Interview mit Martin Sawillion Die Städte sind beim Klimaschutz am Ball

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Kommunen seien optimale Vermittler für politische Ziele, sagt Martin Sawillion von der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg. Aber sie bräuchten mehr Unterstützung von der Bundesregierung.

Klimaschutz beginnt schon beim Wohnungsbau. Foto: dpa
Klimaschutz beginnt schon beim Wohnungsbau. Foto: dpa

Stuttgart - Die Zeit drängt. Wenn die Klimaschutzziele der Bundesregierung erreicht werden sollten, müssten die Anstrengungen erheblich verstärkt werden, sagt Martin Sawillion, der Vizechef der baden-württembergischen Klimaschutz- und Energieagentur (KEA). Städte und Gemeinden seien zentrale Bindeglieder zwischen den Akteuren. Handlungslinien lieferten Zertifikate wie der European Energy Award oder Netzwerke wie das Klimabündnis, das 2015 sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Herr Sawillion, bis zum Jahr 2020 will der Bund die klimaschädlichen Treibhausgase um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. Wie realistisch ist dieses Ziel?
Wir von der Klimaschutz- und Energieagentur halten das für ein optimistisch formuliertes und nicht einfach zu erreichendes Ziel. Schon jetzt zeigt sich ja, dass der Bund bestrebt ist nachzubessern, um die Lücken zu schließen. Sicher ist: wenn wir das schaffen wollen, müssen wir die Anstrengungen deutlich verstärken.
Wo gibt es Handlungsbedarf?
Die Städte und Gemeinden brauchen mehr Geld vom Bund, um Klimaschutzmaßnahmen umsetzen und die notwendigen personellen Kapazitäten bereitstellen zu können. Helfen würde auch, wenn die im Rahmen der Kommunalrichtlinie gestellten Förderanträge weniger akribisch bearbeitet würden: Nicht jede Rückfrage ist aus unserer Sicht nötig. Gerade den Kommunen sollte mehr Vertrauen entgegengebracht werden.
Wenn die 40-Prozent-Marke zu ehrgeizig ist – was ist aus Ihrer Sicht realistisch?
Ich möchte mich da nicht auf eine konkrete Zahl festlegen. Außerdem ist es ja politisch durchaus sinnvoll, ambitionierte Ziele zu verfolgen.
Was können denn die Kommunen dazu beitragen?
Ungeheuer viel. Die Politik auf Bundesebene kann letztlich nur von Akteuren vor Ort umgesetzt werden. Die Bürger verfolgen dabei die unterschiedlichsten Interessen. Da sind die Städte und Gemeinden die optimalen Vermittler. Sie sind Ansprechpartner für alle Zielgruppen, seien es Unternehmen oder Privatleute, und sie agieren im Auftrag der öffentlichen Hand.
Was heißt das konkret?
Es geht um das Selbstverständnis. Indem sich eine Kommune ein Leitbild gibt, sich Klimaschutzbündnissen anschließt oder sich selbst Ziele verordnet, wird die Bedeutung des Themas betont. Das wirkt auch nach außen. Wir werben für Klimaschutzkonzepte, die den Gemeinden klare Handlungslinien vorgeben, oder für den Beitritt zum European Energy Award. Die Zertifizierung liefert den Kommunen eine systematische Ist-Analyse und zeigt ihnen, wo sie bereits gut aufgestellt sind und wo sie Nachholbedarf haben.
Wo sind die Grenzen?
Klimaschutz ist eine sehr, sehr große Aufgabe. Für Kommunen ist das ein personelles Problem; da fehlen oft einfach die Mittel. Das dickste Brett ist sicher die energetische Sanierung von Gebäuden. Auch da sind Städte und Gemeinden von der Bundespolitik abhängig. Außerdem ist der Zugriff auf die Industrie, vor allem auf kleine und mittlere Betriebe, sehr beschränkt: Wenn es um Investitionen etwa in die Gebäude geht, haben Wirtschaftsbetriebe striktere Anforderungen an die Rentabi­lität als eine Kommune. Helfen könnten da Contracting-Modelle, wie es manche Städte ja bereits praktizieren.
Ist Klimaschutz letztlich eine finanzielle Frage?
Volkswirtschaftlich gesehen nicht. Die Aufwendungen halten sich in Grenzen angesichts dessen, was uns droht, wenn der Klimawandel voll zuschlägt. Wer jetzt nichts tut, muss irgendwann umso mehr investieren. Bei jeder Einzelentscheidung gelten aber die Gesetze des Marktes. Angemessen fordern und attraktiv fördern ist deshalb die richtige Devise.
 
