Interview mit Marina Abramović „Ich bin durch die Hölle gegangen“

Marina Abramović findet das Alter großartig. Foto: dpa/Marius Becker

Marina Abramović ist in ihren Performances durch die Hölle gegangen. Im Interview verrät sie, wie es ihr heute nach einem Leben voller Schmerzen geht.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Tübingen - Marina Abramović hat sich in ihren Performances geschunden und Schmerzen zugefügt. Heute ist die 74-Jährige eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt und lockt Hunderttausende zu ihren Shows. Die Kunsthalle Tübingen widmet ihr derzeit eine Ausstellung. Dort haben wir die in New York lebende Künstlerin zum Gespräch getroffen.

 

Frau Abramović, bei unserem letzten Interview vor zwei Jahren saßen Sie in einem Hotelzimmer in Shanghai und meinten, Sie wüssten oft gar nicht mehr, in welcher Stadt und welchem Hotel Sie gerade schlafen. Was hat Corona mit Ihrem Leben gemacht?

Corona hat mir eine grandiose Zeit beschert. Ich war auf dem Land – in der Nähe von New York. Ich habe Bäume gepflanzt, hatte eine App, mit der man Pflanzen bestimmen und alles über sie erfahren kann. Ich habe Gartenarbeit gemacht, Tiere beobachtet und war im Fluss schwimmen. Vor Corona hatte ich allerhand gesundheitliche Probleme, jetzt fühle ich mich so gut wie noch nie.

Also ganz ohne Arbeit? Halten Sie das überhaupt aus?

Zwischendrin hatte ich ein Projekt für Sky Arte und habe an der Oper in München eine Produktion gemacht – coronakonform mit nur einer Person auf der Bühne und statt Orchester nur Klavier. Normalerweise bin ich ständig an verschiedenen Orten, hier konnte ich ausnahmsweise zwei Monate am Stück an einem Ort arbeiten.

Und jetzt sind Sie doch schon wieder in der Welt unterwegs?

Bevor ich nach Tübingen gekommen bin, war ich fünf Tage in Madrid, habe in Rom eine Vorlesung gehalten, jetzt kommen Kiew, Oslo, London, danach bekomme ich den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis, danach noch Griechenland . . . Aber danach fahre ich nach Hause – und im November und Dezember wird mich niemand zu sehen kriegen!

Sie waren am Anfang Ihrer Karriere bereits in Tübingen. Ganz ehrlich: Können Sie sich daran noch erinnern?

Oh, mein Gott, Tübingen war eine ganz wichtige Station für mich. Ulay (der damalige Lebensgefährte von Abramović, Anm. d. Red.) und ich lebten in einem Auto, einem Citroën, wie die französische Polizei ihn hatte. Kein Wort zu Heizung und Toilette . . . Wir lebten fünf Jahre lang im Auto, sind gereist und haben Performances gemacht. In Tübingen hat uns die Familie Dacić aufgenommen. Plötzlich bekamen wir herrliches Essen, Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Wir konnten in einem kleinen Gästezimmer wohnen. Ich habe viele Erinnerungen an die Zeit und bis heute Kontakt zu der Familie.

Jetzt stellen Sie in der Kunsthalle Tübingen aus. Aber kann eine Ausstellung überhaupt die Energie der Performances dokumentieren? Was bleibt ohne Ihre Anwesenheit von ihnen?

Die Kunsthalle ist zwar nicht groß, aber es ist eine der schönsten Ausstellungen, die es seit Langem über meine Arbeit gab. Wir zeigen die Mixed-Reality-Arbeit „The Life“. Ich mag eigentlich keine Technik, ich hasse es, dass man bei Virtual-Reality-Installationen diese Brille aufziehen muss und der Körper aufhört zu existieren. Dann aber bin ich auf Mixed Reality gestoßen, da tragen Sie zwar eine Brille, aber sind in der Wirklichkeit, in die eine andere Wirklichkeit eingeblendet wird. Das ist sensationell, Sie können durch die Projektion gehen, in der ich virtuell präsent bin. Ich werde bald 75 und natürlich irgendwann sterben. Aber jetzt habe ich eine Möglichkeit gefunden, wie meine Performances weiterexistieren können.

Warum ist Schmerz für Ihre Arbeit so wichtig gewesen?

Am Anfang habe ich mich für die Grenzen meines Körpers interessiert. Das hatte nichts mit Masochismus zu tun. Ich hasse Schmerz, aber wollte wissen, warum wir Angst vor ihm haben und wie er sich überwinden lässt. Deshalb habe ich schmerzhafte Situationen auf die Bühne gebracht, um zu zeigen: Wenn ich den Schmerz überwinde, können Sie es auch. Ich wollte also ein Exempel statuieren.

Sie wurden einmal fast erschossen. Hatten Sie denn nie Angst?

Aber natürlich, und wie. Aber mich interessieren Dinge, vor denen ich Angst habe. Nur so kommt es zu Veränderungen, und nur so kann man sich in andere Geisteszustände bringen.

Schmerz ist etwas sehr Reales. Heute wollen Sie Ihr Publikum zum Übernatürlichen führen. Hängt das zusammen – oder war das ein Richtungswechsel?

