Interview mit Historiker zu WMF Schwerste Krise war in den 70ern

Von  

Das Unternehmen WMF hat in seiner 161-jährigen Firmengeschichte mehrere Umbrüche erlebt. Am meisten gelitten haben die Geislinger nach Ansicht des Historikers Severin Roeseling unter den Ölkrisen und eigenen Versäumnissen.

Ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte: das Bild zeigt das alte Fabrikgebäude der Württembergischen Metallwarenfabrik. Foto: picture alliance
Ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte: das Bild zeigt das alte Fabrikgebäude der Württembergischen Metallwarenfabrik. Foto: picture alliance
Stuttgart- - Seit Donnerstag ist der Weg für den US-Finanzinvestor KKR frei, den Geislinger Küchenspezialist WMF im Alleingang zu führen. Das Unternehmen soll nach 127 Jahren von der Börse verschwinden. Der Kölner Historiker Severin Roeseling ist gut mit der Geschichte von WMF vertraut; die Wurzeln des Unternehmens reichen bis 1853 zurück. Er erinnert an die Glanzzeiten des Unternehmens, aber auch an dunkle wirtschaftliche Stunden.
Herr Roeseling, Sie haben einmal geschrieben „die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte tut jedem Unternehmen gut“. Viele Mitarbeiter der WMF AG in Geislingen fühlen sich nicht erst seit Donnerstag eines Teils ihrer Geschichte beraubt.
Wenn ich Mitarbeiter wäre, würde ich das vielleicht genauso sehen. Für einen Historiker kann das Wissen über die Geschichte aber auch dazu dienen, zu beruhigen. Es gab schon früher Krisen- und Umbruchsituationen, in denen die Sorge der Beschäftigten ähnlich groß gewesen ist, die aber überstanden wurden. Mitarbeitern, deren berufliche Existenz gerade akut bedroht ist, hilft das natürlich nicht weiter. Auf der anderen Seite ist der Wandel aber ein Teil der historischen Wirklichkeit.
Können sie den Wandel am Beispiel von WMF beschreiben?
Das Unternehmen war schon in seiner Geburtsstunde das Resultat einer Fusion: 1880 gingen die 1853 in Geislingen gegründete Metallwarenfabrik „Straub & Schweizer“ und die Esslinger Metallwarenfabrik „Ritter & Co“ zusammen. Der Zusammenschluss erfolgte unter Führung der Württembergischen Vereinsbank, die ihre Anteile wenig später an Gustav Siegle verkaufte, einen Industriellen aus dem Umfeld der BASF. 1887 ist das Unternehmen dann an die Stuttgarter Börse gegangen und somit das älteste börsennotierte Unternehmen in Baden-Württemberg.
Wieso wurde es überhaupt eine AG?
Nach der Gründung des deutschen Reiches hatte es ein neues Aktiengesetz gegeben, worauf hin eine ganze Reihe große Aktiengesellschaften gegründet worden. Das ist eine zeittypische Erscheinung. Viele sind später wieder vom Markt verschwunden, besonders im Zuge der Weltwirtschaftskrise um 1930.
Wann hat WMF seine Glanzzeiten erlebt?
Schon Ende des 19. Jahrhunderts gewannen die Produkte aus Geislingen an Bedeutung. Das fing mit Jugendstilwaren an. Im Selbstverständnis des Unternehmens sind dann aber die 20er und frühen 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besonders wichtig. Damals entstanden kunsthandwerkliche Produkte mit großer kunsthistorischer Bedeutung. In der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg ging es dann vor allem um hochwertige, modern gestaltete Haushaltwaren. In die 50er Jahre fällt zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem Produktdesigner und Bauhaus-Schüler Wilhelm Wagenfeld. Er entwarf Gebrauchsgüter wie Ei- und Aschenbecher für die Geislinger. Diese Entwicklung wirkt bis in die Jetztzeit hinein, das sehen sie daran, dass fast jeder noch ein WMF-Besteck zuhause hat. Seit den 60er Jahren sind Kaffeemaschinen für die Gastronomie die erfolgreichsten Produkte.

Unsere Empfehlung für Sie