 
Die Kommunen organisieren sich in Netzwerken - Für eine größere Ansicht klicken Sie auf die Grafik

KEA
Die Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA) ist kein Teenager mehr. Die GmbH hat Anfang Juli ihren 20. Geburtstag gefeiert. Der größte Gesellschafter des Unternehmens ist mit 58,4 Prozent das Land Baden-Württemberg. Der größte Mitgesellschafter ist der Verband für Energie- und Wasserwirtschaft als Vertreter der Energieversorger mit 25,1 Prozent. Die KEA berät Gemeinden, Firmen und Bürger und finanziert sich eigenen Angaben zufolge ausschließlich über ihre Beraterhonorare. Der Umsatz beträgt mehr als drei Millionen Euro pro Jahr.

Gesprächspartner
Der Ingenieur Martin Sawillion (49) ist bereits seit 1998 bei der Klimaschutzagentur. Er ist Prokurist und stellvertretender Geschäftsführer.

Klimabündnis
Das im Jahr 1990 gegründete „Klimabündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern des Regenwaldes“ ist eines der ältesten kommunalen Klima-Netzwerke. Die europaweit mehr als 1600 Mitglieder verpflichten sich unter anderem, ihren CO2-Ausstoß alle fünf Jahre um zehn Prozent zu senken. Im Gegenzug erhalten sie regelmäßig Informationen, etwa über neue technische Entwicklungen zum Energiesparen oder beispielhafte Projekte in den Mitgliedskommunen. Von den 179 Gemeinden in der Region Stuttgart gehören 28 zum Klimabündnis.

EEA
An Bedeutung gewinnt zurzeit der European Energy Award (EEA). Das von der EU unterstützte Zertifizierungsverfahren ist immer öfter eine Voraussetzung, um Fördertöpfe anzapfen oder mehr Geld bekommen zu können. Dabei werden regelmäßig sechs Felder überprüft: Entwicklungsplanung, kommunale Gebäude und Anlagen, Ver- und Entsorgung, Mobilität, interne Organisation sowie Kommunikation und Kooperation. Bundesweit nehmen 300 Gemeinden teil, in der Region sind es elf. Im Land war Lörrach 2007 die erste Kommune, die das EEA-Zertifikat erhalten hat.


Im Stuttgarter Rathaus gibt es seit 1938 Klimabeauftragte, die für frische Luft in der Stadt sorgen sollen. Kein leichter Job.

In der Landeshauptstadt rührt sich wegen der Kessellage kaum ein Lüftchen. Das hat den Gemeinderat schon vor 76 Jahren veranlasst, einen Stadtklimatologen einzustellen. Dessen Arbeit ist im Lauf der Zeit nicht leichter geworden. 5,1 Millionen Tonnen Kohlendioxid sind laut dem Statistischen Landesamt 2011 in Stuttgart emittiert worden. 2005 waren es fast sechs Millionen Tonnen gewesen; damit sind die verursacherbezogenen Emissionen um 15 Prozent gesunken. Der Löwenanteil an den CO2-Emissionen (61,5 Prozent) geht auf das Konto der Händler, Gewerbetreibenden und Privathaushalte. Gegenüber 2005 haben sie aber 13,7 Prozent eingespart. Der Verkehr landete 2005 mit 17,7 Prozent Anteil am CO2-Ausstoß hinter der Industrie (21,4 Prozent). Das ist nun anders. Beim Verkehr hat der CO2-Ausstoß 2011 um 1,7 Prozent zugenommen, bei der Industrie ist er gesunken (33,2 Prozent).

Stuttgart hat 1997 ein Klimaschutzkonzept und 2007 ein Zehn-Punkte-Programm verabschiedet, das unter anderem ein Energiemanagement, die Sanierung der Schulen und die Förderung erneuerbarer Energien vorsieht. Seit 1995 gehört die Stadt zum Klimabündnis. Im gleichen Jahr hat der Gemeinderat ein stadtinternes Contracting beschlossen. Das Amt für Umweltschutz finanziert seither Umbauten, die den Energieverbrauch in städtischen Gebäuden senken. Die Einsparungen bei den Energiekosten fließen dafür in die Kasse des Umweltschutzamtes. Bis 2010 seien mehr als 270 Projekte, von Blockheizkraftwerken über Fotovoltaikanlagen bis zu neuen Lampen, auf diese Art finanziert worden, erklärt ein Sprecher. Auch die energetische Sanierung der Schulen, für die 30 Millionen Euro notwendig sind, wird über das Contracting-Modell abgewickelt. In den vergangenen vier Jahren hat Stuttgart 19,5 Millionen Euro für Energie sparende Maßnahmen ausgegeben. Bei städtischen Gebäuden habe man den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 63 Prozent reduzieren können.

Auch Privatleuten hilft die Stadt mit ihrem Energiesparprogramm. Zwischen sechs und 20 Prozent der Renovierungskosten von Häusern und Wohnungen werden übernommen. Im aktuellen Doppelhaushalt stehen dafür 2,5 Millionen Euro bereit. Von 1998 bis 2013 wurden 16,3 Millionen Euro für die Sanierung von 14 329 Wohnungen ausbezahlt.


 

Die Voralbgemeinde Hattenhofen macht mit ihren Nachbarn gemeinsame Sache.

