Interview mit Manfred Langner „Kunst ist keine Brotfabrik“

Von Nicole Golombek 

Manfred Langner (60), scheidender Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart, sagt im Interview, warum er sein Konterfei nicht auf der Wand eines Bühnenhauses sehen will, wie man gleichzeitig mutig und solide Theater machen kann. Und er plädiert dafür, auch als Künstler politisch Verantwortung zu übernehmen.

Verlässt dieSchauspielbühnen Stuttgart und übernimmt in Trier ein Dreispartenhaus: Intendant Manfred Langner (60). Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Verlässt dieSchauspielbühnen Stuttgart und übernimmt in Trier ein Dreispartenhaus: Intendant Manfred Langner (60). Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Das Interview zum Abschluss von Manfred Langners Zeit als Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart findet in einem Café nahe des Alten Schauspielhauses statt, denn im Büro unterm Dach des Theaters ist es dämpfig warm und zudem lagern hier schon halbgepackte Umzugskisten.

Herr Langner, Sie verabschieden sich mit zwei Titeln aus Ihrer Intendanz: „Höchste Zeit“ und „Bye bye, Baby“ – ein Hinweis darauf, dass es höchste Zeit ist, Tschüss zu sagen und sich ein neues Publikum zu suchen?
Ja, lustig, ist aber reiner Zufall. Ich wollte ursprünglich noch eine Spielzeit länger hier bleiben, das waren also nicht die letzten Pläne für Stuttgart. Wenn man mag, kann man die Titel natürlich auch so verstehen: höchste Zeit, dass der „Alte“ geht.
Was nicht plausibel wäre. Sie haben mit rund 200 000 Zuschauern das bestbesuchte Sprechtheater in Baden-Württemberg. Was steckt dahinter: ein genialer Plan oder Zufall?
Nun, die hohen Zahlen haben wir von meinem Vorgänger Carl Philip von Maldeghem geerbt.
Und gehalten…
Absolut, obwohl oder auch weil wir einiges gewagt haben, Uraufführungen und Auftragswerke vergeben haben, bei denen man nie weiß, wie das Ergebnis aussehen wird. Einen sicher funktionierenden Plan und lauter gelungene Arbeiten kann es nicht geben, auch wenn sich alle Beteiligten noch so anstrengen. Kunst ist keine Brotfabrik. Wir hatten aber tatsächlich keinen totalen Flop, selbst kontrovers diskutierte Abende wie zuletzt „Ein Strumpfband seiner Liebeslust“ hatten ihre Fans.
Nicht glücklich waren Sie vielleicht eher mit der Kulturpolitik: etwa als das Theater in einem Doppelhaushalt übergangen wurde. Haben Sie Ihre Arbeit zu unaufgeregt gemacht?
Ich habe damals öffentlich durchaus auch etwas gesagt, aber die Dinge im Detail lieber direkt mit den Verantwortlichen besprochen. Man muss eben immer wieder erklären, dass so ein Haus auch Personalkosten hat. Da wird es schwierig, wenn es um Tariferhöhungen geht und für Personalkosten zum Beispiel zusätzlich 120 000 Euro mehr anfallen und man auch die Mitarbeiter so bezahlen will, dass sie sich die teuren Lebenshaltungskosten in Stuttgart leisten können. Das kann man nicht zusätzlich erwirtschaften, wenn man ohnehin schon fast ständig vor ausverkauften Rängen spielt. Auch dieses Jahr sind die Schauspielbühnen wieder übergangen worden bei den Erhöhungen.
Politik lag Ihnen auch bei der Revue „Ein Tanz auf dem Vulkan“ am Herzen. Sie spielte in einer nahen Zukunft, in der die Demokratie gerade abgewickelt wurde. Hatten Sie mit dem großen Erfolg der Produktion gerechnet?
Mir ist wichtig, dass das Theater sich zur politischen Lage positioniert in Zeiten, in denen der Rechtspopulismus nach vorne drängt. Würden die Menschen deren Parteiprogramme lesen, wüssten sie, dass Europa dann bald anders aussehen würde. Allerdings, das Thema so zu schreiben, dass es mit Geschichten aus der Stadt verbunden war, wäre in der ersten Saison nicht möglich gewesen, man muss eine Stadt erst kennenlernen.
Was haben Sie in den neun Jahren in Stuttgart über die Stadt erfahren?
