InterviewInterview mit Landessportbund-Präsident „Wir sind nicht die Billigheimer der Nation“

Von tos 

Demografischer Wandel, Ganztagesbetreuung, Finanzierungsprobleme: die Vereine stehen vor ganz großen Herausforderungen. Klaus Tappeser, der Chef des Württembergischen Landessportbundes, spricht über den Stellenwert des Sports und die Zukunft der Clubs.

Klaus Tappeser fungiert seit 2001 als Präsident des Württembergischen Landessportbundes Foto: Zweygarth
Klaus Tappeser fungiert seit 2001 als Präsident des Württembergischen Landessportbundes Foto: Zweygarth
Stuttgart - Den Sport hat Klaus Tappeser schon hinter sich. Um sechs Uhr ging es mit Kuki vor die Tür. Kuki hat ein dickes Fell, weswegen der Berner Sennenhund entsprechend früh raus muss, um der Hitze zu entgehen. Einige Stunden später sitzt der Präsident des Württembergischen Landessportbund (WLSB) im Vereinszentrum des TV Rottenburg und spricht vor dem Landessportbundtag über die Herausforderungen der Ganztagesschule und die Probleme des Sports.
Herr Tappeser, das Land befindet sich im Wahlkampf. Zig Forderungen sind an Straßen und Plätzen tapeziert. Ist Ihnen irgendwo das Wort „Sport“ aufgefallen?
Sport? Nicht dass ich wüsste.
Woran liegt das?
Wahlen gewinnt man nicht mit Sport. Aber im Ernst: der Sport spielt in Kommunalwahlkämpfen nur als Teil des bürgerschaftlichen Engagements eine Rolle. Das Schicksal teilen wir mit vielen Bereichen. Oder kennen Sie Plakate für die Kultur?
In Stuttgart gibt es welche.
Das ist schön für die Kultur, der Sport hätte das natürlich auch verdient.
Der Sport ist bezogen auf die Mitgliederzahlen die mit Abstand größte gesellschaftliche Bewegung des Landes. Hat er nicht das entsprechende Gewicht in der Politik?
Der Stellenwert in der Politik müsste fraglos höher sein. Das hat sich anfangs auch beim Thema Ganztagesschule gezeigt. Dort haben wir das aber in den Griff bekommen und haben jetzt eine Partnerschaft erreicht. Das Kultusministerium ist unseren Forderungen mit der kürzlich unterzeichneten Rahmenvereinbarung entgegengekommen. Insofern können wir nicht klagen.
Der Sport soll laut der Vereinbarung systematisch in die Schulen eingebunden werden und ist als wichtiger Bestandteil definiert. Ein Durchbruch?
Nur zum Teil. Die, die wir noch überzeugen müssen, sind nicht die Vereine oder die Eltern oder die Politiker. Die stehen hinter uns. Wir müssen den Schulleitern klar machen, dass es nicht nur um eine für den Schulleiter möglichst einfache Organisation von Ganztagesbetreuung geht, sondern um das Interesse der künftigen Generationen. Auch müssen wir noch stärker für uns werben.
Zeigt das den Stellenwert des Sports?
Wir dringen oft nicht durch mit den positiven Effekten des Sports auf die schulischen Leistungen, obwohl viele Studien das belegen. Sport gilt als verzichtbar, das sieht man ja auch beim Thema dritte Sportstunde. Was ist wichtig? Deutsch. Und Geschichte. In jeder Talkshow können sie damit kokettieren, dass sie in Mathe und im Sport eine Flasche waren. Ich habe noch keinen gehört, der sagt, dass er in Deutsch eine Pfeife war, oder dass er dem Sport viel zu verdanken hat, was seine Organisationsfähigkeit, soziales Verhalten, Gesundheit und so weiter angeht. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist es für Vereine aber überlebenswichtig, in den Schulen präsent zu sein.
Einerseits ist die Ganztagesschule eine Chance für Nachwuchsgewinnung, andererseits: wenn Kinder den ganzen Tag in der Schule sind, fehlt die Zeit oder vielleicht die Lust, abends noch ins Training zu gehen.
Das ist richtig. In anderen Ländern mit einer Tradition der Ganztagesschule, wie in Frankreich und den angelsächsischen Ländern oder den USA, gibt es ja diese vielfältige Vereinslandschaft wie wir sie in Deutschland haben gar nicht.
Was also tun?
Wenn wir diese Kultur und die Vereine dauerhaft attraktiv erhalten wollen, müssen wir in den Schulen ein gutes Angebot für die Kinder machen.