Hattenhofen im Kreis Göppingen ist mit 3000 Einwohnern die kleinste Gemeinde in der Region, die sich um das EEA-Siegel bemüht. Schon seit 1993 gehört der Ort zum Klimabündnis. Auch in der Nachbarschaft packt man den Klimaschutz gemeinsam an. So betreibt der Flecken mit acht anderen Dörfern ein Energiemanagement. Die Kosten von 30 000 Euro jährlich für die Beratung werden geteilt; dafür profitiert jede Gemeinde von den Einsparungen bei den Energiekosten. 2009 war Hattenhofen zudem Mitbegründer der Bürgerenergiegenossenschaft Voralb. Inzwischen hat diese 247 Mitglieder und betreibt sechs Solaranlagen. Schon Mitte der 90er Jahre wurde das Baugebiet Sommerweide II mit einem Blockheizkraftwerk ausgerüstet. Die Bauherren mussten Niedrigenergie-Häuser bauen. Heute gibt es in dem Ort drei Nahwärmeverbünde.

Laut dem Statistischem Landesamt sind die verursacherbezogenen Kohlendioxid-Emissionen in Hattenhofen zwischen 2005 und 2011 von 28 845 Tonnen auf 26 606 Tonnen gesunken. Das ist ein Minus von 7,8 Prozent. Dabei eingerechnet ist der CO2-Ausstoß, der bei der Strom- und Fernwärmeerzeugung andernorts entstanden ist. Mehr als die Hälfte der Emissionen gehen in Hattenhofen auf das Konto der Industrie; ihr CO2-Ausstoß ist sogar um knapp acht Prozent gestiegen. Dafür haben die Kommune, die privaten Haushalte und der Handel 2011 fast 25 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen als 2005. Beim Verkehr sind die Emissionen um gut fünf Prozent gesunken. Allerdings spielt dieser Bereich mit einem Anteil am CO2-Ausstoß von weniger als zehn Prozent in Hattenhofen eine untergeordnete Rolle, anders als in Stuttgart oder Ludwigsburg.


Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß in Ludwigsburg nur noch zwei statt wie derzeit mehr als sechs Tonnen je Bürger und Jahr betragen.

Die Ziele des Bundes reichen den Ludwigsburgern nicht. Bis zum Jahr 2050 sollen alle öffentlichen Gebäude klimaneutral sein. Das Heizen und Betreiben dieser Häuser darf dann keinen Einfluss mehr auf die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre haben. Der Stadt Ludwigsburg gehören etwa 350 Gebäude. Aber bis 2050, das ist das Ziel, soll ganz Ludwigsburg klimaneutral sein. Der CO2-Ausstoß darf dann für jeden der 89 000 Einwohner nurmehr zwei Tonnen pro Jahr betragen. Vor drei Jahren waren es laut dem Statistischem Landesamt 6,65 Tonnen.

Dieses Ziel will man unter anderem mit einem Gesamtenergiekonzept erreichen. Dazu gehört ein knapp 90 Punkte langes energiepolitisches Arbeitsprogramm. Ein Gutteil dieser Hausaufgaben ist seit 2011 das Geschäft des Klimaschutzmanagers Bernd Schäffer. Die Klimaschutzinitiave des Bundes hat sich drei Jahre lang mit 170 000 Euro, etwa zwei Dritteln, an den Personalkosten beteiligt. Schäffers Angaben zufolge wendet die Stadt jährlich zwölf bis 15 Millionen Euro für Sanierungen und Neubauten auf. Wie viel Geld die energetischen Maßnahmen ausmachten, lasse sich nicht beziffern. Bei neuen Gebäuden wie etwa der Mensa auf dem Grundschulcampus in der Gartenstraße strebe man Passivhausstandard an.

Auch Ludwigsburg strickt Netzwerke. Seit 1997 gehört die Stadt zum Klimabündnis, seit vier Jahren darf sie sich mit dem EEA-Siegel schmücken. Zudem hat sie vor fünf Jahren unter anderem mit der Energieagentur des Kreises, der Akademie der Ingenieure und verschiedenen Planungsbüros den Verein Energetikom gegründet, der Privatleute und Firmen in Sachen Energie und Klimaschutz berät.

Das sind die richtigen Adressaten, denn in Ludwigsburg sind Privatleute, Gewerbebetriebe und Händler diejenigen, die laut dem Statistischem Landesamt im Jahr 2011 für rund 400 000 Tonnen (69 Prozent) der verursacherbezogenen CO2-Emissionen verantwortlich waren. Gegenüber 2005 sind das 16 Prozent weniger, obwohl die Stadt um tausend Einwohner gewachsen ist. Insgesamt ist in dieser Zeit 13,2 Prozent weniger CO2 in die Luft geblasen worden. Nahezu konstant geblieben ist der CO2-Ausstoß durch den Verkehr. Fahrzeugabgase machen etwa 20 Prozent der Emissionen aus; gut elf Prozent verursacht die Industrie.

 

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