InterviewMaschinenbau-Landeschef Birk vor Hannover Messe „Der Mittelstand fällt bei Forschung zurück“

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Der industrielle Mittelstand in Deutschland hänge bei Forschung und Entwicklung hinterher, sagt Dietrich Birk, Geschäftsführer des baden-württembergischen Maschinenbauverbandes. Die heimischen Maschinenbauer müssten enger mit Hochschulen zusammenarbeiten, um aufzuholen.

Strafzölle  gefährden nach Ansicht von VDMA-Landeschef Birk das positive Klima der Weltwirtschaft. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Strafzölle gefährden nach Ansicht von VDMA-Landeschef Birk das positive Klima der Weltwirtschaft. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - China investiert in Automatisierung und holt technologisch auf. Davon profitiert der deutsche Maschinenbau. Die Geschäfte laufen gut, sagt Dietrich Birk, Geschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA in Stuttgart.

Herr Birk, die Hannover Messe ist die weltweit größte Industrieschau. Doch es geht nicht nur um neue Technologien, immer öfter geht es auch um politische Themen. Was erwarten Sie?
In Hannover wird es natürlich um Technologien gehen wie Digitalisierung, Intralogistik, Energieeffizienz oder die Mensch-Maschine-Kollaboration. Schließlich ist die Messe das wichtigste internationale Schaufenster für die deutsche Industrie. Doch es wird auch um aktuelle politische Themen wie die Zukunft des Welthandels gehen. Ich erwarte sowohl von der Politik, den Verbänden als auch von Unternehmen ein klares Bekenntnis für offene Märkte und für einen freien Welthandel.
Statt über freien Handel zu reden wird eher mit Zöllen gedroht. Der Handelsstreit zwischen USA und China ist ein Beispiel.
Angesichts der engen Verflechtung der Wirtschaftsbeziehungen weltweit müssen Europäer und Deutsche deutlich machen, welche Vorteile offene Märkte für den weltweiten Wohlstandsgewinn haben. Strafzölle und andere Handelsbeschränkungen gefährden das positive Klima der Weltwirtschaft. Wir müssen die USA und China dazu bekommen, dass die international vereinbarten Spielregeln des Welthandels eingehalten werden. Europa kann da wichtige Überzeugungsarbeit leisten und eine Vermittlerrolle einnehmen.
Schwingt da Zweckoptimismus mit?
So pessimistisch wäre ich nicht. Es bewegt sich ja durchaus etwas. US-Präsident Donald Trump hat vor kurzem angekündigt, dass er das geplante transpazifische TTP-Abkommen, das er zunächst rundweg abgelehnt hat, jetzt neu verhandeln will. Zugegeben, Trump ist mit seinen Tweets sprunghaft. Trotzdem. Wenn der US-Präsident wieder in TTP einsteigen möchte, stellt sich ebenso die Frage einer Wiederaufnahme der Verhandlungen von Teilen des TTIP, also des angestrebten europäisch-amerikanischen Handelsabkommens. Trump fordert neue Handelsbedingungen für die USA, wir sollten als Europäer den Gesprächsfaden dazu mit den Amerikanern wieder aufnehmen, um weitere amerikanische Alleingänge zu verhindern.
Und wie sieht es mit Russland aus? Die EU-Sanktionen gelten weiter. Und die USA wollen sie sogar verschärfen.
Auf politischer Seite ist derzeit keine Entspannung festzustellen. Die Positionen beider Seiten sind verhärtet. Wegen der jüngsten politischen Ereignisse in Syrien und Großbritannien dürfte sich daran auch kurzfristig wenig ändern. Trotzdem haben sich für uns die Geschäfte mit Russland erfreulich entwickelt. 2017 sind die baden-württembergischen Exporte nach Russland um 22 Prozent auf 941 Millionen Euro gestiegen. Damit liegt Russland auf Platz 14 der wichtigsten Absatzmärkte der Maschinenbauer im Südwesten.
Haben Sie etwa Wege gefunden die Sanktionen zu umgehen?
Natürlich nicht. Russland fragt andere Maschinen nach, die nicht unter die Sanktionen fallen – wie Landtechnik, Nahrungs- und Verpackungsmaschinen, Bau- und Baustoffmaschinen sowie Logistik- und Fördertechnik. Und weil sich die Öl- und Gaspreise stabilisiert haben, kann Russland wieder verstärkt investieren. Doch wir haben die Sorge, dass dies nur ein Zwischenhoch war. In den vergangenen sechs bis acht Wochen hat sich das Wirtschaftsklima in Russland erneut eingetrübt. Der Verfall des Rubels führt dazu, dass sich die Importe für Russland verteuern. Dies spüren unsere Maschinenbauer.
