Interview mit Paartherapeut Roland Weber „Ich glaube an die große Liebe“

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Gut die Hälfte aller Großstadt-Ehen wird geschieden. Trotzdem seien viele Liebesbeziehungen heutzutage besser als früher, sagt Paartherapeut Roland Weber.

Roland Weber sieht, dass sich auch immer mehr ältere Ehepaare trennen. Foto: Martin Stollberg
Roland Weber sieht, dass sich auch immer mehr ältere Ehepaare trennen. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - R oland Weber hat 30 Jahre lang  Paare und Familien in Krisensituationen beraten. Jetzt hat sich der Leiter der Familienberatungsstelle des Psychotherapeutischen Zentrums in Sonnenberg verabschiedet. Der 62-Jährige erklärt im Interview, warum Beziehungen heute zwar besser, aber auch instabiler geworden sind. Und er verrät, warum er noch immer an die große Liebe glaubt, aber auch daran, dass die Scheidungsquote weiter steigen wird.


Von einem Paartherapeuten will man natürlich wissen, wie oft sind Sie verheiratet?

Ich habe letztes Jahr mit meiner Frau Silberhochzeit gefeiert. Mit mehreren Ehen kann ich nicht auftrumpfen.

Glauben Sie nach 30 Jahren Paartherapie noch an die große Liebe?
Ganz uneingeschränkt, ja.

Wie haben sich die Beziehungen in den vergangenen 30 Jahren geändert?
Die sind besser geworden, weil sie sehr viel partnerschaftlicher ablaufen. Man redet mehr miteinander. Ich brauche nur meine drei Söhne anzuschauen, die in langjährigen Beziehungen leben. Sie sind kritisch, reflektieren Dinge, bemühen sich und sind ganz selbstverständlich bereit, die alltäglichen Pflichten zu teilen und beispielsweise auch zu kochen. Da weht ein anderer Wind als früher. Das paradoxe aber ist: die Beziehungen sind besser geworden, aber sie sind nicht stabiler.

Eine Scheidungsquote von 50 Prozent in Großstädten macht es einem ja auch leicht, sich dem Trend anzuschließen.
Früher wurde im Scheidungsverfahren noch danach gefragt, wer schuld an der Trennung ist. Juristisch ist die Schuldfrage irrelevant und auch in der Gesellschaft fragt niemand mehr danach, wer das Scheitern der Beziehung zu verantworten hat. Die Hemmschwelle, sich zu trennen und neu zu starten, ist geringer geworden. Aber das allein erklärt noch nicht die Instabilität vieler Beziehungen. Vielmehr sind die Erwartungen an die Beziehungen unglaublich gestiegen, und das führt viel häufiger zum Scheitern. Heute sagt nach einer Scheidung auch keiner mehr, wir sind gescheitert. Heute ist dann halt die Liebe nicht mehr da, oder man entwickelt sich in verschiedene Richtungen. Die Scham, die die Paare bei einer Trennung früher noch empfanden, die ist verschwunden.

Woran liegt es, dass sich auch immer mehr ältere Paare scheiden lassen?
Als ich angefangen habe, hatten wir Scheidungen nach drei, vier, sechs Jahren. Heute erleben wir einen zweiten Scheidungsgipfel. Auch wenn Paare 30 Jahre zusammen sind, ist das keine Garantie mehr dafür, dass sie gemeinsam alt werden. Die Alten machen nach, was die Jungen angefangen haben. Die Soziologen sprechen inzwischen von serieller Monogamie. Man bindet sich ernsthaft, geht wieder auseinander, versucht es erneut. Und über allem steht das romantische Treueideal. Wunsch und Wirklichkeit klaffen inzwischen sehr weit auseinander.

Wirkt sich die hohe Lebenserwartung aus?
Natürlich. Wir wissen, wir leben länger ohne Kinder als mit, und da stellt sich dann die Frage, was haben wir ohne Kinder noch miteinander am Hut. Das ist Sprengstoff. Die Menschen sagen sich, wenn ich mit einem Partner noch 20 Jahre zusammenlebe, dann muss das Hand und Fuß haben. Sie wollen sich nicht mit einer alltagspraktischen Partnerschaft zufriedengeben.

Provozierend könnte man sagen, so wie die Ansprüche an Urlaubsreisen und die Lebenshaltung gestiegen sind . . .
Ja, die Menschen sind auch in den Beziehungen wählerischer geworden.
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