InterviewInterview mit Hans-Peter Ehrlich „Nur scheinbar klare Verbote der Homosexualität in der Bibel“

Lokales: Mathias Bury (ury)
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Ein Konfliktthema ist in der evangelischen Kirche auch der Umgang mit homosexuellen Pfarrerinnen und Pfarrern, für die Sie sich immer wieder eingesetzt haben – allerdings meist in aller Stille. Hätten Sie da offensiver vorgehen sollen?
Ich habe meine Vorgehensweise stets mit den Betroffenen abgesprochen, also mit den schwulen und lesbischen Pfarrerinnen und Pfarrern. Da sagen die einen, das ist unser Privatleben und geht niemanden etwas an, die anderen wollen das als Normalität anerkannt haben. Dann habe ich bei der Investitur auch mal den Partner eines Pfarrers begrüßt. Man muss immer überlegen: schadet man oder hilft man.

Würden Sie sich wünschen, dass homosexuelle Paare ganz selbstverständlich im Pfarrhaus leben dürfen?
In der Landeskirche ist so etwas ja bisher nur als Ausnahmefall möglich. Es gilt das sogenannte halb offene Verfahren, bei dem unter anderem auch das örtliche Besetzungsgremium zustimmt. So ist von Anfang an die Sachlage klar, damit nicht später bei einem Konflikt in der Kirchengemeinde jemand in die untere Schublade greift und sagt: der Pfarrer ist ja schwul. Solche Fälle hat es in der Landeskirche gegeben – und das ist erbärmlich. Ich wünsche mir, dass es gar kein Thema sein sollte, ob eine Pfarrerin oder ein Pfarrer alleine oder in einer Partnerschaft lebt, ob er oder sie heterosexuell oder homosexuell ist. Alle sollten nach ihrer Arbeit beurteilt werden.

Theologisch haben Sie bei ihrer Bewertung der Homosexualität aber auch gewichtige Argumente gegen sich, zum Beispiel Bibelstellen bei Paulus.
Es gibt in der Bibel da nur scheinbar klare Verbote. In Wirklichkeit geht es aber niemals um die Homosexualität an sich, sondern um Fragen des Erbrechts, des Missbrauchs oder der Gewalt. Die Homosexualität ist nur zu einem Zentralthema geworden, weil die Kirche überhaupt kein geklärtes Verhältnis zur Sexualität hat. Darüber müsste man reden.

Dann tun Sie’s!
Ich finde, Fortpflanzung kommt ohne Sexualität nicht aus, aber die Fortpflanzung ist nicht der einzige Zweck der Sexualität. Die ist eine Gottesgabe, die ich habe und an der ich mich freuen kann und mit der ich verantwortungsvoll umgehen muss. Ob das alle Bischöfe so sehen, weiß ich nicht.

Seit 1995 ist die Zahl der Kirchenmitglieder von gut 200 000 auf 160 000 zurückgegangen. Wird das so weitergehen?
Jeder träumt natürlich von einem missionarischen Aufbruch, bei dem die Leute uns wieder zulaufen. Ich denke, wir können das Reich Gottes aber nicht machen, wie wir es uns erhoffen. Wir können aber unsere Aufgabe wahrnehmen als evangelische Kirche in dieser Stadt, gerne auch zusammen mit der katholischen Schwester. Wir sollten unseren Gemeindemitgliedern alle Formen der Verkündigung des Evangeliums bieten. Das bedeutet: Orientierung, Trost, Zuversicht, Hoffnung. Und das bedeutet soziale und diakonische Verantwortung für die gesamte Stadt übernehmen. Wir sind dazu da, als Sauerteig hier zu wirken, und der wirkt auch dann noch, wenn es wenige sind. Wobei das nicht zur Verherrlichung der kleinen Schar führen soll.




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