet und da eben in Ost und West, Menschen zusammenkommen und sagen: was haben wir vor einem Vierteljahrhundert miteinander geschafft! An vielen dieser Orte wird auch gefragt: vor welchen Aufgaben stehen wir jetzt? Damit es nicht nur Jubeln ist und tränengerührtes Erinnern. Wenn sich heute nur noch fünfzig Prozent der Thüringer und der Sachsen bequemen zur Landtagswahl zu gehen, ist das ein Fanal. Die wunderbare Erinnerung an selbst errungene Demokratie muss verbunden werden mit dem Impuls, unsere Demokratie auch auszufüllen. Und dazu gehören die Wahlen.
Wenn man heute losgeht und will die Mauer sehen, hat man große Mühe. Sie ist fast vollständig weggeräumt. Haben wir es mit dem Aufräumen übertrieben?
Eindeutig. Ich finde es gut, dass die Mauer weg ist. Aber alle, die heute jünger als 43 sind, haben doch gar nicht mehr richtig erlebt, was Mauer heißt: der Stacheldraht, die Schießanlagen, die Minen. In Berlin wurde das einfach weggeräumt, weil es wertvolles Bauland war. Das Immobilieninteresse hat über die historische Erinnerung gesiegt.
An der Spitze von Staat und Regierung stehen heute mit Joachim Gauck und Angela Merkel zwei ehemalige DDR-Bürger. Was bedeutet Ihnen das?
Für mich spielt das keine Rolle. Da entscheidet, ob sie ihre Arbeit gut machen. Und da muss man schon sagen, in schwierigen Situationen, gerade jetzt im Blick auf Russland, ist die Stimme der Kanzlerin sehr viel angemessener als die des Bundespräsidenten. Joachim Gauck hat da ein Anti-Russen-Trauma, das ist nicht gut, wenn er das raus lässt.
Was kritisieren Sie genau?
Ich hätte erwartet, dass Merkel und Gauck mehr dafür tun, einen neuen Kalten Krieg zu verhindern. Man muss nicht billigen, was die Russen machen. Aber man muss versuchen zu verstehen, dass die Sowjetunion die große Verliererin der Freiheit im östlichen Europa ist. Man kann sich seine Partner, aber auch seine Gegner nicht aussuchen. Man muss mit ihnen umgehen. Da hatte ich gedacht, dass die Stimmen der Ostdeutschen stärkeres Gewicht gewinnen, da sie ja wissen, wie die Russen sind.

„Wir sind das Volk“ – Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989

Oktober 1989 in Leipzig: Allwöchentlich versammeln sich Montagsabends DDR-Bürger nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren. Immer wieder versucht der Staat, die Proteste durch Polizeigewalt einzudämmen.

Am 9. Oktober spitzt sich die Lage zu. Die SED zieht Einheiten der Volksarmee, von Polizei und Staatssicherheit in Leipzig zusammen. Es gibt Gerüchte, medizinisches Personal sei für den Abend zwangsverpflichtet worden, , zusätzliche Blutkonserven stünden bereit.

Eine Gruppe prominenter Bürger um den Dirigenten Kurt Masur sucht das Gespräch mit den örtlichen SED-Führern, um eine Eskalation zu verhindern.

Am Abend ziehen 70.000 Menschen aus der ganzen DDR über den Innenstadtring, überall ist der Ruf „Wir sind das Volk“ zu hören. Die Staatsmacht lässt es geschehen. Die bis dahin größte Protestaktion in der DDR seit dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 bleibt friedlich.




Unsere Empfehlung für Sie