Interview mit Matthias Klopfer Esslinger OB: Das sind seine Sorgenkinder in der Stadt

Nach einem Skiunfall mit einer Armschlinge im Interview: Matthias Klopfer. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer lässt das Jahr 2022 Revue passieren und blickt in die Zukunft. Was lief gut, was schlecht? Und was erwartet die Bürger 2023?

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Das Jahr 2022 war für Matthias Klopfer das erste komplette Jahr als Esslinger Oberbürgermeister. Ein Blick zurück – und einer in die Zukunft.

 

Herr Klopfer, was lief schwieriger als erwartet, was ist danebengegangen im Jahr 2022?

Wo es ein Stück weit hakt, ist das Thema Mobilität, auch wenn wir mit dem Beschluss zum Klimamobilitätsplan ein großes Stück vorangekommen sind. Jasdeep Singh, Leiter der Stabsstelle Mobilität, hat uns leider verlassen und ist nach Heidelberg gegangen. Ein Verlust für die Stadt, weil er strategisch denken konnte und sich gleichzeitig im Detail sehr gut auskannte. Die Stelle werden wir bald nachbesetzen, aber es hat uns teilweise zurückgeworfen. Es dauert erfahrungsgemäß einfach ein halbes bis ein ganzes Jahr, bis sich neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gerade in diese komplexen Themen, eingearbeitet haben.

Es ist aber nicht nur ein Personalthema?

Generell ist das Thema Verkehr schwierig. Wir kommen in fast allen deutschen Städten seit 30 Jahren nicht richtig voran. Die CO2-Bilanz beim Verkehr ist einfach unbefriedigend. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die individuelle Mobilität für die Menschen nach wie vor ein hohes Gut ist. Die Autos werden schwerer, oft sitzt nur eine Person im Fahrzeug, und die Menschen fahren zu viel. Ein Hauptproblem: Dass die Menschen auch für kurze Wege das Auto benutzen. Dafür braucht man oft nicht mal einen Bus, man könnte einfach zu Fuß gehen. Wir machen aber einen riesigen Sprung 2025, wenn der öffentliche Busverkehr in Esslingen fast komplett klimaneutral fährt.

Was ist denn gut gelaufen im Jahr 2022?

Für die Bürgerinnen und Bürger am wichtigsten war, dass wir den Bürgerservice ordentlich organisieren. Wenn jemand online einen Termin bucht, bekommt er den oft am gleichen Tag, spätestens nach zwei Tagen. Vor einem halben Jahr hatten wir noch die Situation, dass es 115 Tage Wartezeit gab für eine ganz normale Dienstleistung wie die Beantragung eines Personalausweises.

Da gibt es noch ein anderes Amt, wo es nicht so gut läuft . . .

2023 werden wir das mit dem Ausländeramt genauso gut hinbekommen. Das haben wir neu organisiert. Das ist auch wichtig für die Arbeitgeber. Fachkräftemangel heißt ja auch, dass Zugewanderte ganz schnell für den Arbeitsmarkt verfügbar sein sollten, also eine Aufenthaltserlaubnis haben.

Was war noch gut aus Ihrer Sicht?

Bei der Stadtbücherei kann man unterschiedlicher Meinung sein. Wir sind aber weiter, als wir in den letzten 30 Jahren gekommen sind mit der jüngsten Entscheidung. Wir haben eine klare Perspektive und fangen nächstes Jahr an. Wir werden, wenn wir es beschleunigen können, bis 2027 oder 2028 eine topsanierte Bücherei haben. Nicht so groß, wie es sich manche gewünscht haben, aber in einem sehr guten Zustand. Interessant ist, dass sich in unserer Bevölkerungsbefragung in diesem Jahr gezeigt hat, dass die Esslingerinnen und Esslinger sehr zufrieden mit ihrer Bücherei sind, sogar mit dem Status quo.

Gibt es auch Themen, bei denen Sie nicht unzufrieden, aber auch nicht wirklich zufrieden sind?

Das Thema Sanierungsstau: Wir haben einen ersten Überblick. Ich hoffe, dass wir zeitnah wirklich Klarheit haben. Politik kannst du nur verlässlich machen, wenn du weißt, wie der Istzustand der kommunalen Gebäude, der kommunalen Straßen, der kommunalen Brücken und Plätze ist. Es ist ein einziger Albtraum für mich, wenn ich mir den schlechten Zustand der Sporthalle in Zell anschaue oder die Schelztor-Sporthalle. Da müssen wir handeln, da brauchen wir einen Plan. Das ist wie beim Merkel’schen Bad: Hast du einen Plan, bekommst du Geld. Fördergeld. Da haben wir ja vor Weihnachten 5,6 Millionen Euro bekommen.

Und wie geht es bei den maroden Gebäuden weiter?

Wir brauchen für jedes einzelne Gebäude einen Steckbrief, um zu sehen, wo Handlungsbedarf ist und wie es zu finanzieren ist. Das müssen wir für die wichtigsten städtischen Gebäude bis zur Erstellung des nächsten Doppelhaushaltes 2024/25 schaffen.

Viel Bewegung gibt es am alten Omnibusbahnhof und in der Berliner Straße. Noch führt hier der viel befahrene Altstadtring durch. Das soll sich ändern. Vermutlich werden sich nicht alle darüber freuen. Sie haben ja schon die Bedeutung des Autos für viele Menschen angesprochen.

Eine hohe Lebensqualität in der Innenstadt bedeutet auch, dass sie autoarm ist. Das heißt in dem Fall: deutliche Priorität für Fußgänger, Radfahrer und Busse. Und wenn wir wollen, dass da Gastronomie ist und öffentliches Leben, brauchen wir auch weitere öffentliche Räume, wo man auch sitzen kann. Und das machen wir jetzt dort.

Zum zweiten wichtigen Platz der Stadt, dem Marktplatz: Ein hübsches Pflaster, in die Mitte ein, zwei Bauminseln, und schon sähe alles ganz anders aus. Ist so was im Plan?

Der Marktplatz ist relativ klein. Da wird es sicherlich in der Mitte keine Insel geben, er ist ja unser zentraler Festplatz. Ansonsten wollen wir dem Gemeinderat im Laufe des Jahres Vorschläge machen, wie wir den Marktplatz mit überschaubaren Mitteln attraktiver hinbekommen.

Die Stadt Esslingen und ihr Oberbürgermeister

Die Stadt
Die Stadt ist mit fast 100 000 Einwohnern die größte im Kreis und die zehntgrößte im Land Baden-Württemberg. Die Stadt liegt verkehrsgünstig mitten in der Metropolregion Stuttgart. Mit am meisten diskutiert wird in der Stadt über das Thema Straßen und Verkehr.

Der OB
Matthias Klopfer wurde 1968 in Stuttgart geboren. Er wuchs in Renningen im Landkreis Böblingen auf und studierte nach dem Abitur Geografie, Politik- und Sportwissenschaften an der Universität Stuttgart. Nach seinem Studium war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart tätig. Von 2006 bis 2021 war er Oberbürgermeister von Schorndorf. Seit November 2021 ist er Oberbürgermeister in Esslingen.

Weitere Themen