Interview mit James Bond-Autor Jeffery Deaver „Der Mann ist ein Killer in Staatsdiensten“

Der Thrillerkönig Jeffery Deaver hat genug mit seinen eigenen Figuren zu tun. Doch James Bond konnte er keine Absage erteilen. Foto: Archiv
Der Thrillerkönig Jeffery Deaver hat genug mit seinen eigenen Figuren zu tun. Doch James Bond konnte er keine Absage erteilen. Foto: Archiv

James Bond ist eine globale Marke. Neben Kinofilmen gibt es auch neue Romane. Der Amerikaner Jeffery Deaver hat den jüngsten Roman geschrieben.

Stuttgart - Jeffery Deaver, Jahrgang 1950, ist kein kleines Licht in der Verlagswelt. Seine Thriller um Serienkiller und Detektive erklimmen regelmäßig die Bestsellerlisten. Sein eigener Serienheld Lincoln Rhyme allerdings ist gelähmt, das Gegenteil des sportlichen Tausendsassas Bond. Trotzdem hat Deaver sich mit 007 wohl­gefühlt, dem er die Härte und den Bentley zurückgeben wollte.


Herr Deaver, schreibt man eine Bewerbung an die Erben von Ian Fleming, wenn man auch einmal einen James-Bond-Roman schreiben möchte?
Da fragen Sie den Falschen. Bei mir lief das ganz anders. Vor einigen Jahren habe ich einen Krimipreis gewonnen, den Ian Fleming Steel Dagger. Bei der Annahme habe ich erwähnt, dass ich mich besonders geehrt fühlte, weil Ian Fleming ein frühes Idol von mir war. Seine Bond-Romane habe ich schon als Knirps gelesen. Das geschah ohne Hintergedanken. Es war ja schlicht die Wahrheit. Eine Dankesrede eben.

Die auch unterbewusst kein bisschen Selbstempfehlung war?
Bestimmt nicht. Ich hatte überhaupt nie an die Möglichkeit eines Bond-Romans gedacht. Aber vor zwei Jahren hat mich aus heiterem Himmel meine Agentur angerufen, die Vertreter des Ian Fleming Estate hätten sich gemeldet, ob ich mir vorstellen könne, den nächsten Bond-Roman zu schreiben. Das wurde ein hartes inneres Ringen. Ungefähr fünf Sekunden lang. Dann antwortete ich: „Nichts lieber.“

Sie hatten keine Vorbehalte, mit fremdem geistigem Eigentum zu jonglieren?
Doch, einige sogar. Mir war sofort klar, dass ich das Buch in der Gegenwart ansiedeln wollte, aber mit Bond als jungem Agenten. Ich wollte also nicht, wie Sebastian Faulks vor mir, in historischen Kulissen arbeiten. Und es sollte durchaus ein Deaver-Roman bleiben. In den frühen Fleming-Romanen entwickelt sich ja sehr viel aus den Charakteren heraus. Diese Bücher sind anders als das, was nun mal mein Markenzeichen geworden ist: plotorientierte Romane voller Finten und Haken mit hochverdichteter Handlung, die in kurzer Zeit abläuft. Aber beim Fleming Estate hieß es nur: „Alles kein Problem. Starten Sie Bond neu.“

Es gibt also kein Handbuch für Bond-Autoren, keine Regelsammlung, deren penible Einhaltung man zusichern muss?
Nein. Aber es gibt ein Hintertürchen. Der Fleming Estate hat das klipp und klar formulierte Recht, Änderungen am Manuskript zu verlangen oder das ganze Buch rundheraus abzulehnen.

Hat Sie das nervös gemacht?
Ich kann nicht schreiben, wenn mir jemand über die Schulter schaut. Auf der anderen Seite wollte ich natürlich nicht auf volles Risiko arbeiten und am Ende etwas Un­veröffentlichbares in Händen halten. Also habe ich einen relativ kurzen, zwanzig Seiten langen Entwurf des Romans eingereicht, und der fand Zustimmung. Dann habe ich erst wieder das fertige Manuskript vorgelegt. Es gab nur ein paar Änderungswünsche bezüglich winziger Details. Die ­Deaver-Variante von Bond war akzeptiert.

