Frau Kauderer, die Bewerbungszeit auf dem Ausbildungsmarkt geht in die heiße Phase. Wie viele Jugendliche suchen Sie für Ihre Hotelbetriebe?
Durchschnittlich stellen wir vier Auszubildende für die beiden Häuser in Ostfildern ein. Im vergangenen Lehrjahr sogar noch einen zusätzlich.
Doch in den IHK-Mitgliedsbetrieben im Kreis Esslingen wurden insgesamt weniger Auszubildende eingestellt als 2019. Welche Prognose geben Sie für 2021?
Wir werden sicher noch mal einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich haben, sodass wir innerhalb von zwei Jahren ein Drittel weniger Ausbildungsverträge verzeichnen. Trotz Corona sind die Ausbildungsangebote der Betriebe aber ungebrochen. Aktuell gibt es im Landkreis mehr als 200 offene Stellen. Wir haben einen guten Wirtschaftsstandort, der breit gefächert ist von der Industrie über Handel bis zur Dienstleistung. Wir sind städtisch geprägt, es gibt aber auch Landwirtschaft. Wir haben die Schwäbische Alb, aber auch Flughafen und Messe. Die Bandbreite ist unglaublich, und das bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten für Bewerber.
Aktuell läuft die erste große digitale Ausbildungsmesse im Landkreis, die „Karriere 2021“, bei der IHK und EZ kooperieren. Welche Chancen bietet sie, um in diesem Jahr mehr Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zusammenzubringen?
Natürlich ist eine Berufsorientierung in Präsenz wünschenswert. Aber dass das im vergangenen Jahr nicht möglich war und es wenig digitale Alternativen gab, waren auch Gründe, warum 2020 die Ausbildungsverträge zurückgegangen waren. Man hat die Schülerinnen und Schüler nicht erreicht, sie sind ein stückweit auf Tauchstation gegangen. Ein Jahr später gibt es gute Lösungen. Es ist toll, dass die Messe digital stattfindet. Ich möchte jungen Leuten Mut machen, sich zu informieren. Die Ausbildung ist ihre Zukunft.
In der Krise sind viele Betriebe in finanziellen Schwierigkeiten. Wie können sie trotzdem ausbilden?
Wir sind natürlich in einer Sondersituation in der Corona-Pandemie. Ich bin dankbar, dass es staatliche Finanzhilfen gibt, wenn sie auch langsam fließen. Zwar machen viele Firmen keinen Gewinn, aber sie werden am Leben gehalten. Einzelne werden sich vielleicht nicht halten können. Nichtsdestotrotz werden die Betriebe weiter ausbilden. Nur wenn wir ausbilden, werden wir auch in Zukunft die Fachkräfte haben, die wir benötigen. Wichtig ist, dass die Ausbildungsprämie erhalten bleibt.
Was kann der Staat noch tun?
Es ist eine wirtschaftlich schwierige Zeit, aber wir sehen viele tolle Ansätze in Firmen, die auf einem guten Weg sind. Für sie müssen politisch die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Nur dann haben wir in Zukunft noch unseren starken Arbeitsmarkt. Dieser Lockdown darf keine unendliche Geschichte sein. Man muss die Betriebe arbeiten lassen zu fairen Rahmenbedingungen. Auch die Gastronomie. Man muss lernen, mit dem Virus zu leben und eine gewisse Eigenverantwortung in die Hände der Unternehmen zu legen.
Jetzt gibt es einen Stufenplan für Öffnungsschritte. Ist das der Anfang für den Aufschwung im Kreis Esslingen?
Vielleicht teilweise. Aber wenn ich höre, dass der Einzelhandel im Nachbarkreis Göppingen am Dienstag öffnen konnte und am Donnerstag wieder schließen musste, dann muss ich sagen: Eine richtige Strategie sieht für mich anders aus. Ich bin der Meinung, man darf sich nicht nur an Inzidenzen ausrichten. Wenn wir Einschränkungen wie Abstand und Maskenpflicht beachten und alle Möglichkeiten auf den Weg bringen, wie eine digitale Nachverfolgbarkeit, Impfungen und Schnelltests, dann sollten auch Restaurants öffnen können. Es sollten alle Branchen gleich betroffen sein von Regeln, mit denen man leben kann. Wir sind zwar dankbar für die Finanzhilfen, aber jeder will wieder aus eigener Kraft wirtschaften.
