Interview mit Jörg Noetzel „Wer heut’ nichts tut, ist morgen von gestern“

Die Alb-Fils-Kliniken stünden  vor einer guten Zukunft, sagt Jörg Noetzel. Foto: Gottfried Stoppel
Die Alb-Fils-Kliniken stünden vor einer guten Zukunft, sagt Jörg Noetzel. Foto: Gottfried Stoppel

„Eine einmalige Chance“ hat Jörg Noetzel, nach seinen eigenen Worten, ergriffen, als er vor einem Jahr die medizinische Geschäftsführung der Alb-Fils-Kliniken übernommen hat. Das sieht er, wie er im StZ-Interview sagt, nach wie vor so.

Region: Andreas Pflüger (eas)
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Göppingen – - Dass er so manches dicke Brett wird bohren müssen, hat Jörg Noetzel bereits gewusst, ehe er die medizinische Geschäftsführung der Alb-Fils-Klinken übernommen hat. Dass er mit seiner Aufgabe nach wie vor sehr zufrieden ist, macht er im Gespräch mit der StZ deutlich.
Herr Noetzel, was liegt zurzeit als Bettlektüre auf Ihrem Nachttisch?
Eine Mischung aus Belletristik, Philosophie und Fachliteratur. Warum fragen Sie?
Als Sie vor einem Jahr die medizinische Geschäftsführung der Alb-Fils-Kliniken übernommen haben, schmökerten Sie da vor dem Schlafengehen ausschließlich in den prosaischen Werken der Krankenhaus-Literatur?
Inzwischen falle ich abends nur noch ins Bett und schlafe nach einer einzigen Seite ein. Nein, im Ernst: an meiner Leseleidenschaft hat sich nichts verändert.
Nimmt man es genau, können Sie am heutigen Montag Ihr einjähriges Dienstjubiläum feiern. Angefangen haben Sie zwar am 1. Oktober 2013, doch der erste Monat stand nach Ihren Worten unter dem Begriff „Kennenlernen von Haus und Leuten“.
Ja, das stimmt – und das ist nach wie vor wichtig. Ich hatte viele gute Gespräche mit Mitarbeitern unterschiedlichster Berufsgruppen, um mir ein Bild von der Situation an unseren Kliniken in Göppingen und Geislingen machen zu können. Ich habe den Anspruch an mich selbst, möglichst viel von den Gegebenheiten vor Ort mitzubekommen. Mir ist von Anfang an aufgefallen, und das höre ich immer wieder von neuen Beschäftigten, dass die Menschen in diesem Unternehmen sehr offen sind. Das hat auch mir persönlich geholfen, mich hier schnell einzuleben.
Danach begann dann – wie Sie es ausgedrückt haben – die „richtige Arbeit“. Wie sind Sie damit bis jetzt vorangekommen?
Ich denke, es wurde bereits viel bewegt, um die Zukunftsfähigkeit der beiden Standorte zu sichern. Auch ist es an verschiedenen Stellen gelungen, mehr Transparenz herzustellen und die Kommunikationskultur zu intensivieren. Das Jahr war geprägt von Vernetzung, Qualitätsbewusstsein und Innovationsbereitschaft. Denn in der Umbruchphase des Gesundheitswesens gilt besonders: Wer heut’ nichts tut, ist morgen von gestern. Doch ich möchte nicht mich in den Vordergrund stellen. Hinter dem Erfolg stehen mehr als 2500 Mitarbeiter, die sich tagtäglich mit viel Engagement für die Patientenversorgung einsetzen. In Zeiten zunehmender Arbeitsverdichtung ist das alles andere als einfach. Da tut auch so manches Lob von unseren Patienten gut.
Und wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem Co-Geschäftsführer Wolfgang Schmid. Es gab ja durchaus Bedenken, dass sich zwei Chefs eher blockieren könnten?
Mehr als 150 000 stationäre und ambulante Patienten schenken uns jährlich ihr Vertrauen – Tendenz steigend. Dabei werden die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen schwieriger. Will man diesen Herausforderungen gerecht werden, macht es Sinn, Führungsverantwortung zu verteilen. Wolfgang Schmid und ich bilden eine gut funktionierende Doppelspitze. Wir haben manchmal sicher unterschiedliche Denkansätze, aber gerade das empfinde ich als Bereicherung. Entscheidend ist, dass der Weg am Ende in die richtige Richtung geht.
