Interview mit Katharina Thalbach „Berlin ist nicht New York“

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Beim Musikfest Stuttgart liest Katharina Thalbach Theodor Storm. Ansonsten ist die 58-Jährige viel beschäftigt als Schauspielerin und Regisseurin.

Katharina Thalbach Foto: dpa
Katharina Thalbach Foto: dpa

Sie gehört zu den Großen des deutschen Theaters. Aber Katharina Thalbach steht nicht nur auf der Bühne und vor der Kamera, sie inszeniert auch regelmäßig und macht leidenschaftlich gern Lesungen. Deshalb hat sie das Angebot auch gern angenommen und liest beim Musikfest Stuttgart heute Abend „Bulemanns Haus“ von Theodor Storm.

Frau Thalbach, „Bulemanns Haus“ erzählt unter anderem von einem Mann, der Frau und Kinder verkauft. Das scheint eine krude Geschichte zu sein.
Dafür ist er ja immer gut, dieser Theodor Storm. Aber ich kannte den Text vorher auch nicht. Das ist für mich auch eine Premiere. Die Auswahl kam nicht von mir, sondern vom Festival, aber ich fand es eine wunderbare Idee. Ich freue mich vor allem, das im Zusammenhang mit Musik zu machen, ich mag es, wenn die Künste sich verquicken.

Worum geht es genau?
Die Zusammenfassung überlasse ich Ihnen, da bin ich nicht die geeignete Person. Ich stürze mich in die Geschichte lieber so hinein und gehe es naiver an.

Wie bereiten Sie sich auf so einen Abend vor?
Ich muss den Text immer wieder lesen. Ich lese nie laut, das mache ich nicht. Ich lese ihn nur stumm, damit es eine Premiere ist vor dem Publikum.

Sie sind vielseitig, Sie spielen, inszenieren, lesen, machen Theater, Kino, Fernsehen. Wovon hängt es ab, was Sie machen?
In erster Linie von der Zeit. Ich inszeniere immer im Jahr eine Oper und ein Theaterstück. Dazu kommen meistens je nach Aufwand zwei Kinofilme und ein Theaterstück, in dem ich spiele. Dazwischen schaue ich, was ich noch tun kann. Hörbücher mache ich wahnsinnig gern, damit kann man auch mal Geld verdienen, aber ich finde ich es auch eine sehr schöne Kultur, sich Geschichten vorzulesen.

Aber Sie mögen die Abwechslung und die Vielseitigkeit?
Die Abwechslung macht es, dass nie etwas zur Routine wird. Ich mache meinen Beruf immer noch richtig gerne, auch nach Jahrzehnten.

Gibt es auch Angebote, die Sie gar nicht leiden können?
Na klar, das sag ich dann sofort ab. Es gibt Sachen, da sage ich: das kann ich gar nicht. Zum Beispiel absolutes Entertainment ist mir nicht gegeben – also Conférencier könnte ich. Ich finde es schön, dass man mich fragt und wenn man mir etwas zutraut, aber der klassische Entertainer bin ich nicht. Und ich hasse schlechte Texte – und davon gibt es leider sehr viel. Das mache ich dann auch nicht.

Sie leben in Berlin, wird man dieser Stadt eigentlich nicht irgendwann mal überdrüssig? Immer diese Betriebsamkeit.
Das ist ja auch eine Mär. Wenn man hier lebt, hat man seinen Kiez, und es ist geradezu dörflich. Man kann sich in Berlin auch wunderbar zurückziehen – wenn man nicht unbedingt in der Kastanienallee wohnt, also mitten im Prenzlauer Berg. Darauf bestehe ich: es heißt nicht Prenzlberg. Das möchte ich mal allen mitteilen, das heißt nicht so. Der alte Berliner sagt Prenzlauer Berg. Prenzlberg ist eine Erfindung von unseren lieben Neubewohnern aus Schwaben, das gab es vorher nicht. Ich lebe in Berlin eigentlich sehr ruhig, es ist nicht New York oder London.

Brauchen Sie den Trubel? Oder werden Sie eher in Ruhe kreativ?
Ich brauche Ruhe. Ich brauche den Trubel nicht, der kommt von ganz allein, den muss ich nicht forcieren.

Viele Theaterleute haben oft kein Leben jenseits der Bühne. Haben Sie ein Hobby? Gehen in die Muckibude oder in einen Verein?
So ganz normal, was alle haben. Ich ziehe mich gern zurück und lese. Die Bewegung und das alles, das habe ich im Job. Ich habe nicht den Ehrgeiz, mit sechzig noch eine Figur wie eine Zwanzigjährige zu haben, also muss ich nicht in die Muckibude – außer für die Gesundheit.

Lesen Sie nur für die Arbeit oder auch aus privater Leidenschaft?
Ja, klar, natürlich. Ich liebe Georgette Heyer, das sind absolute Mädchenromane, die Entspannung pur. Ich lese auch sehr gerne Sachbücher. Und ich lese Bücher, die ich mag, mehrmals. Dazu gehören Thackeray oder Balzac.

Gibt es etwas, was Sie richtig gern mal tun würden, aber wegen Ihres Berufs einfach nicht können?
Das weiß ich jetzt gar nicht.

Wenn man so lange überlegen muss, dann heißt das wahrscheinlich: nein?
Sicher, ab und zu packt einen das schlechte Gewissen, weil es einem so gutgeht und man denkt, man müsste davon etwas abgeben. Das ist eine Zeitfrage, das schaffe ich noch nicht Aber vielleicht später, ich hab ja noch Zeit.

Sie sind viel unterwegs. Mögen Sie das? Oder ist das einfach so?
Zunehmend bin ich sehr gern zu Hause. Aber es ist halt so, es gehört dazu.

Werden Sie sich in Stuttgart etwas anschauen oder nur auf den Abend konzentrieren?
In dem Fall komme ich ganz knapp und muss am nächsten Tag gleich wieder weiter, weil ich zur Zeit drehe – eine Politsatire fürs Fernsehen. Danach beginne ich gleich mit den Proben für Shakespeare am Berliner Ensemble.

Ihre Lesung im Wilhelma-Theater beginnt um 22 Uhr. Sind Sie ein Nachtmensch?
Das ist spät. Aber ich muss variabel sein können. Ich bin ein Schichtarbeiter, wie man früher gesagt hat. Das muss ich immer mit meinem Körper abmachen und meinen inneren Wecker immer wieder neu stellen.