InterviewInterview mit Klaus Maria Brandauer „Woher kommt es, dass Shakespeare mich so gut kennt?“

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Und dann sind Sie mit dem Landestheater in die Abstecherorte gereist?
Ravensburg, Weingarten, Burladingen, das ganze Programm. Ich kenne die Gegend ziemlich gut. In Lindau gastierten wir in dem Gebäudekomplex, wo auch die Spielbank untergebracht ist. Da wollten sie mich nicht reinlassen, weil ich noch keine einundzwanzig war, aber vielleicht sollte man junge Menschen sowieso nicht zu früh und ungeschützt in die Öffentlichkeit schicken (lacht) . . .
Ist die Öffentlichkeit eine Gefahr?
Sie ist es, beileibe nicht nur für Schauspieler. Jeder versucht doch, sich mit der Öffentlichkeit zu arrangieren, mit den Menschen, die ihn umgeben. Man will ihnen gefallen, aber man muss höllisch aufpassen, dass man keinen zu hohen Preis dafür bezahlt, gerade wenn man jung und eitel ist. Mir hat bei dieser Selbstbeobachtung die Theaterliteratur hervorragende Dienste geleistet, die Dichter der attischen Tragödie und immer wieder Shakespeare.
Inwiefern?
Ich lese Shakespeares Dramen und denke: Woher kennt der mich so gut? Wann haben wir uns getroffen? Selbst in schlechten Inszenierungen mit mäßigen Schauspielern und holprigen Übersetzungen blüht etwas auf, das mein Herz berührt und mein kompliziertes Gefühlsleben so genau beschreibt, dass ich es kaum fassen kann. Shakespeare war in der Seelenkunde für mich die Initialzündung.
Derzeit touren Sie mit Ihrem Programm „Faust – ein gefesselter Prometheus?!“ durch die Lande. Es handelt von der Macht des Teufels über die Menschen.
Mit dem Teufel hat jeder von uns Probleme. Ich bin ja geneigt, für die Dinge, die ich anstelle, die Verantwortung zu übernehmen. Aber vielleicht geht das gar nicht immer. Vielleicht hat der Teufel seine Finger im Spiel und uns Menschen zum Betriebsunfall der Natur werden lassen . . . Oh, wenn das jetzt mein Pfarrer in Altaussee hören würde! „Du, komm her, ich werd Dir Bescheid geben“, würde er sagen . . . Also: das Böse, um ein unverdächtigeres Wort zu benutzen, ist allgegenwärtig. Goethes „Faust“ handelt von nichts anderem als der Verführung durch das Böse in Gestalt von Mephisto.
Der Teufel als das Böse: eine sehr katholische Vorstellung.
Ja, was glauben Sie, wie ich in Altaussee aufgewachsen bin? Tadellose Pfarrer und Lehrer haben mich katholisch erzogen. Der Teufel – der Teufel als Idee, als faszinierendes Gedankenkonstrukt – begleitet mich deshalb seit Kindesbeinen. Ich habe gelernt, mit ihm zu leben. Aber wenn ich mit ihm lebe, kann ich im Umkehrschluss nicht für alles verantwortlich sein, was ich mache, so sehr ich das auch möchte. Es gibt Dinge, die sich außerhalb meiner Kontrolle bewegen. Insofern ist der Teufel doch ein prachtvolles Thema!
Es scheint, als hätten Sie sich behaglich im Katholizismus eingerichtet.
Behaglich ist das falsche Wort. Ich mache mir nur Gedanken, weshalb ich in meinem Leben nicht immer auf einen grünen Zweig gekommen bin. Aber Sie haben schon Recht: Ein Atheist bin ich nicht. Höchstens (lacht) ein „Atheist von Gottes Gnaden“. Das habe ich jetzt von Bunuel geklaut . . .
. . . der Sie so gut kennt wie Shakespeare?
Offensichtlich. Aber jetzt hören wir mit der Religion auf.
Aber lassen Sie uns bei der Verführung bleiben. Auffällig häufig haben Sie, vor allem im Film, Menschen gespielt, die der Macht und ihren Verderbnissen nicht widerstehen konnten.
Weil man von ihnen mehr über das Menschsein erfährt als von Engeln. Nehmen Sie meinen Hendrik Höfgen alias Gustaf Gründgens in „Mephisto“: Da ich wusste, dass der Regisseur István Szabó alles unternimmt, um die Nazis als Mörderbande zu zeigen, konnte ich mir erlauben, Verständnis für meine Figur aufzubringen. Ich habe für Höfgen nicht geworben, aber doch mit seiner Hilfe deutlich gemacht, wie leicht man in Fallen tappen kann, die einem das Leben bereit hält, immer und immer wieder. Das regt meine Fantasie schon sehr an.