InterviewInterview mit Hans-Martin Gauger Es existiert ein deutschsprachiger Sonderweg

Von Sonja Panthöfer 

Direkt sind wir ja auch, aber vor allem mit unseren fäkalen Ausdrücken. Wir sagen zum Beispiel, wenn wir ein wenig erregt sind: „Das ist mir scheißegal.“ Diese Wendung hat in anderen Sprachen keine Entsprechung. Wir schimpfen, beschimpfen, beleidigen und fluchen vorwiegend exkrementell, während alle anderen Sprachen um uns herum – ich habe ja rund 15 Sprachen in diesem Punkt untersucht – dies vorwiegend sexuell machen. Fäkalausdrücke laufen da nur noch so mit. Es existiert tatsächlich ein deutscher beziehungsweise deutschsprachiger Sonderweg.

Die Deutschschweizer und Österreicher werden ungern mit den Deutschen in einen Topf geworfen, schon gar nicht, wenn es um die Sprache geht. Sitzen wir in Sachen „Scheiße“ doch alle im selben Boot?
In dieser Hinsicht unterscheiden sich Schweizer, Österreicher und Deutsche so gut wie gar nicht, auch wenn sie dies „scheiße“ finden mögen. Als Trost ließe sich allerdings hinzufügen, dass wir auf Deutsch zumeist nicht frauenverachtend schimpfen: „Leck mich am Arsch“ gilt für beide Geschlechter.

Wie ist dieser deutschsprachige Sonderfall zu erklären?
Eine durchschlagende Erklärung für diesen deutschsprachigen Sonderweg habe ich nicht gefunden. Diese exkrementelle Einseitigkeit muss sich schon im frühen Mittelalter angebahnt haben. Und dann meine ich: die Sprachen sind sehr fantasievoll, aber immer nur innerhalb derselben Spur. Und wir haben uns eben früh auf diese eine Spur beschränkt.

Gibt es keine Ausnahmen?
Doch, zum einen ist da die Jugendsprache: Hier lässt sich ganz klar erkennen, dass maßvoll sexuelle Ausdrücke für Negatives zunehmen wie etwa „Fick dich ins Knie“ oder „Wenn du das machst, bist du gefickt“. Eine weitere Ausnahme stellt der gesamte südwestdeutsche Raum dar. Sehr verbreitet ist hier zum Beispiel das Schimpfwort „Seckel“, das eigentlich und reichlich vulgär das männliche Geschlecht bezeichnet. Das ist vielen, die das Wort verwenden, gar nicht bewusst.

Sie stammen selbst aus dem Schwäbischen. Sind Sie denn auch ein passionierter Schimpfer? Oder eher nicht?
Ehrlich gesagt bin ich weder ein großer noch ein fantasievoller Schimpfer, ich befinde mich da auf der normal deutschsprachigen Scheiße-Linie.

Was war die schönste Beschimpfung, die Sie jemals gehört haben?
Ganz nett finde ich, was ich aus Israel höre: „Eine Krankheit soll nach dir benannt werden!“ Oder: „Du sollst viel, viel Geld verdienen, aber alles wieder ausgeben müssen für die Ärzte, die du brauchen wirst!“