Interview mit Kunstexperte „Der Handel ist nicht komplett verwahrlost“

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Auch der Kunstskandal rund um den Berater Achenbach hat mit Eitelkeit zu tun, meint der Sachverständige Behrend Finke.

Der Stuttgarter Behrend Finke ist vereidigter Sachverständiger – und handelt darum aus Prinzip nicht mit Kunst. Foto: Nina Faecke
Der Stuttgarter Behrend Finke ist vereidigter Sachverständiger – und handelt darum aus Prinzip nicht mit Kunst. Foto: Nina Faecke

Stuttgart -

Der Kunstmarkt hat einen neuen Skandal: Der Kunstberater Helge Achenbach sitzt in Untersuchungshaft, weil er seinen Kunden, etwa dem Aldi-Erben Berthold Albrecht, überhöhte Preise in Rechnung gestellt haben soll. Für den Stuttgarter Kunstsachverständigen Behrend Finke ist klar: Für solche Betrügereien braucht es reiche Kunden, die sich gerne blenden lassen.
Herr Finke, Helge Achenbach sitzt in Untersuchungshaft, wundert Sie das?
Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber nach dem, was ich gelesen habe, halte ich die Vorwürfe für möglich. Es wundert mich nicht, dass Herr Achenbach den Versuchungen der Position, die er sich erarbeitet hat, erlegen ist.
Wie ist sein Ruf unter den Kollegen?
Achenbach ist immer schon als sehr schillernde Persönlichkeit bekannt gewesen. Man wusste immer, was er macht, und auch wie er es macht – und dass er von beiden Seiten, von Galeristen und Empfängern von Kunstwerken Provisionen bezieht.
Bekommen Sie von Ihren Kunden Geld in die Hand gedrückt und können shoppen gehen?
Je nachdem. Das System Achenbach funktioniert nur, wenn kriminelle Energie vorhanden ist und auf der anderen Seite sehr viel Geld, nachlässige Kon­trolle und keine Marktkenntnisse. Wenn keine kulturelle Bildung da ist, aber Kunstbesitz als gesellschaftliche Notwendigkeit angesehen wird, ist das eine wunderbare Voraussetzung.
Traf Berthold Albrecht also selbst Schuld?
Natürlich. Ich erlebe immer wieder, dass erfahrene Kaufleute und Unternehmer, die sonst mit spitzem Bleistift rechnen, im Bereich der Kunst absolut gutgläubig und blauäugig sind. Immer wieder. Sie gehen häufig nicht vor Gericht, weil sie sich den Spott ersparen wollen. Und schreiben das Geld, dass sie verloren haben, ab.
Achenbach erhielt eine Provision von fünf Prozent. Was ist damit abgedeckt?
Ich glaube, diese Art Berater haften für gar nichts. Ich hafte als öffentlich bestellter und vereidigter Kunstsachverständiger für grobe Fahrlässigkeit und Vorsatz. Aber Consultant ist ja kein Berufsbild.
Man erhofft sich von diesen Beratern, dass sie bessere Preise aushandeln. Bekommen Berater bessere Konditionen beim Kauf?
Das hängt vom Galeristen ab. Wenn sich ein Galerist in finanzieller Not befindet, wird er einem solchen Vermittler sicher entgegenkommen. Im Zuge der Ermittlungen wird sich vielleicht auch zeigen, in welcher Weise große Galerien mit Achenbach zusammengearbeitet haben.
Sind darunter auch Auktionshäuser?
Nein. Wenn ich Sammlungen auflöse, kooperiere ich ausschließlich mit Auktionshäusern, weil das ein komplett transparentes Verfahren ist. Da gibt es solche Betrugsmöglichkeiten nicht, und es kann nichts manipuliert werden. Es gilt das höchste Gebot.
Achenbach hat die Familie Albrecht angeblich um zanzig bis dreißig Millionen Euro betrogen. Das scheint im Kunsthandel leicht zu gehen.
Auf diesem Niveau. Sie brauchen jemanden, der sehr viel Geld hat. Und jemanden, der ihm einredet, dass er das Geld für Kunst ausgeben sollte.
Erst der Fall Beltracchi, jetzt der Fall Achenbach – und immer geht es im Kunsthandelsbetrieb um Eitelkeiten.
Ja, um Eitelkeit, um sehr viel Geld und um Gier. Werner Spieß hat ja auch nach beiden Seiten die Hände ausgestreckt.
Der Kunsthandel scheint ein schmutziges Geschäft zu sein.
Er kann es sein. Bei Auktionshäusern kann auch das ein oder andere passieren, aber es ist ein öffentliches Verfahren. Diese Häuser würde ich aus dem Korruptionsbereich ausschließen. Es gibt dann einen grauen bis schwarzen Markt, der darin besteht, dass Leute mit anderen handeln. Kunsthandel ist ein sehr komplexes Gebilde.
Wird es nach dem Fall Achenbach schwerer für Sie, Vertrauen auszustrahlen?
Eigentlich nicht. Durch den Status der öffentlichen Bestellung und Vereidigung wird einem Mann wie mir Vertrauen entgegengebracht. Insofern hat es um mich und meine Person auch noch nie einen Skandal gegeben, und den wird es auch nicht geben. Es hat sich als Maßstab durchgesetzt, dass Sachverständige nicht als Händler tätig sind und nicht auf eigene Rechnung kaufen. Wenn sie das tun, vergrößern sie die Sumpfgebiete, die es im Kunsthandel gibt. Aber es wäre nicht angemessen zu sagen, dass der Kunsthandel komplett verwahrlost wäre. Was Achenbach getrieben hat, ist nicht indikativ für den Kunsthandel.