Lassen wir Ihr erstes Jahr kurz Revue passieren. Auf den einen oder anderen Schwerpunkt hätten Sie sicher gerne verzichtet. Ich nenne mal das Stichwort „ Legionellen“.
Da haben Sie Recht. Doch es hilft kein Lamentieren. Entscheidend ist, dass wir ein gutes Mitarbeiter- und Expertenteam haben, auf das wir uns verlassen können. Ich nenne, stellvertretend für alle, einfach mal Doktor Lutz Zabel, unseren Chefhygieniker. Was da in der kritischen Phase geleistet wurde, ist einfach klasse. Wichtig war, dass wir schnell reagieren konnten und kein Blatt vor den Mund genommen haben. Alle Sofortmaßnahmen, die im Rahmen einer Gefährdungsanalyse erarbeitet worden sind, haben wir in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt umgesetzt.
Ist das Problem inzwischen gelöst?
Ja, es gibt einen Spülplan für die Wasserleitungen im gesamten Haus und in allen auffälligen Zimmern nehmen wir regelmäßig Proben. Zudem werden wöchentlich sechs neue Zimmer im Bettenhaus beprobt. Die Werte sind wieder im grünen Bereich. Niemand muss sich mehr vor einer Legionellen-Infektion fürchten. Doch wir werden das Thema ganz sicher bis zur Fertigstellung des Neubaus im Auge behalten.
Apropos Neubau: dieses Arbeitsfeld, das ein Kostenvolumen von rund 350 Millionen Euro haben soll, war Ihnen ja vorgegeben?
Genau. Neben einigen weiteren Aspekten war der Neubau der Klinik am Eichert ein Teil meiner Motivation, die medizinische Geschäftsführung der Alb-Fils-Klinken zu übernehmen. Der Neubau ist eine erforderliche Investition in die Gesundheit der Bevölkerung im Kreis Göppingen und darüber hinaus. Wesentlicher Treiber der künftigen Entwicklung ist bekanntlich die Demografie. Wachsendes medizinisches Wissen, eine innovative Medizintechnik sowie der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien verbessern die Qualität der Behandlung. Mit dem aktuellen Klinikgebäude könnten wir diesen Entwicklungen sowie den steigenden Erwartungen unserer Patienten hinsichtlich Komfort und Service in den nächsten Jahren nicht standhalten.
Wie ist der aktuelle Stand der Dinge, was die Neubauplanungen betrifft? Wann muss sich Ihrer Ansicht nach der Kreistag mit dem endgültigen Baubeschluss befassen?
Gut geplant, ist halb gewonnen. Dabei geht es um weit mehr als nur um die Baulichkeit eines Großprojekts. Effizientere Strukturen und bessere Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter sowie zeitgemäße Rahmenbedingungen für die medizinisch-pflegerische Versorgung unserer Patienten stehen im Fokus. Inzwischen ist das Architekturbüro Arcass mit an Bord, ebenso wie die Projektsteuerung, der Projektleiter und der Prozessplaner. Aktuell wird in Abstimmung zwischen Bauherr, Architekt und Prozessplaner, unter intensiver Einbeziehung der Nutzer, der Neubau „von innen nach außen“ geplant. Der Baubeschluss wird auf Grundlage der sogenannten Entwurfsplanung getroffen. Diese, inklusive der Kostenberechnung, wird bis Ende 2015, spätestens Anfang 2016, erstellt sein.
Ein weiteres Thema bedarf ebenfalls Ihrer gesteigerten Aufmerksamkeit: Das Defizit der Alb-Fils-Kliniken war zuletzt wieder deutlich größer als vorgesehen.
Wir mussten im vergangenen Geschäftsjahr, unter anderem wegen einiger Umbaumaßnahmen, einen kurzfristigen Rückgang der Patientenzahlen verzeichnen, bei erwartungsgemäß gestiegenen Personal- und Sachkosten. Die ergriffenen gegensteuernden Maßnahmen lassen uns optimistisch in die Zukunft blicken. Aber ich bin vorsichtig, das Jahr ist noch vorüber.
Die erhoffte „Schwarze Null“ ist aus Ihrer Sicht also nach wie vor realistisch?