Hat sich die Befürchtung bestätigt, dass China seine Chance in Russland nutzt?
Ja. Wir laufen Gefahr, unsere Marktanteile in Russland einzubüßen. China, Taiwan und Südkorea versuchen die Lücke, die die EU-Sanktionen reißen, zu füllen. China hat 2016 Maschinen und Anlagen für 4,9 Milliarden Euro nach Russland verkauft, was einer Steigerung von immerhin 73 Prozent entspricht. Damit hat die Volksrepublik erstmals Deutschland als wichtigster russischer Maschinenlieferant überholt. 2017 hat Deutschland zwar wieder den Spitzenplatz erreicht, doch für wie lange?
Kann China technologisch mithalten?
Im aktuellen Fünf-Jahresplan von China spielt Produktionstechnologie eine große Rolle. Die Volksrepublik setzt verstärkt auf qualitatives Wachstum – nicht nur im Hinblick auf Produktivität und Effizienz, sondern auch zur Verbesserung der Umweltqualität. Wir spüren, dass die Nachfrage aus China im Bereich Automatisierung und Robotik stetig wächst. Interessant ist auch, dass aktuell in China trotz der beschlossenen Quote für Elektromobilität deutsche Werkzeugmaschinen sehr gefragt sind, um Produktionslinien für Autos mit Verbrennungsmotoren zu modernisieren und weiter auszubauen. Deshalb ist – anders als erwartet – das China-Geschäft von Baden-Württemberg im vergangenen Jahr auch um 20 Prozent gestiegen. Wir haben für 4,5 Milliarden Euro Maschinen und Anlagen nach China exportiert, das bedeutet Platz 2 im Exportranking nach den USA.
Auch durch die Übernahmen etlicher deutscher Hightech-Unternehmen dürfte China einen Sprung gemacht haben.
Wir spüren, dass China nicht mehr nur seinen Inlandsmarkt im Blick hat, sondern mit Technologie zunehmend auch auf Auslandsmärkten Tritt fassen will. Das Land hat zwar häufig noch keine Hightech-Lösungen anzubieten, möchte aber vom mittleren Marktsegment aus weitere anspruchsvollere Marktsegmente nach oben erschließen. Im Fokus der Chinesen sind zunächst Schwellenländer wie Indonesien und Indien, aber auch Brasilien und Russland. Ziel der Chinesen ist, neben den Märkten von Schwellenländern in entwickelte Märkte, etwa nach Europa vorzustoßen, auch durch gezielte Technologie- und Firmenkäufe.
Hat der Maschinenbau schon Teilbereiche an China verloren?
Dass Teilbereiche komplett weggebrochen sind, sehe ich nicht. Angesichts der überwältigenden Größe des chinesischen Marktes überwiegen die dortigen Absatzchancen für die deutschen Maschinenbauer deutlich. Aber es gibt Teilbranchen wie beispielsweise Textil- und Baumaschinen, wo der Wettbewerb deutlich zugenommen hat. Umso wichtiger ist, dass der deutsche Maschinenbau in punkto Kundennähe, Service, Produktivität und Technologiestärke weiter nach vorne geht und in Innovationen investiert.
Investieren die Firmen genug in Forschung und Entwicklung?
In den letzten Jahren ist der industrielle Mittelstand in Deutschland und Europa bei Forschung und Entwicklung zurückgefallen. Hier benötigen wir noch mehr Unterstützung wie beispielsweise die überfällige steuerliche Forschungsförderung durch die deutsche Politik, um technologisch mithalten zu können.
Woran kann man festmachen, dass der Mittelstand technologisch zurückfällt?
Bei Patenten im Südwesten sind Konzerne wie Daimler und Bosch weiter Ton angebend. Das gibt viel Schubkraft. Dennoch gilt, dass die Ausgaben für Produkt- und Prozessinnovationen des klassischen industriellen Mittelstands über mehrere Jahre stagniert haben. Wichtig ist deshalb, dass der Wissens- und Technologietransfer aus Hochschulen und Instituten für den industriellen Mittelstand noch besser nutzbar gemacht wird. Auch IT- und Software-Start-ups können für die künftige Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle des mittelständischen Maschinenbaus einen wertvollen Innovationsbeitrag leisten.

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