Der Liedermacher Konstantin Wecker hat nie aufgehört, sich einzumischen. Zuletzt hat er, mittlerweile 65 Jahre alt, sein Engagement auch abseits der Konzertbühne noch intensiviert. Ein Gespräch über Wut und Mut, Protest und Politik, Utopien und Ideale.
Stuttgart – Seit vier Jahrzehnten hinterfragt er die herrschenden Verhältnisse. Zuletzt hat der Liedermacher Konstantin Wecker, mittlerweile 65 Jahre alt, sein Engagement auch abseits der Konzertbühne noch intensiviert. Ein Gespräch über Wut und Mut, Protest und Politik, Utopien und Ideale.
Herr Wecker, auf Ihrem aktuellen Album „Wut und Zärtlichkeit“ singen Sie: „Mit dem Alter und der Plage stellt sich irgendwann die Frage: Ist es besser zu erkalten, lässt man alles schön beim Alten?“ Haben Sie schon eine Antwort gefunden?
Natürlich ist es nicht besser zu erkalten. Ich glaube, dass gerade im Alter die Neugierde ein ganz wichtiger Überlebensfaktor ist. In diesem Lied heißt es ja auch: „Macht gerechter Zorn nicht müde, ist vielleicht nur Attitüde?“ Wut kann wirklich müde machen. Und wenn man mit seiner Meinung immer mehr isoliert wird, überlegt man sich schon auch, ob man den Anschluss an ein moderneres Denken vielleicht verpasst hat. Aber wenn man dann sieht, wie unglaublich gut viele Lieder aus den siebziger Jahren in die jetzige Krise passen, erfährt man auch eine Bestätigung, dass es gut war, am Ball zu bleiben.
Sie haben sich aktiv gegen Stuttgart 21 engagiert. Jetzt wird der Hauptbahnhof vermutlich aber doch vergraben. Wie schafft man es da, nicht zu ermüden?
Diese Frage habe ich mir neulich gemeinsam mit einem Freund gestellt. Wir waren zusammen bei Occupy in Frankfurt und haben uns überlegt, weshalb wir uns das antun: Die Leute, die dort versammelt sind, sind die, mit denen ich am liebsten zusammen bin. Früher hätte man Gesinnungsgenossen gesagt: Es sind Freunde im Geist. Gerade beim Protest gegen Stuttgart 21 waren besonders angenehme Menschen dabei. Die zu erleben macht nicht müde, sondern vital. Und selbst, wenn das Ding jetzt gebaut wird, hat der Protest etwas bewirkt: Ich glaube nicht, dass man sich in Zukunft solche Sachen so lange schweigend gefallen lässt. Der Protest wird bewirken, dass die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft genauer betrachtet werden.
Die Demonstranten gegen Stuttgart 21 haben ja ungefähr das gemacht, was Sie in Ihrem neuen Lied „Empört euch“ empfehlen: „Empört euch! Beschwert euch! Und wehrt euch!“ Aber sie haben verloren. Wie geht jemand, der nicht wie Sie ein Popstar ist, mit einer derartigen Niederlage um?
Meines Erachtens ist es nicht so, dass man wirklich verloren hat. Man hat etwas in die Welt gesetzt, von dem niemand in Deutschland damit gerechnet hat, dass es ausgerechnet aus Baden-Württemberg kommt. Und das wird weiter Früchte tragen. Man hat allenfalls im konkreten Fall verloren: Der Abstimmungsmodus bei der Volksabstimmung ist zwar eine Katastrophe gewesen, aber es ist ein demokratischer Prozess erfolgt, und den akzeptiere ich, auch wenn es mich nicht erfreut. Aber durch den Protest ist auch ein Zeichen gesetzt worden, ähnlich wie beim Arabischen Frühling, ähnlich wie damals bei Gandhi. Wenn man sich heute Indien anschaut, hat er vielleicht gar nicht so viel bewirkt. Aber die Art und Weise, wie er protestiert hat, ist ein Zeichen, das für immer in der Geschichte der Menschheit verankert sein wird.