Interview mit Matthias Brandt Als Mensch im eigenen Leben ankommen

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Am Sonntag taucht Matthias Brandt im „Polizeiruf“ wieder als Kommissar Hanns von Meuffels auf. Im Interview erzählt er, warum er überhaupt TV-Ermittler wurde.

Matthias Brand spielt einen Polizisten, der schwere Fehler macht. Foto: BR/Kerstin Stelter
Matthias Brand spielt einen Polizisten, der schwere Fehler macht. Foto: BR/Kerstin Stelter
Stuttgart Der Schauspieler Matthias Brand (51) mag Krimis und liest am liebsten Maigret. Jetzt spielt er einen Polizisten, der schwere Fehler macht.
Herr Brandt, schauen Sie eigentlich immer den Polizeiruf mit Ihrem Kommissar Hanns von Meuffels an?
Ja, immer, wenn die jeweilige Folge fertig ist. Manchmal auch schon in Zwischenstadien.

Haben Sie als Kommissar so wie ganz normale Fernsehzuschauer ein Sonntagabend-Krimi-Ritual?
Ich glaube, es gibt Kollegen von mir, die das haben. Ich nicht. Ich kann mir nicht so gut vorstellen, so eine Arbeit, in die ich doch sehr involviert bin, in einem größeren Kreis anzuschauen. Man registriert da als Schauspieler doch sehr genau, wie die Menschen um einen herum reagieren. Dann noch eher im Kino als gemeinsam vor dem Fernseher.

Mögen Sie privat Krimis?
Ja, ich lese sehr gern Krimis. Das ist ein Genre, das ich immer sehr gerne mochte, auch im Film. Es gibt kein anderes Genre, das einen so schnell in jedes denkbare Milieu hineinkatapultiert. Das Vehikel des Verbrechens, das passiert und aufgeklärt werden muss, ist erzählerisch unheimlich ergiebig. Damit ist die Erklärung geliefert, warum sich der Zuschauer oder Leser hier und jetzt befindet und mit diesem oder jenem beschäftigt. Außerdem hat man eine Figur, die sich überall Zutritt verschaffen kann und Dinge erfährt, die andere nicht erfahren.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Ich mochte immer sehr gern Maigret. Weil er immer versucht hat, in die Psyche des Täters einzutauchen. Es geht nicht um eine Bewertung des Bösen. Sondern darum zu verstehen: Wieso hat der das gemacht. Das führt zwar manchmal als Ermittler dazu, dass man ein Abgrenzungsproblem bekommt. Aber auch das ist ja erzählerisch interessant.

Haben Sie sich eigentlich lange überlegt, ob Sie Fernsehkommissar sein wollen?
Klar man muss sich überlegen, ob man das jedes Jahr zweimal machen will. Ich hatte aber vor allem deshalb Lust dazu, weil ich Edgar Selges Arbeit kannte, die mir im Rahmen dieses Sonntagskrimis sehr, sehr gut gefallen hat. Ich fand auch interessant, mich einmal über einen so langen Zeitraum mit einer Figur zu beschäftigen, die mal mehr Raum hat als 90 Minuten, um sich zu entwickeln. Und der Kommissar von Meuffels ist eben nicht von Beginn an festgelegt. Er erlebt Dinge, die ihn entwickeln.

Muss man von Meuffels mögen?


Wie sehen Sie denn Ihren Kommissar?
Ich hab ein ziemlich klares Bild von ihm, aber ich habe gar keine Lust, dass er so festgelegt wird. Ich weiß, dass die Zuschauer gerne genaue Zuschreibungen zu so einer Figur haben: wie wohnt denn der, was fährt der für ein Auto, ist der eigentlich geschieden? Dabei sind doch die Momente viel spannender, in denen man einen kurzen Blick in die Seele dieser Figur bekommt.

Mögen Sie Ihre Figur?
Weiß ich eigentlich gar nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich ihn mögen möchte. Aber je mehr wir mit von Meuffels erleben, desto klarer wird das werden.