Es gibt in vielen alten Kulturen Zeremonien zur Bewusstseinserweiterung, die mit Schmerz zu tun haben. Aber ich wollte auch nichts wiederholen, deshalb habe ich angefangen, mich mit mentalen Grenzen zu befassen. Wobei es viel leichter ist, mit physischem als mit emotionalen Schmerzen umzugehen, sie sind die Hölle, sie sind viel härter. So haben mich meine Forschungen immer mehr zum Spirituellen geführt.

Sie waren bei tibetischen Mönchen und haben viel meditiert. Sind Sie heute ruhiger, ausgeglichen, gelassener? Wie würden Sie sich beschreiben?

Älter zu werden ist eine fantastische Sache – wenn Sie gesund sind. Ich habe das Gefühl, dass ich in der besten Phase meines Lebens angekommen bin. Ich trinke nicht, rauche nicht, nehme keine Drogen und mache jeden Morgen fünfzig Minuten Yoga. Ich habe eine wirklich gute Gesundheit und genieße das Leben – und auch die Weisheit, die man sich angeeignet hat. Man leidet nicht mehr wegen jedem Mist, man macht, was man will. Früher habe ich immer gelitten wegen irgendetwas, vor allem wegen Liebesgeschichten. Eigentlich bin ich heute so glücklich wie noch nie, wobei das Alter natürlich auch physische Grenzen aufzeigt. Arbeiten wie „The Artist Is Present“ würde ich heute nicht mehr schaffen. Damals war ich 65, aber energetisch war es die Hölle.

Dabei saßen Sie drei Monate lang täglich sieben Stunden bewegungslos an einem Tisch im New Yorker Museum of Modern Art und haben Ihr Gegenüber angeschaut. Die meisten Museen kämpfen um Publikum, bei Ihnen kommen Hunderttausende. Wie machen Sie das?

Die Kuratoren hatten vorausgesagt, dass sich mir niemand gegenübersetzen würde, das sei hier schließlich Amerika. Gut, habe ich gesagt, dann bleibt der Stuhl eben leer. Aber der Stuhl war nie leer. Die Leute kamen, um mich zu sehen, wie ich nichts tuend auf einem Stuhl sitze und sie anschaue. Sie schliefen sogar vor dem Museum und warteten. Die Aufsichten des Museums gingen nach Hause, zogen sich um und kamen zurück, damit sie mich sehen können – weil hier mehr als üblich passierte. Etwas hat die Menschen berührt, ist in ihren Geist gedrungen, manche weinten. Für mich war es ein große Erlebnis, es kamen 850 000 Besucherinnen und Besucher, mehr, als ein lebender Künstler je hatte.

Wir werden von Reizen überflutet, die Menschen können sich immer schlechter konzentrieren. Sie haben offenbar einen Nerv getroffen mit diesen Konzentrationsübungen, die Ihre Performances ja auch sind.

Stille kann wie ein Tornado sein. Die Menschen haben keine Zeit und sind zu beschäftigt, aber sie sind eben auch verloren, sie sind allein – und ich schlage ihnen vor, einfach mal nichts zu tun. Das ist neu und anders und dabei eigentlich sehr einfach. Aber das hatte vorher niemand auf diese Weise erlebt.

Braucht die Welt Kunst, Ihre Kunst?

Mehr denn je. Die Zeiten, in denen abgefuckte Künstler in ihrem Atelier sitzen und sich zugrunde saufen, sind definitiv vorbei. Heute geht es um Verantwortung. Kunst musste immer dienen, dem König, der Kirche, der Gesellschaft. Jetzt ist Kunst wie Sauerstoff für die Gesellschaft. Sie muss die richtigen Fragen stellen, sie muss das Bewusstsein erweitern und Verantwortung übernehmen.

Nutzen Sie deshalb Ihre Prominenz, um junge Künstlerinnen und Künstler zu protegieren?

Die Leute sagen gern, ich sei jetzt ein Star oder ein Popstar. Wobei ich sagen muss, dass nicht ich mich in diese Position gebracht habe, sondern das Publikum. Letztlich war ich immer die Gleiche, aber was tatsächlich anders ist: Ich habe heute eine Stimme, ich werde gehört. Das war früher nicht so, da hörte niemand auf mich. Ich kam aus Ex-Jugoslawien, ich hatte einen wirklich sehr harten Weg – und mir hat nie jemand geholfen. Hätte ich früher Kritiken gelesen, wäre ich nie mehr vor die Tür gegangen. Jetzt bin ich in der Situation, dass ich jüngeren Künstlerinnen und Künstlern helfen kann – und das möchte ich auch tun.

Das Gespräch führte Adrienne Braun.

Ein Weltstar in Tübingen

Person
Marina Abramović wurde 1946 in Serbien geboren. Die Eltern hatten hohe Positionen beim Militär. Sie hat zunächst in Belgrad Malerei studiert und sich von 1973 an mit Performances beschäftigt. Die Beziehung mit dem deutschen Künstler Ulay war fruchtbar, auch in der Kunsthalle sieht man viele der gemeinsam entstandenen Arbeiten. Abramović war lange als Professorin tätig – unter anderem in Hamburg und Braunschweig. Heute lebt sie in New York.

Ausstellung
Die Kunsthalle Tübingen zeigt bis zum 13. Februar 2022 „Jenes Selbst/Unser Selbst“, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Donnerstag bis 19 Uhr.

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