InterviewInterview mit Hans-Martin Gauger Manche fluchen geschlechtergerecht

Von Sonja Panthöfer 

Dem Mann, dem Sohn oder dem Bruder ­obliegt der Schutz der Mutter und der Schwester. Und so trifft man ihn selbst als Mann am härtesten, indem man sie als Nutten bezeichnet.

Gibt es auch Sprachen, in denen fortschrittlicher und emanzipierter geschimpft wird?
Durchaus, das Niederländische zum Beispiel. Wenn wir im Deutschen sagen, „ich fühl mich beschissen“, sagt man dort entweder wörtlich übersetzt „ich fühl mich hodig“ oder „ich fühl mich mösig“. Diese Sprache ist also gerecht und unter feministischem Gesichtspunkt nicht angreifbar.

Das klingt jetzt erschreckend direkt.
Nun ja, schockierend klingt es vor allem deshalb, weil wir nicht damit vertraut sind.

Aber solch vulgäre Kraftausdrücke wird man hierzulande selbst von Frauen, die gern mal derb schimpfen, nicht hören. Sind Sie sicher, dass nicht nur die Holländer, sondern auch die Holländerinnen diese sexuellen Kraftausdrücke benutzen?
Aber ja. In der unserer am engsten verwandten Sprache herrschen massiv sexuelle Ausdrücke vor, wenn es um Negatives geht. Und diese ursprünglich aus der Männerwelt stammenden Ausdrücke werden auch immer mehr von Frauen gebraucht. Das gibt es auch in den anderen Sprachen, die ich untersucht habe – ein Emanzipationsphänomen.

Sind andere Sprachen vulgärer als das Deutsche? Und sind wir hierzulande womöglich zarter besaitet als andere?
In diesem Punkt sind wir sicher zarter besaitet, das ist richtig. Wir Deutschsprachigen unterscheiden uns da – und zwar von allen unseren Nachbarn. Das hat mich, naiv, wie ich war, auch selbst überrascht, dass in so vielen Sprachen das Sexuelle verwendet wird, wenn es um die Bezeichnung von Negativem geht.

Eigentlich heißt es doch gerade von den Deutschen, sie seien so direkt.