InterviewInterview mit Klaus Maria Brandauer „Ich bin für die Unzulänglichkeit in der Kunst“

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Neben verführbaren Figuren lieben Sie auch tragische und tragikomische, die Sie in den vergangenen Jahren auf der Bühne meistens zusammen mit dem Regisseur Peter Stein entwickelt haben.
Tragikomik liebe ich aber auch im Leben. Ohne Komik wäre es ja nicht zum Aushalten. Ich war auf einer Beerdigung, da haben die Sargträger (er springt auf und führt die Szene ächzend und stöhnend vor) den Kasten nicht in die zu enge Grube gekriegt. Der Winter hatte ihre Nasen rot gefärbt, der Wind ihre Haare zerzaust, dazu die steirische Tracht – eine urkomische Szene, da musste ich einfach lachen. Ich konnte nicht anders, als mich am offenen Grab daneben zu benehmen.
Hat Sie der Teufel zu dieser Pietätlosigkeit verführt?
Na, Donnerwetter! Wenn er sich um solch mickrige Sachen kümmert, kann der Teufel ja nur ein kleines Teufelchen sein . . .
Was zieht Sie zu den tragischen Figuren?
Abermals das Menschliche, vermute ich. Schillers Wallenstein, den ich in der zehnstündigen Inszenierung von Peter Stein gespielt habe, wollte Europa vereinigen. Wenn’s geht, ohne Krieg. Ging aber nicht. Da er aber von den Sternen wissen wollte, ob es den Teufel gibt, verfiel er ins Zögern und Zaudern und verlor schleichend die Macht. Er war nur ein Mensch. Wie tröstlich! Und dann erst der Dorfrichter Adam in Kleists „Zerbrochnem Krug“: eine grandiose Figur, die ich – ebenfalls unter Stein – schon seit neun Jahren am Berliner Ensemble spiele.
Ich denke, für diese Figur brauchen Sie keine Wiederaufnahme-Proben mehr. Adam sitzt!
Sitzen: ich bin ein Feind der Vorstellung, dass etwas sitzen muss. Ich bin für die Unzulänglichkeit in der Kunst, weil sie nur so der kalten Routine und Virtuosität entgehen kann. (Er ruft:) Maria Callas! Was für eine hässliche Stimme . . . Aber nein, sage ich, gerade nicht: Wenn sie Töne abbricht, weil sie von Mitleid überwältigt wird, weil es ihr im Wortsinn die Stimme verschlägt, dann spricht sie zu mir. Und wie! Sie trifft mich ins Mark! Und in diesem Sinne „sitzt“ auch der Dorfrichter Adam bei mir niemals. Ich bin mit der Inszenierung reifer geworden und gestalte die Rolle immer wieder neu, abhängig von meiner jeweiligen Tagesform. Aber natürlich kann ich dabei jederzeit auf mein Handwerkszeug zurückgreifen, wie ein Schreiner auf seinen Hobel, um das Holz zu bearbeiten. Ich bearbeite halt eine Theaterfigur.
Themenwechsel: Österreich sucht einen Bundespräsidenten. Haben Sie Angst, dass der FPÖ-Kandidat gewinnen könnte?
Ich bin ein überzeugter Europäer und glaube nach wie vor, dass Europa nicht das Problem, sondern die Lösung ist. Und ich hoffe, dass die Mehrheit der Österreicher meine Meinung teilt. In ihre Seelen kann ich allerdings nicht schauen. Im Übrigen sind wir ein interessantes Volk. Wir reden oft anders, als wir handeln – und lassen uns in der Wahlkabine dann doch von der Vernunft überwältigen. Zum Glück.

Das Gespräch führte Roland Müller.