Interview mit Manuel Neuer „Ich bin voll im Zeitplan“

Manuel Neuer blickt zuversichtlich  auf die WM – auch wenn er im Trainingslager zum Pausieren gezwungen ist. Foto: dpa 22 Bilder
Manuel Neuer blickt zuversichtlich auf die WM – auch wenn er im Trainingslager zum Pausieren gezwungen ist. Foto: dpa

Der Nationaltorhüter Manuel Neuer spricht im Interview mit der Stuttgarter Zeitung über seine Schulterverletzung, die Erfolgsaussichten der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien – und ungewohnte Erfahrungen beim Toilettengang.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Stuttgart – - Seit dem Pokalfinale gegen Borussia Dortmund ist der Münchner Torwart Manuel Neuer an der Schulter verletzt und kann nicht trainieren. Es werde eng mit der WM-Teilnahme, sagen viele, doch der 28-Jährige selbst erklärt: „Ich bin sicher, dass ich spielen werde.“
Herr Neuer, wie geht es Ihnen?
Ich würde sagen: den Umständen entsprechend gut. Danke der Nachfrage.
Die liegt im Behandlungszimmer, und ich hoffe nicht, dass ich sie noch einmal tragen muss. Sähe ja auch ein blöd aus, wenn ich demnächst damit im Tor stehen würde.
Wird das überhaupt möglich sein? Man hört immer wieder, Ihre WM-Teilnahme sei in akuter Gefahr.
Ich habe nichts gelesen und gehört, und ich habe dazu bislang auch nichts kommuniziert. Ich hatte ja so eine Verletzung noch nie. Es ist für mich eine ganz neue Erfahrung, an der Schulter gehandicapt zu sein. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die Experten und die Meinung der medizinischen Abteilung zu verlassen.
Und was sagt man Ihnen?
Dass ich rechtzeitig wieder fit werde. Ich bin sicher, dass ich bei der WM spielen werde. Momentan bin ich voll im Zeitplan.
Wie sieht dieser Plan aus?
Noch gilt die von Doktor Müller-Wohlfahrt ausgegebene Ruhe-Regel. Das bedeutet, die Schulter braucht über einen gewissen Zeitraum völlige Ruhe. Gleichzeitig werde ich von unseren Therapeuten den ganzen Tag behandelt – mit allem, was man bei dieser Art von Schulterverletzung so machen kann. Ich frage nicht so genau nach, welche Prozesse da ablaufen. Klar ist: die Jungs geben ihr letztes Hemd dafür, dass es mir gut geht. Vom Fußballplatz sehe ich nichts.
Fällt es so kurz vor der WM nicht furchtbar schwer, zum Nichtstun verdonnert zu sein?
Ich bin jemand, der ohnehin sehr ungeduldig ist, der sich gerne bewegt, ständig Sport treibt. Deswegen ist das sicher keine tolle Erfahrung. Aber ich zügle mich, so gut ich kann. Und es gibt auch durchaus interessante Erfahrungen, die ich derzeit sammle.
Zum Beispiel?
Es ist ein Erlebnis, sich mit links zu rasieren oder die Zähne zu putzen. Vom Gang auf die Toilette gar nicht zu reden.
Wann soll es wieder richtig funktionieren?
Es wird in den nächsten Wochen einzelne Etappenziele geben. Ich bin gut beraten, wenn ich kleine Schritte gehe und in meinen Körper hineinhorche. Und wenn er signalisiert, dass da ein Schmerz ist, dann darf ich das nicht ignorieren, sondern muss weiter kürzertreten. Und wenn ich schmerzfrei bin, stehe ich im Tor. So einfach ist das.
Und wenn nicht?
Ich bin ein positiv denkender Mensch. Darüber mache ich mir keine Gedanken.
Ist es für einen Torhüter nicht ganz so dramatisch wie für einen Feldspieler, während einer WM-Vorbereitung länger pausieren zu müssen?
Letztlich muss ich so fit sein wie alle anderen. Die Umstände in Brasilien sind bekanntlich nicht so einfach. Für einen Torwart geht es ja auch darum, die Konzentration aufrecht zu erhalten – gerade in Spielen, in denen man vielleicht nicht so viel zu tun bekommt. Eine gute Kondition hilft, konzentriert zu bleiben. Es ist wichtig, voll da zu sein, wenn nach 50 Minuten plötzlich der erste Ball aufs Tor kommt.
Das kennen Sie immerhin vom FC Bayern.
Daher empfinde ich es auch nicht als großes Problem, dass ich jetzt ein paar Tage pausiere. Ich muss nicht fürchten, den Rhythmus zu verlieren. Im Moment haben wir ja keine Spiele. Und während der Saison habe ich richtig viele gemacht und bin gewissermaßen ein Dauerbrenner im deutschen Fußball.
Allerdings sind Sie nicht der einzige verletzte Leistungsträger. Nicht nur in Ihrem Fall wird immer wieder betont, es bleibe genügend Zeit und es gebe keinen Grund zur Sorge. Aber kann man unter diesen Umständen wirklich Weltmeister werden?
Na ja, natürlich wären wir glücklicher, wenn alle fit wären. Wir haben ja nicht zum Spaß dieses Trainingslager angesetzt, um uns bestmöglich auf Brasilien vorzubereiten. Der Trainer hätte logischerweise am liebsten alle Spieler zur Verfügung. Trotzdem denke ich: noch ist alles in Ordnung.
Wirklich?
Die Leute, die jetzt angeschlagen sind, haben alle Biss. Und sie sind lange genug im Geschäft. Bei Philipp Lahm bin ich zu hundert Prozent sicher, dass es funktionieren wird.
Er war doch zu Turnieren immer fit, oder?
Da gibt es unterschiedliche Meinungen, gerade was die EM 2012 angeht. Aber immerhin stand Sami Khedira im Champions-League-Finale in der Startelf von Real Madrid. Wie sehr wird er davon profitieren?
Er wird mit viel Rückenwind zu uns kommen. Es ist ja immer ein großer Vorteil, mit einem Erfolgserlebnis zu einem Turnier zu reisen. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Chelsea sind wir vor zwei Jahren mit gesenkten Köpfen zur EM gekommen. Und prompt haben wir dort das Halbfinale gegen Italien verloren. Ich habe schon schönere Urlaube erlebt als jenen, der danach folgte.
Ist es auch für die Bayern-Spieler ein Vorteil, dass sie letztes Jahr mit dem Champions-League-Sieg endlich den ersehnten großen internationalen Titel gewonnen haben?
Das sind Erfahrungswerte, die uns bei der Weltmeisterschaft sehr helfen werden. Wenn man in so einem wichtigen Spiel wie einem Champions-League-Finale als Sieger vom Platz geht, dann wächst man daran. Das sind Momente, die dich in deiner Persönlichkeit weiterbringen. Es wäre sicher kein Fehler gewesen, wenn uns das schon früher gelungen wäre. Dann wäre uns das Aus gegen Italien bei der letzten EM vielleicht erspart geblieben.
Dann reicht es diesmal für den Titel?
Für mich ist es das Wichtigste, erstmal fit zu werden. Im nächsten Schritt will ich meine Leistung bringen. Und dann ist es natürlich so, dass wir als Mannschaft große Ziele haben. Aber auch da sollten wir nicht schon zu weit denken. Gegen Portugal geht es für uns gleich mit dem ersten Endspiel los. Wenn wir dieses Spiel nicht positiv bestreiten, wird es schon in der Gruppenphase eng. Das wissen wir. Wir dürfen uns keinen Lapsus erlauben.




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