Interview mit Geothermie-Experten „Der Gashahn wird irgendwann abgedreht – und dann?“

David Bruhn ist vom Nutzen und der Sicherheit der tiefen Geothermie überzeugt. Foto: Fraunhofer

Für Wärmenetze sei die tiefe Geothermie ideal, sagt der Wissenschaftler David Bruhn. Die Furcht vor Schäden sei heute nicht mehr gerechtfertigt – dennoch könne noch einiges verbessert werden, um die Sicherheit zu erhöhen.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Wir erreichen David Bruhn nach einer schlaflosen Nacht – wegen eines Unwetters endete sein Zug unerwartet in Hannover, und er bekam kein Hotelzimmer mehr. Der Leidenschaft, mit der er sich zur tiefen Geothermie äußert, tut das keinen Abbruch.

 

Herr Bruhn, bei der Heizungsdebatte ging es zuletzt immer nur um Wärmepumpen. Wird die tiefe Geothermie unterschätzt?

Die Wärmepumpen mit Bodensonden, also die flache Geothermie, sollte man in ihrer Bedeutung für die Wärmewende nicht unterschätzen, denn bei gängigen Luft-Wärmepumpen heizt man doch stark mit Strom. Die tiefe Geothermie eignet sich hervorragend für Wärmenetze, die gerade in urbanen Räumen künftig eine wichtige Rolle spielen werden. Das Gute an solchen Wärmenetzen ist, dass man zuerst einen Mix aus Gas, Müll oder Industrieabwärme nehmen kann und nach und nach auf Geothermie umstellt.

Welches Potenzial hat die tiefe Geothermie in Deutschland?

Laut der Roadmap, die Fraunhofer und Helmholtz-Gesellschaft gemeinsam erstellt haben, könnte die tiefe Geothermie 25 Prozent der in Deutschland benötigten Wärme liefern. Das ist ein erheblicher Anteil.

Bisher gibt es aber nur 42 Anlagen in Deutschland, obwohl die Technologie doch seit Jahrzehnten bekannt ist. Warum sind wir so spät dran?

Bis vor kurzem ging unsere gesamte Energiedebatte nur um den Strom, auch in der Geothermie-Debatte. Das war ein großer Fehler. Gerade beim Heizen ist in der Energiewende fast nichts passiert, wir heizen überwiegend immer noch mit fossilen Brennstoffen. Erst seit München so massiv in die Wärmeproduktion eingestiegen ist, ändert sich das. Zudem haben natürlich die Schadensfälle in Staufen, wo es allerdings gar nicht um tiefe Geothermie ging und die von einem reinen Bohrfehler verursacht wurden, zu einer großen Verunsicherung gerade in Baden-Württemberg geführt.

Können Sie dieses Unbehagen verstehen?

Ja, das kann ich schon verstehen, aber es ist nicht mehr gerechtfertigt. Und man muss sich einfach klarmachen: Der Status quo ist keine Option mehr, der Gashahn wird irgendwann abgedreht – also was dann? Wenn man die Alternativen betrachtet, ist die tiefe Geothermie vielleicht doch nicht so schlecht.

In Vendenheim kam es zu mehr als hundert Erdbeben nach einer Bohrung.

Das hat mich persönlich gar nicht überrascht, denn der dortige Betreiber hat sehr intransparent agiert und sich nicht reinreden lassen. Die Probleme resultierten keineswegs aus fehlendem Know-how. Wenn man sich die Statistik anschaut, wird man sehen, dass die Risiken sehr überschaubar sind und jedenfalls niedriger liegen als beim Autofahren. Fast alle Projekte laufen problemlos.

Im Oberrheingraben haben die Menschen auch Angst, das Grundwasser würde verunreinigt.

Ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Wie viele Erdölbohrungen gibt es am Oberrhein, und wie viele haben zu Verunreinigungen des Grundwassers geführt? Die Zahl der Erdölprojekte ist höher als die Zahl der Geothermieprojekte, und noch nie gab es Probleme. Natürlich hat man nie eine hundertprozentige Garantie, aber die Technik der tiefen Geothermie haben wir sehr gut im Griff. Und selbst wenn: Wäre Ihnen Erdöl oder Thermalwasser im Grundwasser lieber?

Könnte man das Risiko noch weiter minimieren?

Man muss mehr investieren, vor allem bei den Vorabprüfungen. Oft wird wegen der Kosten nur eine Bohrung gemacht, und die muss dann sitzen. Sinnvoll wären auf jeden Fall Explorationsbohrungen, um den Untergrund noch besser kennenzulernen. Das soll jetzt auch kommen, der Bund will die Kosten übernehmen. Das ist richtig, kommt aber 20 Jahre zu spät.

Die Unternehmen fordern mehr Investitionssicherheit, wie es sie bei der Windkraft schon gibt. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, das EEG hat für verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen gesorgt und die Entwicklung vorangetrieben. Einen solchen gesicherten Abnahmepreis bräuchten wir bei der tiefen Geothermie auch. Derzeit ist es so, dass erst Geld fließt, wenn die erste Kilowattstunde verkauft wird; aber dann sind halt schon 90 Prozent der Investitionen getätigt worden. Das Hauptrisiko ist auch heute noch die Fündigkeit – man muss einen sehr hohen Millionenbetrag investieren, um herauszubekommen, was man dort unten eigentlich vorfindet. Wichtig ist dafür auch, dass alle geologischen Daten zugänglich sind. Das war lange in Deutschland nicht so. In den Niederlanden gibt es sämtliche Daten online über eine einzige Seite zugänglich. Das hat einen Investitionsboom ausgelöst.

Kann Deutschland aus der tiefen Geothermie einen Exportschlager machen?

Nur sehr bedingt. Denn viele Projekte hat Deutschland mit anderen europäischen Partnern zusammen gemacht, etwa Frankreich oder der Schweiz. Das Know-how ist also nicht nur in Deutschland beheimatet. Und die Hauptarbeit bei einem Projekt findet sowieso lokal statt – so viel exportieren kann man da leider nicht. Aber bei der technischen Entwicklung ist Deutschland schon ganz vorne mit dabei.

David Bruhn

Laufbahn
David Bruhn (Jahrgang 1963) ist zur einen Hälfte seiner Arbeitszeit Professor für Geothermales Ingenieursbauwesen an der TU Delft in den Niederlanden und zur anderen Hälfte Leiter des Kompetenzzentrums Globale Georessourcen bei der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie in Cottbus. Er gilt als einer der profiliertesten Wissenschaftler zum Thema Geothermie.

Biografie
Geboren ist David Bruhn in Stuttgart, hier hat er bis zu seinem Abitur gelebt. Später studierte er in Clausthal (bei Goslar) und Zürich Geologie und arbeitete in Edinburgh, Minneapolis-St. Paul und Potsdam. fal

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