Interview mit Matthias Lilienthal 38 Minuten zum großen Glück

Einflussreicher Theatermann: Matthias Lilienthal. Foto: Christian Kleiner
Einflussreicher Theatermann: Matthias Lilienthal. Foto: Christian Kleiner

Exklusiv Am Freitag beginnt in Mannheim das Festival „Theater der Welt“. 17 Tage lang präsentiert es Inszenierungen, Performances und Installationen aus aller Herren Länder. Der Kurator Matthias Lilienthal hofft, dass sich dabei der Blick auf die Stadt verändert.

Kultur: Roland Müller (rm)
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Stuttgart – - Bis Anfang Juni wird die ganze Theater-Republik auf Mannheim schauen: Theater der Welt, das alle drei Jahre in einer anderen Stadt ausgerichtet wird, ist ein internationales Festival, das wie kein zweites mit Überraschungen und Neuheiten aufwartet. In Mannheim will der 54-jährige Programmchef Matthias Lilienthal aber auch zeigen, wie exotisch uns die Heimat anmuten kann.
Herr Lilienthal, Theater der Welt ist ein internationales Festival. Wie oft haben Sie als fliegender Kurator die Welt umrundet?
Nicht so oft. Ich bin seit zwei Jahren mit dem Festival beschäftigt, war aber zwischendrin auch zehn Monate in Beirut, um dort eine Kunstklasse zu unterrichten. Theater der Welt habe ich halbtags von dort aus weiter vorangetrieben. Da ich aber auch mit Bühnenscouts arbeite, hielt sich die Fliegerei in Grenzen.
Wirklich?
Nun ja, ich habe mir schon viele Produktionen, die nach Mannheim kommen, vor Ort angesehen. Ich war in Chile und Brasilien, in Tunesien und Ägypten, in Korea und Japan und mehrmals in Russland – und natürlich auch in vielen anderen europäischen Ländern, um die Szene zu sichten . . .
 . . . eine Szene, die Sie zum Teil schon aus früheren Jahren kannten, oder?
Theater der Welt habe ich ja schon einmal kuratiert, 2002 im Rheinland. Da wurde der Grundstock meiner internationalen Erfahrungen gelegt. Danach habe ich als Intendant des Berliner Hebbel am Ufer neun Jahre lang freie Produktionen aus der ganzen Welt in die Hauptstadt geholt – und darauf konnte ich jetzt aufbauen. Zum Glück. Ich bin ja mittlerweile ein alter Mann . . . (lacht)
Trotzdem sind Sie auch noch immer der im Ausland einflussreiche und bewunderte Außenminister des deutschen Theaters, das so reich ist wie kein anderes auf der Welt . . .
Nein, in solchen Kategorien denke ich nicht! Würde ich sagen „I’m the Creator of Theatre of the World“, dann wäre ich tatsächlich ein koloniales Arschloch aus Deutschland. Aber auch im Theater ist diese Zeit längst vorbei, es gibt keine unbekannten Welten mehr – im Gegenzug aber, als positiven Aspekt der Globalisierung, einen kulturellen Austausch, der die Theaterszene auf der ganzen Welt enorm diskursiv gemacht hat.
Wenn Sie also kein Außenminister sind, was sind Sie dann?
Ich bin ein Mensch, der in seinem Leben schlicht viele Inszenierungen und Performances aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen gesehen hat. Und das gibt mir natürlich schon eine gewisse Sicherheit. Fürs Festival habe ich beispielsweise Auftragsarbeiten an Toshiki Okada aus Tokio und Philippe Quesne aus Paris vergeben, zwei Regisseure, die mir wichtig sind – und ihre neuesten Produktionen werden jetzt in Mannheim zum ersten Mal gezeigt.
Von den Uraufführungen abgesehen: wie exklusiv ist Ihr Festival tatsächlich? Was zeigen Sie, was andernorts nicht gezeigt wird?
