Interview mit Medizinprüfer Nützt das Medikament?

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Exklusiv Jürgen Windeler ist der oberste Medizinprüfer der Republik. Die Empfehlungen seines Instituts entscheiden oft darüber, ob eine Therapie von den Krankenkassen erstattet wird. Im StZ-Interview greift er Ärzte und Kassen an: nicht alles, was sie verschreiben und bezahlen, nutzt den Patienten.

In Deutschland sind 50 000 Medikamente auf dem Markt – zu viele, findet Windeler. Foto:  
In Deutschland sind 50 000 Medikamente auf dem Markt – zu viele, findet Windeler. Foto:  
Stuttgart - Nicht jede Arznei ist ihr Geld wert. Die Aufgabe von Jürgen Windeler und seinem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) ist, den Nutzen von Therapien zu prüfen. Doch die Kassen zahlen manchmal auch, wenn Windeler skeptisch bleibt. Medizinprodukte wie Brustimplantate müssen bis jetzt nicht unabhängig geprüft werden. Ein Gespräch über heikle Fragen.
Herr Windeler, in zehn Jahren Iqwig hat Ihr Institut von elf Mitarbeitern auf 180 expandiert. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?
Der Erfolg ist damit zu erklären, dass das Iqwig seine Sache von Anfang an gut gemacht hat und deshalb mit weiteren Aufgaben betraut worden ist.
Welche Aufgaben sind das?
Das Spektrum war bereits am Anfang breit. Es reichte von der Bewertung der Arzneimittel über die Beurteilung von Behandlungsmethoden bis zu allgemeinverständlichen Gesundheitsinformationen. Alle Bereiche haben sich stark entwickelt. Zuletzt ist die Begutachtung der nicht-medikamentösen Verfahren gewachsen – da geht es etwa um bildgebende Untersuchungsmethoden bei der Krebsbehandlung.
Ist ein Ende der Expansion in Sicht?
Andere vergleichbare Institute wie etwa das britische NICE haben vierstellige Mitarbeiterzahlen. Es gibt für uns sicher noch weitere Aufgaben: mehr und schnellere Gesundheitsinformationen wären ebenso sinnvoll wie eine stärkere Bewertung von Medizinprodukten. Bei Arzneien könnten wir auch diejenigen beurteilen, die schon auf dem Markt sind und nicht nur die Innovationen. Ausgebaut werden könnte auch die Gesundheitsökonomie, die in Deutschland nur eine marginale Rolle spielt.
Was macht da etwa das NICE anders?
Wir beurteilen nur, ob ein Medikament oder Verfahren einen Zusatznutzen hat und ob dieser groß oder klein ist. Das NICE misst Therapien zusätzlich an den Kosten. Dabei gilt, dass kein neues Verfahren erstattet werden soll, das mehr als 30 000 Pfund pro qualitätsadjustiertem Lebensjahr kostet – also pro Jahr Lebenszeit, das durch die Behandlung auf einem gewissen Niveau gewonnen wird. Da geht es etwa um Fragen, was kostet der Klinikaufenthalt, der vermieden werden kann, was kostet der Tag Arbeitsunfähigkeit, der zum Beispiel durch ein Grippemittel verhindert wird. Eine solche ausdrückliche Ressourcenabwägung findet in Deutschland nicht statt.
Warum wird das hier nicht untersucht?
Ein entscheidender Grund ist wohl, dass wir in der Republik keine wirklichen finanziellen Sorgen haben. Die Engländer müssen im Gesundheitswesen große Summen einsparen, bei uns aber haben die Kassen momentan zig Milliarden Euro Überschüsse. Und wenn zusätzliche Mittel nötig sein sollten, werden die Beiträge erhöht. Dazu kommt noch die verständliche Scheu, das Leben eines Menschen finanziell zu bewerten und ihm eine sinnvolle Behandlung aus rein pekuniären Gründen vorzuenthalten.
Das heißt, bei uns müsste der Staat stärker eingreifen?
Nicht unbedingt. Wenn Sie in eine deutsche Uniklinik der Maximalversorgung gehen, dann kommt die Krankenhausapotheke mit 800 Medikamenten aus. Diese sinnvolle Beschränkung wird auch durch wirtschaftlichen Druck befördert. In Schweden wird der Marktzugang zum Beispiel anders als in Deutschland stark über die Kostenerstattung geregelt. Hierzulande gilt dagegen die Angebotsfreiheit. Wenn ein Mittel nicht von den Kassen bezahlt wird, gibt es immer noch einen Markt, wo die Medikamente privatärztlich verordnet werden können.