Interview mit IBA-Geschäftsführerin „Ich glaube, es ist ein Vorteil, dass ich keine Architektin bin“

Gabriele König, die neue Geschäftsführerin der IBA’27, im Gespräch. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Gabriele König, neue Geschäftsführerin der IBA, berichtet im Interview von ihren Zielen – und warum es gut ist, dass sie fachfremd ist.

Im Jahr 2027 soll die Internationale Bauausstellung (IBA’27) die Region Stuttgart zum Schaufenster für moderne Architektur und zukunftsfähiges Wohnen machen. Als Geschäftsführerin soll die gebürtige Stuttgarterin Gabriele König, die auf Karin Lang folgt, dafür sorgen, dass dies bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt.

 

Frau König, wie ist Ihre persönliche Erfahrung mit dem Wohnen in Stuttgart?

Seit März suche ich eine Wohnung in Stuttgart. Und ich erlebe, wie das im Vergleich mit anderen Städten wahnsinnig schwierig ist. Dabei suche ich kein Loft, sondern eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Bisher habe ich nichts gefunden. Das finde ich irgendwie irre. Und ich bin in einer privilegierten Situation, für Familien und Menschen mit geringem Einkommen ist das noch mal etwas anderes.

Da stecken Sie dann also mittendrin in einem Kernthema der IBA – bezahlbares Wohnen . . .

Die verrückteste Erfahrung bisher war, dass 150 Menschen gleichzeitig zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen waren. Alle hatten ihre Bewerbungsmappe dabei. Und es ist unglaublich, was alles gezeigt werden muss. Selbst der Familienstand. Das hat mich etwas befremdet: Ich will doch eigentlich nur wohnen. Um überhaupt eine Chance zu haben, muss der Gehaltsnachweis, Schufa, Personalausweis vorab versandt werden, an Menschen, die man nicht kennt. Ich habe in Darmstadt und Krefeld Wohnungen gesucht – da gab es dieses gefühlte Misstrauen nicht. Haben Vermieter hier tatsächlich so viel schlechte Erfahrungen gemacht?

Gibt es ein IBA-Projekt, in dem Sie gerne wohnen würden?

Ich finde die Neckarspinnerei in Wendlingen spannend, Wohnen am Fluss finde ich sehr attraktiv. Das ist ein altes Industrieareal, in dem es schon immer die Kombination aus Wohnen und Arbeiten gab.

Wobei dort auch Neubauten entstehen. . .

Ja, aber es geht auch um Bauen im Bestand. Von dem Gedanken, zunächst alles abzureißen, um dann neu zu bauen, müssen wir uns befreien.

Wie würden sie die IBA definieren?

Die IBA soll zeigen, dass wir beim Bauen nicht einfach so weiter machen können wie bisher. Benötigt wird vor allem ausreichend bezahlbarer Wohnraum. Wohnen ist etwas Fundamentales. Wenn Menschen auf zu engem Raum wohnen, wenn sie kein Zuhause haben, entsteht sozialer Unfrieden. Menschen werden sich nach meiner Einschätzung dann auch nicht in die Gesellschaft einbringen können. Dazu kommen weitere Themen, wo wir arbeiten etwa, und wo sich unterschiedliche Menschen begegnen. Darum zeigt die IBA nicht schillernde Bauten, sondern viele Projekte, die sich genau mit diesen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.

Aber denken Sie, dass ist auch in der breiten Bevölkerung angekommen? Oder wird die IBA noch als Minderheitenprogramm wahrgenommen?

Vielleicht wurde ich deshalb als Geschäftsführerin eingestellt. Seit ich beruflich tätig bin, ist mir kulturelle Teilhabe wichtig, unter anderem habe ich 23 Jahre lang ein Kindermuseum geleitet. Mir ist es wichtig, dass die Menschen erleben: Es geht um sie.

Sind Sie mit der Bekanntheit der IBA zufrieden?

Bis 2027 müssen wir daran weiter arbeiten. Ein sehr guter Zwischenschritt war das Festival im Mai. In 100 Veranstaltungen konnte ein sehr breites Publikum über die ganze Region erreicht werden. Das Ausstellungsjahr 2027 wird anders sein als 1927 die Präsentation der Weissenhofsiedlung. 2027 sind die Projekte über die Region Stuttgart verteilt. Das ist eine andere Herausforderung.

Wie wollen Sie dieser begegnen?

