Die Tendenz mancher Menschen zu wahnhaften Vorstellungen ist nach Ansicht des Baseler Neurowissenschaftlers Philipp Sterzer ein Relikt aus der frühen Menschheitsgeschichte – und trotzdem hochaktuell.
Herr Sterzer, wir handeln oft nicht so rational, wie wir glauben. Warum ist das so?
Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich auf einen Job und sind überzeugt, dass sie der ideale Kandidat dafür sind. Tatsächlich sind Sie aber allenfalls durchschnittlich qualifiziert. Das heißt, Ihre Überzeugung ist – bezogen auf die Realität – irrational. Im praktischen Sinne kann sie aber trotzdem rational sein, denn sie erhöht wahrscheinlich die Chance, dass Sie den Job bekommen.
Manchmal ist es also besser, Tatsachen zu ignorieren?
Genau. Wir unterliegen oft der Illusion, dass wir die Welt sehen, wie sie ist. Tatsächlich konstruiert unser Gehirn aus den Signalen der Sinnesorgane vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen sein eigenes Modell der Welt. Dabei geht es nicht nur darum, der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen, sondern auch darum, was uns am meisten nützt und sich für uns stimmig anfühlt. So können wir auch zu Überzeugungen kommen, die den Fakten widersprechen.
Was macht die Informationsflut des Digitalzeitalters mit unserem Gehirn?
Es muss versuchen, sich einen Reim auf sehr viele, teils widersprüchliche Informationen zu machen, sie in ein großes Ganzes einordnen. Wie wir welche Informationen gewichten, hängt wiederum von unseren Vorstellungen von der Welt ab. Einfache Erklärungen haben vor allem in schwierigen Situationen eine hohe Anziehungskraft, weil sie Orientierung versprechen.
Ist das eine Ursache für die zunehmende Spaltung der Gesellschaft?
Man muss da vorsichtig sein, aber ich denke, das spielt schon eine Rolle. Wenn andere Menschen felsenfest von Dingen überzeugt sind, die unseren eigenen Überzeugungen widersprechen, kann uns das dazu verleiten, sie für nicht zurechnungsfähig oder sogar für verrückt zu erklären. Konträre Überzeugungen und daraus entstehende Konflikte sind aber nicht nur ein Phänomen unserer Zeit. Denken Sie nur an die vielen Religionskriege.
Gibt es Berührungspunkte zwischen psychischen Erkrankungen und irrationalen Überzeugungen?
Stellenweise kann man Parallelen zur Schizophrenie ziehen. Betroffene erkennen zum Beispiel in bestimmten, wahrscheinlich nur zufälligen Ereignissen ein Übermaß an Bedeutung. Dadurch können wahnhafte Überzeugungen entstehen – etwa die Gewissheit, dass man verfolgt wird oder dass andere einem Böses wollen. Ein ähnlicher Mechanismus könnte auch bei der Entstehung von Verschwörungstheorien eine Rolle spielen. Wir sollten uns aber nicht zu Therapeuten von Verschwörungsgläubigen aufspielen, denn sie wollen ja nicht behandelt werden. Dennoch könnten einige psychotherapeutische Prinzipien auch hier hilfreich sein. Wichtig ist etwa die Erkenntnis, dass man mit Konfrontation, Ratschlägen oder Empfehlungen eher auf Widerstand stößt.
Sie argumentieren, dass wahnhafte Züge früher in der Menschheitsgeschichte auch ein Vorteil gewesen sein könnten.
Ob eine Eigenschaft adaptiv ist – also förderlich für unser Überleben – hängt von den Bedingungen ab. Ein Beispiel dafür ist die Veranlagung für Adipositas. Das ist ein Relikt aus einer Zeit, in der es wichtig war, Fettreserven anzulegen, um magere Zeiten zu überstehen. Heute, wo es in vielen Teilen der Welt genug Nahrung gibt, kann diese Veranlagung krank machen. So ähnlich kann man sich das bei psychischen Merkmalen vorstellen. Bestimmte Genvarianten, die sich bis heute gehalten haben, könnten dazu führen, dass man wachsamer ist gegenüber möglichen Bedrohungen. Das kann in gefährlichen Umgebungen von Vorteil sein, aber eben auch eine paranoide Tendenz begünstigen.
Dann ist es sozusagen ein Überbleibsel aus der Steinzeit, dass wir zu irrationalen Überzeugungen neigen?
Das ist zumindest eine mögliche Erklärung. Unser Bild der Welt zielt nicht in erster Linie darauf ab, die Realität wiederzugeben, sondern vor allem darauf, uns vor potenziell existenzgefährdenden Gefahren zu schützen – auch wenn diese sehr unwahrscheinlich sind. Wenn ich im Wald etwas Längliches auf dem Boden sehe, das wahrscheinlich ein Stock ist, aber auch eine Schlange sein könnte, neige ich dazu, es als Schlange wahrzunehmen. Denn der Fehler, eine Schlange für einen Stock zu halten, könnte tödliche Folgen haben.
Könnte dieser Mechanismus auch die Ängste mancher Menschen vor seltenen, aber potenziell schweren Impfkomplikationen erklären?
Da geht es natürlich um sehr komplizierte Zusammenhänge. Doch die Angst vor möglicherweise schlimmen Folgen einer Impfung kann durchaus zu irrationalen Überzeugungen führen. Etwa zu der Vorstellung, Politik und Pharmaindustrie wollten uns mit den Impfungen bewusst Schaden zufügen.
Wie kann man damit umgehen?
Es gehört zum Wesen von Verschwörungstheorien, dass sie sich einer rationalen Diskussion entziehen. Und wenn man dagegen argumentiert, kann das die Überzeugungen der Anhänger sogar verstärken. Trotzdem ist konstruktiver Dialog der einzig sinnvolle Weg. Wenn man die Leute zum Beispiel bittet, mal genau zu erklären, wie die Dinge ihrer Meinung nach zusammenhängen und wie sie zu ihrer Einschätzung kommen, kann das dazu beitragen, dass sie Widersprüche im eigenen Denken erkennen.
Welche Lehren können wir dabei aus unserem Wissen über das Gehirn ziehen?
Wir sollten uns klarmachen, dass wir alle einer Rationalitätsillusion unterliegen, dass viele unserer Überzeugungen irrational sind. Wenn wir darüber hinaus auch verstehen, wie Überzeugungen entstehen und welche Funktion sie für uns haben, fällt es auch leichter, sie zu hinterfragen und uns in andere Menschen hineinzuversetzen, die ganz andere Überzeugungen haben.
Psychiater und Autor
Position
Philipp Sterzer (Jahrgang 1970) ist seit Mai Chefarzt des Zentrums für transdiagnostische Früherkennung und –intervention an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und Professor für Translationale Psychiatrie an der Uni Basel. Er studierte Medizin in München und Harvard. 2011 wurde er Professor für Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Charité.
Buch
Sterzers Buch „Die Illusion der Vernunft – Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten“ erscheint am 1. September bei Ullstein. 240 Seiten kosten 23,99 Euro.