Der Doppelolympiasieger Markus Wasmeier spricht über seine große Zeit und die vergebliche Suche nach einem Nachfolger.

Sport: Dominik Ignée (doi)
Stuttgart - Seit Markus Wasmeiers Doppelsieg 1994 in Lillehammer ist kein deutscher Skirennläufer mehr Olympiasieger geworden. Wasmeier kennt die Gründe für die Probleme im Männerbereich - und traut Felix Neureuther im Slalom morgen Großes zu.

Herr Wasmeier, Sie sind 1994 zweifacher Olympiasieger geworden. Wie wegweisend war das für Ihre Zukunft?


Lillehammer hat mein Leben gravierend verändert. Die Goldmedaillen haben mir vieles ermöglicht. Ohne sie hätte ich kleinere Brötchen gebacken.

Und wie sehen die größeren Brötchen aus?


Ich habe ein Freilichtmuseum gegründet, es gibt dort alte bayrische Bauernhäuser zu sehen. Einem Olympiasieger öffnen sich da bei den Sponsoren viel leichter die Türen. Als Normalo ist das nicht machbar.

Als Sie in Norwegen Gold in Riesenslalom und im Super-G gewonnen hatten, war das eine Sensation. Kein Mensch hatte Markus Wasmeier auf der Rechnung.


Gerade das war doch mein großer Vorteil. Die Leute akzeptieren keinen vierten Platz. Doch wenn du in einer Saison 16-mal Vierter wirst, dann bist du sehr wohl ein Favorit. Für Insider war ich das. Aber für diejenigen, die sich damals mit der Materie nicht richtig beschäftigt hatten, war ich nur ein Medaillenanwärter. Später haben sie dann gestaunt.

Sie haben tatsächlich geglaubt, dass Sie Gold holen könnten?


Für mich war klar: wenn ich einmal fehlerlos den Hang runterkomme, dann hab ich das Ding. Ich habe damals meinen Rennski rechtzeitig weggepackt, weil ich wusste, wenn ich den in Lillehammer wieder auspacke und mich draufstelle, kann ich gewinnen. So etwas macht man im Verborgenen. Das kriegt keiner mit. Mir gab der Glaube an dieses Versteckspiel ein enormes Selbstbewusstsein - und wie Sie sehen, hat es funktioniert.

Denken Sie heute noch oft mit Stolz an die Zeit zurück?


Ich bin nicht der Typ, der ständig in Erinnerungen schwelgt. Nur wenn ich sehe, mit welchem Engagement heute die jungen Sportler auch hier in Whistler an die Sache herangehen, und dann haut es einfach trotzdem nicht hin mit dem Olympiagold - dann denke ich mir immer: hoppla, das war ja damals echt ein Riesending.

Sie sprechen aus Erfahrung. Bei Ihnen lief es ja auch nicht immer rund.


Bei den Spielen zuvor in Calgary und Albertville hatte ich mich leider Gottes zweimal selbst geschlagen. Da hätte es eigentlich keinen geben dürfen, der mir wegfährt. Dann fädelst du am ersten Tor ein und bist weg. So was kommt nicht mal in deinen bösesten Träumen vor.

Bei den Spielen in Kanada sind starke deutsche Skirennläuferinnen am Start. Bei den Männern dagegen bilden Felix Neureuther und Stephan Keppler eine Minitruppe. Warum gibt es so wenig gute deutsche Fahrer?


Man darf die Geschlechter nicht vergleichen, das wäre ein fataler Fehler. Wenn ein 15-jähriges Mädchen nach ihren ersten Startplätzen bei Fis-Rennen 20 Punkte hat, ist sie 60. der Weltrangliste. Ein gleichaltriger Junge wäre mit derselben Punktzahl die Nummer 2500. Das ist Beweis genug für die hohe Leistungsdichte bei den Männern. Außerdem haben die deutschen Frauen in der Geschichte des Skisports immer schon eine der stärksten Mannschaften der Welt gestellt. Dort ist die besagte Leistungsdichte nicht so groß.

Liegt es nicht auch daran, dass Deutschland keine richtige Skination ist? Hier gibt es nun einmal nicht die Berge wie in Österreich oder der Schweiz.


Das Problem liegt nicht allein an den fehlenden Bergen, sondern auch an den Kooperationen der Skigebiete mit den Rennläufern. Die deutschen Meisterschaften haben vergangenes Jahr in Österreich im Pitztal stattgefunden, in diesem Jahr geht es in die Schweiz nach St. Moritz. Die Verantwortlichen deutscher Skigebiete reservieren die Strecken zu wenig für die Sportler.

Ist es im Ausland anders?


Wenn man in Österreich, Italien oder der Schweiz einen Trainingskurs setzen will oder ein Rennen für Jugendliche stattfinden soll, dann stehen alle Türen offen. Bei uns in Deutschland dagegen überhaupt nicht. Wie, bitte schön, soll man vernünftig arbeiten können, wenn nicht mal deutsche Meisterschaften in unseren Skigebieten Akzeptanz finden? Man kann nicht immer darüber schimpfen, dass wir keine guten Fahrer haben. Ich sage: dann macht was dafür! Wenn an der Zugspitze ein Jugendrennen stattfindet, müssen die Buben 50 Euro für die Tageskarte bezahlen. Der Wahnsinn ist das.

Sind die Skigebiete allein für die schlechten Bedingungen verantwortlich?


Auch die Schule sorgt bei uns für mehr Probleme als in anderen Ländern. Neben dem Gymnasium, das auf acht Jahre verkürzt wurde, noch Sport zu machen oder zu musizieren, ist heutzutage fast unmöglich geworden. Die Jugendlichen haben ja jetzt schon eine 60-Stunden-Woche. Die Schulen müssen Kinder, die Leistungssport treiben wollen, mehr unterstützen. Stattdessen sind Sportstunden immer die ersten, die im Zweifel gekürzt werden. Das ist ein Armutszeugnis. In Österreich sind dagegen Profis wie Benjamin Raich die Ersten, deren Köpfe an ihren früheren Schulen in die Wand gemeißelt werden, weil der Rektor so stolz ist. So muss es sein.

Felix Neureuther hat sich erfolgreich durchgeboxt. Reicht seine Willensstärke am Samstag für Slalomgold?


Die Spötter, die gesagt haben, dass es mit dem Neureuther eh nichts mehr wird, die sind durch seinen Sieg neulich in Kitzbühel eines Besseren belehrt worden. Seit Kitz hat der Felix die Bestätigung, dass er auf dem richtigen Weg ist. Das nimmt er am Samstag mit ins olympische Rennen. Er muss einfach nur zweimal seine Leistung voll abrufen - und dann schau'n mer mal, was dabei rauskommt.

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