InterviewInterview mit Michael Kienzle „Im Plenum müsste mehr stattfinden“

Von Thomas Braun 

Seit den 1980er Jahren ist Michael Kienzle fünf Mal für die Grünen in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt worden und damit einer der beiden dienstältesten Stadträte. Jetzt tritt Kienzle nicht mehr zur Kommunalwahl an. Im Gespräch mit der StZ zieht er Bilanz.

Michael Kienzle: Das Rad hat der Rat fast immer dabei. Foto: Horst Rudel
Michael Kienzle: Das Rad hat der Rat fast immer dabei. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Seit den 1980er Jahren ist Michael Kienzle fünf Mal für die Grünen in den Gemeinderat gewählt worden und damit zusammen mit seinem SPD-Kollegen Manfred Kanzleiter der dienstälteste Stuttgarter Stadtrat. Wie Kanzleiter tritt auch Kienzle nicht mehr zur Kommunalwahl an. Im Gespräch mit der StZ zieht er Bilanz – und fordert eine Aufwertung des Gemeinderats als Ort der politischen Debatten.

Herr Kienzle, was überwiegt bei Ihnen: Wehmut über den Abschied aus dem Gemeinderat oder Erleichterung? Und antworteten Sie bitte nicht frei nach Lukas Podolski: beides.
Keines von beidem. Auf der einen Seite bin ich dankbar, dass ich diese Erfahrung machen dürfte, dass ich in gesellschaftliche Bereiche hineingekommen bin, die mir als Literaturwissenschaftler an der Uni verschlossen geblieben wären. Ich weiß jetzt, was die Leute umtreibt und habe viele interessante Menschen kennengelernt. Andererseits freue ich mich sehr darauf, dass ich mein Leben nicht auf die manchmal unendlich lang dauernden Gremiensitzungen ausrichten muss. Ich bin dem diskursiven Gewimmel jetzt nicht mehr so ausgesetzt und kann bei schönem Wetter mit dem Fahrrad durch die Alpen radeln oder die Laufschuhe anziehen und durch den Stadtwald traben.
Sie sind 1980 als Bezirksbeirat in Plieningen erstmals politisch aufgefallen – das Jahr, in dem sich auch die Grünen als Bundespartei gegründet haben. Was hat Sie politisiert?
Ich komme aus der 68er-Bewegung, da standen Themen wie der Weltfrieden oder der Protest gegen den Vietnamkrieg im Vordergrund. Ich war schon als Student politisch aktiv – wenn auch mehr theoretisch. Hinzu kam dann das Thema Ökologie, was mich dann auch zu den Grünen geführt hat. Die Ausrichtung auf die Stadtpolitik hat einfach damit zu tun, dass ich Familie und Kinder hatte und mich um die Probleme vor der Haustür kümmern wollte – etwa um die Geschwindigkeit der Autos auf der Paracelsusstraße in Plieningen. Damals haben wir uns kaum getraut, Tempo 30 zu fordern, heute ist das fast schon Standard. Auch die Flughafenerweiterung war so ein Thema: Damals hat ganz Plieningen gezittert, wenn die alten Maschinen in Echterdingen gelandet sind. Vom Bezirksbeirat aus bin ich dann schnurstracks in die zweite grüne Rathausfraktion gewählt worden. Ich sah auch etwas anders aus als heute, mit Bart und langen Haaren.
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