Ich weiß sehr wohl, dass seit Jahren gegen den ganzen Betrieb polemisiert wird: Es genüge ein einziger Kurator, um alle Festivals in Europa zu organisieren, derart austauschbar seien die Programme geworden. Aber so einfach ist die Sache nicht. Natürlich hätte ich vierzig Uraufführungen von völlig unbekannten Theatermenschen einladen können, aber was wäre dann passiert? Ich hätte ein Drei-Millionen-Budget für fünftausend Zuschauer verballert. Aber ich möchte mit meinem Programm schon ein paar Leute mehr erreichen, darum habe ich eben auch Größen der internationalen Szene eingeladen, etwa Anne Teresa de Keersmaeker aus Brüssel oder Bruno Beltrão aus Brasilien. Und dann spricht ja noch ein Argument gegen diesen Fetisch der Exklusivität: die Ökologie.
Wie das?
Ich bin kein Ökofreak, der an nichts anderes als an Nachhaltigkeit denkt. Aber wenn ich, um bei Beltrão zu bleiben, seine Grupo de Rua aus Südamerika einfliegen lasse, sollte das nicht nur wegen Mannheim geschehen. Zwei Vorstellungen und sich hinterher wieder verpissen – das geht nicht. Die Spuren, die wir in der Natur hinterlassen, müssen sich schon rechtfertigen. Deshalb war mir auch daran gelegen, diese und andere Truppen weiter zu vermitteln an andere Festivals, zum Beispiel an das immer wieder Trends setzende Kunstenfestival des Arts in Brüssel, das unserem Unternehmen zeitlich vorgeschaltet ist. Und überhaupt: das Timing! Wir wollten Theater der Welt rechtzeitig vor Beginn des nächsten kulturellen Großereignisses über die Bühne bringen.
Das wäre?
Die Fußball-WM. Und wir haben unser Ziel erreicht: das Festival endet am 8. Juni, die Weltmeisterschaft beginnt vier Tage später.
Bei den Zuschauerzahlen werden Sie aber leicht hinter dem Fußball zurück bleiben.
Leicht. Wir bieten an 17 Tagen an ganz unterschiedlichen Spielstätten insgesamt 24 000 Plätze an, was für eine Stadt wie Mannheim mit seinen 300 000 Einwohnern eine ganze Menge ist. Wenn dann noch Gäste aus der Landeshauptstadt kommen, werden wir die Räume auch füllen können: In 38 ICE-Minuten ist man von Stuttgart aus hier. Unsere Verhandlungen mit der Bahn wegen eines ermäßigten Tickets für Theater der Welt sind zwar gescheitert, aber trotzdem: Ich möchte auch das Stuttgarter Publikum verführen.
Legen Sie los!
Wir eröffnen morgen mit einer Uraufführung: mit Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“ in der Regie von Nicolas Stemann, einer toll besetzten Koproduktion mit dem Hamburger Thalia-Theater. Es spielen unter anderem: Barbara Nüsse und Sebastian Rudolph. Danach folgt „Tararabumbia“ von Dmitry Krymov, der in 75 Minuten alle Stücke von Tschechow erzählt, ohne dass ein Wort von Tschechow fällt: 105 Darsteller auf einem Transportband, darunter die „Drei Schwestern“, die mit ihren hohen Stelzen nicht in der Lage sind, die verhasste Provinz zu verlassen. Wenn man nun zuerst die Textflächen von Jelinek /Stemann sieht und dann die postsowjetische Revue von Krymov, bekommt man eine schöne Vorstellung von den extremen Möglichkeiten des Theaters.
Zu diesen Möglichkeiten zählen auch die diversen Stadterkundungen?
 Ja, klar. Eines unserer Projekte heißt „Hotel shabbyshabby“ – „Fremdenzimmer schäbig schäbig“ – und wird von Architekten-Kollektiven umgesetzt: Sie bauen 22 Zimmer und stellen sie in Mannheim auf. Man kann am Schiller-Denkmal übernachten, auf der Neckarspitze, auf dem Parkhausdach – und damit zeigen wir den Hotelgästen neue Perspektiven auf: Exotisch ist nicht das, was Theater der Welt aus fernen Kontinenten herbeischafft, exotisch erlebt wird vielmehr die Stadt, die dieses Festival ausrichtet.
Und? Ist Mannheim exotisch und fremd?
Dass die Stadt zu Baden-Württemberg gehört, kapiere ich noch immer nicht. Gefühlsmäßig kriege ich das nicht zusammen. Ich laufe ja immer ein bisschen wie ein Edelpenner rum und errege damit Ärger. Überall. Nur hier in Mannheim nicht, wo mich alle Leute freundlich angucken. Die Stadt ist herzlich und vorurteilsfrei aus einer guten proletarischen Kultur heraus. Und proletarische Kultur habe ich bisher mit Baden-Württemberg nicht verbunden.




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