Wir wollen nach außen kommunizieren, dass die Region Stuttgart 2027 eine Reise, ein Besuch wert ist. Besucher können in der zentralen Ausstellung, die voraussichtlich im ehemaligen Kaufhof in Stuttgart zu sehen sein wird, die Bandbreite der IBA’27 erleben. Ein weiterer wichtiger Ort wird das neue Besucher-Informationszentrum auf dem Weissenhof sein. In Stuttgart-Rot geht es um genossenschaftliches Wohnen, dort kann man das Quartier und voraussichtlich auch eine Wohnung von innen besichtigen. Weitere Orte sind der Campus Vaihingen mit Experimentalbauten der Uni, die Neckarspinnerei in Wendlingen, das ZERO-Gebäude in Stuttgart-Möhringen, um nur einige zu nennen. Es geht darum, Programme zu entwickeln, die unterschiedliche Zielgruppen wie Schüler, Azubis, Experten, Senioren ansprechen und unterschiedliche Themen behandeln.

Was braucht die IBA von der Stadt und der Region?

Dass die öffentlichen Haushalte mächtig unter Druck stehen, ist uns bewusst. Aktuell sind wir dabei, mit unseren Gesellschaftern den Finanzrahmen für 2027 auszuhandeln. Das gemeinsame Ziel ist, Stuttgart und die Region 2027 mit der IBA sichtbar und attraktiv zu machen.

Was machen Sie, wenn die Idee nicht klappt, aus der nach der Eröffnung von Stuttgart 21 frei werdenden Bahnsteighalle einen prominenten IBA-Ausstellungsort zu machen?

Unser Wunsch ist es, 2027 auch die bisherige Quersteighalle zu bespielen. Für das Ausstellungsjahr ist es aber vor allem wichtig, dass Stuttgart 21 eröffnet ist. Sollte dies nicht klappen, wäre dies kein günstiges Signal zum Bauen in Stuttgart. Die Bahn hat aber derzeit sicher größere Fragen zu klären, als die, ob wir dort ausstellen können oder nicht. Wir müssen, um das Wortspiel zu gebrauchen, zweigleisig fahren und gegebenenfalls einen anderen zweiten Ausstellungsort – außer dem Kaufhof – finden.

Sie sind Kulturmanagerin und somit fachfremd. Wie haben sie sich der Architektur angenähert?

Man kann es auch als Vorteil sehen, dass ich keine Architektin bin. Ich sehe mich in der Rolle der Übersetzerin, Architektur, Stadtentwicklung und Bauen verständlich zu erklären: Was ist modulares Bauen? Warum ist das nicht schlechter? Warum macht es das Bauen billiger? Ähnlich der Dramaturgie der Sachgeschichten in der „Sendung mit der Maus“.

Hängt der IBA noch die Baukrise nach? Es gibt ja das Bild, dass im IBA-Ausstellungsjahr sehr vieles unfertig sein wird?

Es wird viele fertige Projekte geben. Das Klett-Areal oder Mitarbeiterwohnungen des Landes in der Weimarstraße, die Projekte in Stuttgart-Rot und Münster, das Bürogebäude ZERO in Möhringen, das Wendlinger Parkhaus. Oder die Brenzkirche in der Nähe der Weissenhofsiedlung: Das ist ein spektakuläres Projekt, hier wird die Überformung aus der NS-Zeit zurückgenommen, und gleichzeitig werden die verschiedenen historischen Schichten sichtbar gemacht. Es wird aber auch Unfertiges geben. Natürlich darf eine IBA nicht nur aus Baustellen bestehen. Aber auch die haben ihren Reiz.

Was ist nach den ersten 100 Tagen im Amt Ihr wichtigstes Ziel?

Mein wichtigstes Ziel ist und bleibt, dass die IBA nicht als etwas Elitäres wahrgenommen wird, sondern Menschen in ihrer Vielfalt erreicht. Alt und Jung, von hier oder nicht von hier, Laien oder Experten. Es gibt vielfältige Pläne und Ideen, um sichtbar zu werden – im digitalen wie im realen Raum, von einer geplanten Sonderbriefmarke bis zu Bannern an Brücken oder Konzerte. Wichtig ist, dass wir uns immer wieder die Fragen stellen: wen erreichen wir noch nicht und was können wir tun, um dies zu ändern?

Zur Person

Gabriele König
Sie wurde 1965 in Stuttgart geboren und studierte Empirische Kulturwissenschaft und Englische Linguistik in Tübingen und im nordenglischen York und promovierte über Kinder- und Jugendmuseen. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Leitung von Kultureinrichtungen und in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern aus Kunst, Bildung, Politik und Verwaltung. Nach der Mitarbeit während des Studiums am Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart startete sie ihre berufliche Karriere am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. 1995 wurde sie Geschäftsführerin der Kinder-Akademie Fulda, die sie erfolgreich zu einer anerkannten Kultur- und Bildungseinrichtung entwickelte. Weitere Stationen führten sie zur Dresden Frankfurt Dance Company, zuletzt war sie als Kulturreferentin der Stadt Darmstadt tätig.

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