Welche Regeln hatten Sie sich denn selbst gesetzt? Was durfte verändert werden, was musste unbedingt bleiben?
Meine Grundregel lautete, dass ich mich an alle Aussagen halten muss, die Fleming über Bond gemacht hat, sofern sie ins 21. Jahrhundert transportierbar sind. Alles, wozu Fleming sich nicht geäußert hat, bleibt meiner Fantasie überlassen, vorausgesetzt, das Ergebnis führt nicht zu Widersprüchen mit Flemings Charakterisierung. Bond trägt in Flemings Büchern übrigens eine Rolex, keine Omega. Er fährt einen Bentley, keinen Aston Martin. All das habe ich wiederhergestellt. Flemings Aussagen sind verbindlich, die Kinofilme nicht.

Der Roman-Bond ist Ihnen wohl sehr viel lieber als der Kino-Bond?
Ich mag einige der Filme. Aber in Flemings Romanen ist Bond, anders als im Kino, ein sehr dunkler, komplexer Charakter. Das ist Leuten, die nur die Filme kennen, meist gar nicht klar. Bond ist ein Killer in Staatsdiensten. Teil seines Jobs ist, Auftragsmorde auszuführen. Damit ringt er in den Büchern manchmal.

Bond ist auf einigen Gebieten aber auch ein ziemlicher Snob. War es mühsam, sich in seine Wein- und Autovorlieben einzufinden?
Ich würde eher sagen, er ist ein Mann, der weiß, was ihm behagt. Über Wein musste ich mich nicht erst kundig machen, den trinke ich selbst gerne. Ich fahre gern Auto, einen Porsche, an dem ich sehr hänge. In einem aber ist Bond mir sicher über: er hat weit mehr Erfahrung mit Frauen.

Bonds Amouren sind ein Teil dieses Agentenkosmos, der ganz nahe an der Karikatur liegt. Kann man die Figur beim Schreiben noch ernst nehmen?
Die Linie ist haarfein, die bei Bond Charakter und Karikatur voneinander trennt. Man kann ganz leicht in unfreiwillige Komik abgleiten, kann ihn in eine Witzfigur verwandeln, die in den „Austin Powers“-Filmen gut aufgehoben wäre. Ich musste da mit größter Vorsicht vorgehen.

Im Bond-Universum steht so vieles auf der Kippe zwischen Wahn und Wirklichkeit, dass man nie sicher sein kann, welche der Erklärungen über Welt, Waffen und Menschen pure Fantasie sind. Wie viel haben Sie erfunden, wie viel recherchiert?
Es gibt einen Unterschied zwischen Wahrheit und Glaubhaftigkeit. Damit meine ich nicht nur, dass ich im Zusammenhang eines Romans gewisse erfundene Dinge überzeugend wirken lassen kann. Auch das Umgekehrte gilt: Manche Wahrheit ist nicht vermittelbar. Ich kenne einige Agenten der CIA und habe ein paar erstaunliche Geschichten über reale Operationen gehört. Die würde mir selbst im Zusammenhang eines Romans niemand abnehmen. Mein Job ist, ein dramatisches Szenario zu entwerfen, das den Lesern emotionale Anteilnahme ermöglicht und sie nicht durch Unwahrscheinlichkeiten abstößt.

Die Hauptsache ist immer noch Bond selbst. Wie findet man die richtige Drossel für so einen Beinahe-Superhelden?
Mein Bond kann zwar enorm gut schießen – und ein paar andere Sachen auch –, aber er ist, wenn man das mit dem modernen Actionkino vergleicht, in relativ wenig Rabatz verwickelt. Er bemüht sich eher, seine Gegner zu überlisten, ihnen vorauszudenken. Das muss er auch. In meinen Büchern darf es keine günstigen Zufälle und pass­genauen Unwahrscheinlichkeiten geben. Das Geschehen muss aus den Handlungen der Figuren resultieren.

Sie hatten offenbar Spaß mit 007. Werden Sie noch einen Bond-Roman schreiben?
Nein. Es war mir wirklich ein Vergnügen. Und einen Ehre. Aber meine eigenen Figuren warten auf mich.
Das Gespräch führte Thomas Klingenmaier.



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