InterviewInterview mit Hundeexperte Martin Rütter „Der beste Freund des Menschen ist der Mensch“

Martin Rütter ist Tiertrainer und inzwischen auch ein erfolgreicher Comedian und Entertainer. Foto: Mina
Martin Rütter ist Tiertrainer und inzwischen auch ein erfolgreicher Comedian und Entertainer. Foto: Mina

Martin Rütter spricht im StZ-Interview darüber, wie seine Hündin Emma in sein Leben kam und warum er ein rosa Märchenschloss als Hundehütte für lässlich hält, wo aber die Tierquälerei für ihn anfängt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Stuttgart - Kann man Tierliebe auch übertreiben? Einer, der die Antwort auf diese Frage kennen sollte, ist der Hundetrainer und Tierpsychologe Martin Rütter. Wir haben ihn um Aufklärung gebeten.

Herr Rütter, ist Ihre Hündin Emma Ihre beste Freundin?
Emma ist ohne Wenn und Aber ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Aber der beste Freund des Menschen sollte ganz allgemein immer noch der Mensch sein. Wer anderes glaubt, der zieht sich aus dem Menschlichsein zurück.
Sie wollten doch eigentlich nach dem Tod der Golden-Retriever-Hündin Mina keinen neuen Hund?
Richtig. Mina bekam ich mit 23 und sie wurde sechzehneinhalb Jahre alt. Mina war mein absoluter Stern. Ich habe zweieinhalb Jahre gebraucht, um ihren Tod zu verarbeiten, es war eine Katastrophe für mich. Ich habe oft im Auto gesessen, an Mina gedacht und losgeheult. Es hat lange gedauert, bis ich meine „Neue“ hatte. Emma ist mir zugelaufen. Die Situation war völlig schräg. Als ich aus meiner Wohnung in Köln-Lindenthal kam, saß sie vor der Tür. Wir guckten uns an, dann sie ist an mir vorbeigerannt und hat sich auf die Couch gelegt. Wie absurd ist das denn bitte, dass ausgerechnet mir mitten in Köln ein Hund zuläuft?
Würden Sie in der Mensch-Tier-Beziehung von Freundschaft sprechen?
Bei den Hunden sind die Gefühle messbar, da sie Hormone ausschütten: Und Hunde, die ihren Halter wiedersehen, empfinden Glück und – ja – so etwas wie Freundschaft, sogar Liebe, weil entsprechende Hormone ausgeschüttet werden. Außerdem hat der Hund eine Eigenschaft, die sonst kein Tier hat: Der Hund ist in der Lage, einen Artfremden als gleichwertigen Sozialpartner zu sehen. Der Hund weiß, dass wir kein Hund sind. Aber wir können für den Hund so wichtig werden wie ein anderer Hund. So etwas kann keine Katze, kein Pferd und kein Wellensittich. Selbst ein Affe nicht. Der Hund kann sich also wirklich auf einen Menschen einlassen, und dadurch entsteht eine ganz besondere Nähe. Ich denke, dass es das Wichtigste ist, mit seinem Hund eine echte Partnerschaft einzugehen. Es gilt, seine Bedürfnisse zu respektieren und zu stillen. Gleichzeitig sind eine gute Erziehung, adäquate Beschäftigung, ein allgemein respektvoller Umgang sowie Freude und Spaß die Basis für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Hund.
Kann man das emotional überladen?
Auf jeden Fall, Vermenschlichung ist das Stichwort. Hier muss man aber differenzieren. Wenn man seinen Hund mal vermenschlicht, geht ja nicht direkt die Welt unter. Ich habe meinem Hund abends auf der Couch auch schon meine Sorgen und Nöte des Tages erzählt. Kein Problem. Es darf nur nicht eskalieren, dass ich permanent meine Wünsche auf den Hund projiziere. Das schürt Erwartungen, die der Hund nie erfüllen kann. Die Kernfrage lautet: Was stört den Hund? So lange der Hund in seiner geistigen und körperlichen Freiheit nicht eingeschränkt wird und nach seinen Bedürfnissen entspannt leben kann, ist alles okay. Gegen ein mit Diamanten besetztes Halsband ist nichts zu sagen. Es beeinträchtigt den Hund nicht. Das gilt auch für das pinkfarbene Märchenschloss als Hütte. Gefährlich wird’s, wenn der Hund zum Oktoberfest ins Dirndl gezwängt wird. Da hört der Spaß auf, das ist Tierquälerei.
Was sagt das über den Besitzer?
Eines der Kernprobleme ist, dass sich die Menschen immer mehr ins Private zurückziehen. Sie pflegen Freundschaften sehr häufig virtuell. Durch diese Anonymisierung spielt der Hund eine immer größere Rolle: Er wird immer mehr Sozialpartner.



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