Diese Folge ist harte Kost und untypisch für einen Polizeiruf. Kommissar von Meuffels führt interne Ermittlungen gegen die Kollegen einer Polizeiinspektion, in deren Gefangenenzelle ein Transsexueller zu Tode gekommen ist. Er ist persönlich stark betroffen. Und er macht einen unverzeihlichen Fehler. War diese Arbeit für Sie besonders?
Natürlich wünscht man sich immer, dass ein Film besonders ist. Ich mag in diesem Fall das Ergebnis sehr. Ich fand das Buch von Anfang an außergewöhnlich und es ist auch ein wirklich tolles Ensemble, das mich hier besuchen kommt.

Lars Eidinger spielt die transsexuelle Freundin des Todesopfers, Almandine. Sie spielen zum ersten Mal gemeinsam. Der Zuschauer bekommt das Gefühl einer großen Intimität. Wie war diese Spielerfahrung für Sie?
Es heißt eben nicht automatisch, wenn man einander als Schauspieler schätzt, dass man auch gut zusammenspielen kann. Aber bei uns war das sofort so. Lars Eidinger spielt sehr kraftvoll und inspirierend. Jeder von uns, glaube ich, hat aus dem anderen etwas herausgeholt, wir haben sehr aufeinander reagiert, ohne viel zu überlegen. Es war eigentlich sehr leicht, gemeinsam zu spielen.

Eine vor Klischees triefende Welt


Es gibt eine Szene, in der Almandine in einer Stripbar tanzt und von Meuffels sie dabei sieht - da entsteht eine ganz große Nähe und Verletzlichkeit. Die beiden kommen sich auch auf eine menschliche Weise schnell nahe. Was ist denn zwischen diesen beiden?
Die mögen sich einfach über die Welten hinweg. Von Meuffels hat einen starken Beschützerinstinkt gegenüber Almandine, weil sie eine schutzlose Figur ist.Die Welt der Transsexuellen ist für ihn eine ganz fremde Welt. Er hat mit so jemandem noch nie zu tun gehabt. Er versucht, das zu verstehen. Ist doch schön, dass im Film auch mal Menschen gezeigt werden, die nicht wissen wo sie hin wollen.

Für den normalen Fernsehzuschauer öffnet dieser Polizeiruf eine Tür in genau diese fremde, vor Klischees triefende Welt, die mit dem Phänomen der Transsexualität verwoben wird.
Es geht ja nicht um Sex und Halbwelt, es geht Almandine nicht darum, halterlose Strüpfe zu tragen und zu strippen, sondern es geht darum, als Mensch im eigenen Leben anzukommen. Almandine ist nicht ein Mann, der gerne eine Frau wäre. Sie wäre gerne sie selbst.

Von Meuffels macht genau diese Erfahrung. Als Ermittler allerdings findet er nicht so viel heraus wie er könnte, oder?
Er weiß ja sehr schnell, dass die Kollegen vermutlich schuld am Tod von Almandines Freundin sind. Und er weiß, dass er das vermutlich wird nicht beweisen können. Und deshalb versucht er, das Beste für Almandine rauszuholen.

Wie soll denn Ihr Kommissar nach dem Fehler, der er in dieser Folge macht, überhaupt noch als Polizist weiterarbeiten?
Meine Lebenswahrnehmung bestätigt eher, dass Menschen in solchen Situationen einfach weitermachen. Und das ist eben das Interessante an der Figur, dass er nicht von Anfang an lauter unverrückbare Attribute hat, sondern dass er Ereignisse durchlebt, die ihn prägen und sich entwickeln lassen. Was ihm hier passiert, ist ein einschneidender Punkt in seinem Leben.

Am Ende sehen wir den Kommissar bei der Polizeipsychologin sitzen.
Ja, und er kann nicht einmal über das sprechen, was da passiert ist. Wir werden sehen, wie es weitergeht mit von Meuffels.