Für das laufende Jahr werden wir erneut ein negatives Ergebnis schreiben. Mittelfristig sind wir jedoch – vorsichtig optimistisch geäußert – auf einem guten Weg. Die politischen Rahmenbedingungen sind aber immer wieder auch für unangenehme Überraschungen gut. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass für unsere Mitarbeiter die Situation immer schwieriger wird. Ihnen wird wirklich viel abverlangt. Wir müssen schauen, dass die klinischen Berufe attraktiv bleiben, und deshalb diskutieren, was uns die exzellente Versorgung der Bevölkerung wert ist, die für mich als Arzt und Geschäftsführer oberste Priorität hat.
Dazu muss aber weiterhin gespart werden.
Ich betone ausdrücklich: Kostensenkungen um jeden Preis stehen für uns nicht zur Diskussion. Es geht nicht ums „Sparen“, sondern um eine gute Ausrichtung unserer Häuser, um einen hohen Qualitätsanspruch und um Investitionen in die Bereiche, denen eine gute Zukunft bevorsteht. Es ist unser Anspruch, Wachstum und Kostensenkungen in Einklang zu bringen.
Wie soll das aussehen, wo doch, wie Sie immer betonen, gerade bei den Ärzten und in der Pflege keine weiteren Abstriche auf Kosten der Qualität gemacht werden sollen?
In zahlreichen Arbeitsgruppen werden Themenfelder adressiert, um die wirtschaftliche Situation der Alb-Fils-Kliniken zu stabilisieren. Als Stichworte sind eine Erhöhung der Fallzahlen und der Fallschwere durch ein optimiertes Notfallmanagement, eine noch intensivere Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten, eine Prozessoptimierung, eine Dokumentations- und Kodieroptimierung und eine Material-Standardisierung bei gleichbleibender Qualität zu nennen.
Hand aufs Herz, Herr Noetzel! Ist all das mit dem von Ihnen benannten Kernauftrag, an zwei Klinikstandorten eine gute medizinische Versorgung für den Kreis Göppingen zu gewährleisten, ohne Defizit machbar?
Für mich steht außer Frage, dass Geislingen seine Stärken hat. Die Helfenstein-Klinik bietet eine exzellente Versorgung des oberen Filstals. Entgegen der Äußerung einiger Kritiker stellen wir Überlegungen an, beide Standorte noch enger zu verzahnen. Ziel ist es, dass die Patienten auch in Zukunft eine gleichwertige qualitativ hohe medizinische Versorgung erhalten. Sicher muss aber noch eine stärke Profilierung des medizinischen Portfolios erfolgen, um wirtschaftlicher agieren zu können.
Vor Ihrem Start als medizinischer Geschäftsführer haben Sie von einer einmaligen Chance gesprochen, die Sie sich nicht entgehen lassen wollten. Hat sich an dieser Einschätzung etwas verändert?
Definitiv nicht. Ich bin nach wie vor begeistert, was unsere Abteilungen hier an hochwertiger Medizin leisten. Wenn wir uns den Herausforderungen des Gesundheitswesens konsequent stellen, und davon können Sie ausgehen, gehören wir zu den Kliniken, die vor einer guten Zukunft stehen.
Das Gespräch führte Andreas Pflüger

Zur Person: Nordlicht mit Hang zum Klavier und zu Pferden

Jörg Noetzel ist in Braunschweig geboren und in Berlin aufgewachsen. In der Region Stuttgart ist der 51-Jährige aber längst heimisch. Bereits vor vielen Jahren wechselte der Chirurg ins Medizin-Controlling, auch wenn er den Dienst am Patienten, wie er sagt, „ein bisschen vermisst“. Ehe Noetzel die medizinische Geschäftsführung der Alb-Fils-Kliniken übernahm, war er kaufmännischer Leiter des größten medizinischen Zentrums am Klinikum Stuttgart.

In seiner eher knapp bemessenen Freizeit widmet sich Jörg Noetzel vor allem dem Klavierspiel und dem Pferdesport. Außerdem findet man den verheirateten Vater von zwei Kindern hin und wieder im Fitnessstudio.




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