Mit Ihnen, Vanessa Bachofer und Beatrice Kiesel-Luik ist das Präsidium weiblicher geworden. Damit sind Frauen in der IHK-Bezirkskammer stärker repräsentiert als in den Führungsetagen deutscher Unternehmen. Wie haben Sie das geschafft?
Ich finde das erfreulich, aber es war nicht die erste Zielsetzung. Es ging darum, engagierte Unternehmer zu gewinnen, die bereit sind, sich auch ehrenamtlich in die Dienste der IHK zu stellen und ihre Branche zu vertreten, und nicht um das Geschlecht. Mit zwei Vertreterinnen der Industrie im Präsidium, die eine große Rolle im Landkreis spielt, sind wir gut aufgestellt. Es ist also keine gesetzte Quote.
Dennoch hat das eine Außenwirkung. Können und wollen Sie Vorbild sein für junge Frauen und Männer?
Es ist schön, wenn man uns als Vorbilder wahrnimmt und das anderen Mut macht. Aber für mich ist es nichts Neues, als Frau ein Unternehmen zu führen. Ich bin schon seit 1994 selbstständig. In unserer Zeit ist es selbstverständlich, dass Frauen gleichrangig sind, und es sollte in unserer Gesellschaft inzwischen angekommen sein, dass Frauen genauso Karriere machen und Führungskräfte sind.
Was sind die großen Themen während Ihrer Präsidentschaft?
Ein Kernthema wird die Ausbildung sein. Wir haben viele innovative Unternehmen und eine Zukunftswirtschaft, die entsteht. Die Transformation ist in vollem Gange und Berufsbilder verändern sich. Auch das treibt die IHK an, nicht nur die Ausbildung, sondern auch das lebenslange Lernen. Die Betriebe müssen ihre Mitarbeiter mitnehmen bei den Veränderungen. Die IHK will sie begleiten und die Aus- und Weiterbildung weiterentwickeln. Ein weiteres zentrales Thema ist die Standortpolitik. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um in einem attraktiven Umfeld arbeiten zu können. Betriebe brauchen Flächen, die Infrastruktur muss ausgebaut werden, Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt werden. Und aktuell leistet die IHK natürlich die wichtige Arbeit, die Mitgliedsfirmen in der Corona-Krise zu unterstützen.
Heike Kauderer und die IHK
Unternehmerin Heike Kauderer ist Geschäftsführerin der Hirsch Hotelbetriebs GmbH in Ostfildern mit etwa 50 Mitarbeitenden, davon 16 Auszubildende. Ihre Familie betreibt seit vielen Generationen das Hirsch-Hotel in Ruit und das „Lamm“ in Scharnhausen. Auch das Badhotel Stauferland in Bad Boll gehört zum Unternehmen.
Präsidium Seit Februar ist Kauderer Präsidentin der IHK Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen, nachdem sie in den Jahren zuvor schon Mitglied des Präsidiums war. Als Stellvertreter wurde Alexander Kögel, Inhaber des gleichnamigen Esslinger Modehauses, gewählt. Weitere Mitglieder des Präsidiums, das bis 2024 im Amt ist, sind Vanessa Bachofer von Mack und Schneider in Filderstadt sowie Beatrice Kiesel-Luik von Kiesel Bauchemie in Esslingen. Im Kreis Esslingen zählt die IHK etwa 30 000 Mitglieder.
Ausbildung Bis Ende 2020 wurden von IHK-Betrieben im Kreis Esslingen 1840 neue Ausbildungsverträge gemeldet und damit 15,7 Prozent weniger als 2019. Besonders stark war der Rückgang in den kaufmännischen Berufen, unter anderem im Gastgewerbe und in der
Industrie.
Die Ausbildungsmesse
Die Ausbildungsmesse „Karriere“ findet in diesen Tagen erstmals digital statt. Sie ist bis Sonntag, 14. März, um Mitternacht für Jugendliche aller weiterführenden Schulen, Eltern und Lehrkräfte geöffnet. 30 Aussteller präsentieren sich an virtuellen Messeständen. An diesem Samstag stehen von 10 bis 14 Uhr Firmenvertreter im Live-Chat zur Verfügung. Veranstalter ist der Verlag der Eßlinger Zeitung in Kooperation mit IHK, Kreishandwerkerschaft, Agentur für Arbeit, Südwestmetall und Landkreis Esslingen. Anmeldung und Information: www.karrieremesse-esslingen.de