Die Stadt hat sich verändert, ist seit meinem ersten Gastspiel vor rund 15 Jahren zu einer Metropole geworden und politisch stark interessiert. Themen wie Stuttgart 21 werden heiß diskutiert. Das Land ist das einzige mit einer Grün-Schwarzen Regierung. Die Leute hier, auch Konservative, sind offen, etwas Neues auszuprobieren.
In Trier, wo Sie Intendant des Dreispartenhauses werden, haben Sie sich mit der Anspielung an Fußballtrainer Jürgen Klopp als „Ich bin der Normale“ vorgestellt. Möchte man aber nicht gerade als Künstler etwas Besonderes sein?
Ich fand das großartig, wie Klopp sagte, er sei „the normal one“ im Vergleich zu einem anderen Trainer, der sich selbst als „special one“ vorgestellt hatte. Ich habe für mich selbst nicht den Anspruch, mich in den Vordergrund zu spielen oder mein Konterfei an der Rückwand des Theaters zu verewigen.
So wie Ihr Vorgänger Karl Sibelius. Ihr Vorgänger wurde entlassen, das Haus hat Schulden und hatte zuletzt nur noch 80 000 Zuschauer in der Saison.
Das ist richtig, aber mittlerweile werden die Zahlen besser und das Theater hat schon wieder einige Zuschauer mehr.
Der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe sagte, er erhoffe sich, dass Sie mutig Theater machen und das Haus voll bekommen. Das klingt nach der eierlegenden Wollmilchsau, oder?
Auch die Politik muss die Ausgaben für Kunst rechtfertigen, und wenn immer weniger Menschen kommen, wird’s schwierig. Wir machen Theater nicht als Selbstzweck, sondern für Menschen. Und erfolgreich zu sein habe ich schon gern. Mich spornt Erfolg an. Ich glaube, man kann erfolgreich und mutig sein.
Wie stellen Sie das an?
Wir starten die Saison mit einem Karl-Marx-Abend – als Stückauftrag obendrein; Joshua Sobol schreibt für uns, der auch für Stuttgart schon gearbeitet hat. Ich freue mich darauf, hoffe aber, dass die Trierer nicht beim Thema „Marx“ schon abwinken. Wir nehmen außerdem einige erfolgreiche Stücke aus Stuttgart mit, den Piaf-Abend und „Blue Jeans“. Und drei Schauspieler aus Stuttgart begleiten mich: Michael Hiller, Stephanie Theiß und Gideon Rapp.
Ähnlich wie beim Württembergischen Staatstheater in Stuttgart ist die Theaterleitung in Trier ein reiner Männerbetrieb, gibt es keine kompetenten Frauen?
Die Frage habe ich erwartet. Ich bedauere das selbst! Natürlich gibt es kompetente Frauen. Es hatte damit zu tun, dass wegen der prekären Situation des Hauses viel Erfahrung gefragt ist und nicht nur künstlerische Ambition und Talent. Die Stadt hat sich für Jochem Hochstenbach als Generalmusikdirektor entschieden und ich mich für Jean-Claude Berutti als Opernchef. Für den Tanz konnten wir Roberto Scafati gewinnen, der in Ulm aus einem tanzmüden ein tanzbegeistertes Publikum gemacht hat.
Mit den Schauspielbühnen Stuttgart haben Sie auch Preise und Gastspiel-Einladungen wie zu den Privattheatertagen erhalten. Jetzt am größeren städtischen Dreispartenhaus: Geht der Blick nach Berlin, haben Sie Theatertreffen-Ambitionen?
Wir machen erst einmal Theater in Trier für Trier und die Region. Ich halte Berlin und das Theatertreffen für ein bisschen überschätzt. Wie schon mit unserer Stuttgarter Produktion „1984“ von Orwell für den „Faust“, den deutschen Theaterpreis, nominiert zu werden, das wäre mir lieber.

Zur Person

1958 wurde Manfred Langner in Wiesbaden geboren. Bevor er zum Theater wechselte studierte er Jura in Mainz, war Aufnahmeleiter und Produktionsgeschäftsführer für das ZDF und den Hessischen Rundfunk. 1994 bis 2009 war er Intendant des Aachener Grenzlandtheaters und Gastregisseur in vielen Städten, in Stuttgart erhielt er 2007 den Publikumspreis für seine Inszenierung „Ladies Night“ in der Komödie im Marquardt. Seit 2009 Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart. Zur Saison 2018/2019 wird er Intendant am Trierer Theater, einem Dreispartenhaus.