InterviewPerformancekünstler Fender Schrade im Gespräch Lieder über Liebe und Arbeit

Performancekünstler Fender Schrade gastiert im Theater Rampe. Foto: Naf/Photo Bergmeister Foto:  
Performancekünstler Fender Schrade gastiert im Theater Rampe. Foto: Naf/Photo Bergmeister

Fender Schrade und Nana Hülsewig von Naf laden bei ihrer Musikwerkstatt Einblick international renommierte Künstler ein – dieses Mal geht es bei den Performancekünstlern um Liebe und Arbeit.

Leben: Nicole Golombek (golo)
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Stuttgart - Nana Hülsewig und Fender Schrade agieren unter dem Kürzel NAF, was mal Nana And Fender heißen kann, mal auch Nackt Am Fenster oder Nähen Aendern Fertigstellen. Das Duo zählt zu den derzeit interessantesten Performancekünstlern und war in diesem Jahr auch als eine von sechs Gruppen beim Festival „6 Tage frei“ der freien Tanz- und Theaterszene Baden-Württembergs eingeladen. NAF agieren im öffentlichen Raum, in Hotels, in Galerien, regelmäßig zu Gast sind sie zudem im Stuttgarter Theater Rampe – etwa an diesem Freitag wieder bei einer Musikwerkstatt – Komponieren für 392 Tasten. Als Gast ist Besuch aus London gekommen, die Komponistin und DJ Ain Bailey.

Herr Schrade, was ist bei der nächsten Musikwerkstatt in der Rampe zu erwarten?

Man kann mitten in unseren künstlerischen Arbeitsprozess reinstolpern. In der Werkstatt geht es darum, die künstlerischen Arbeitsprozesse sichtbar, erfahrbar und auch partizipierbar zu machen. Zum anderen auch die eigene Arbeitssituation zu reflektieren und sich ein adäquates, liebevolles Umfeld dafür zu schaffen. Ein menschliches Umfeld. Wir arbeiten eine Woche lang mit der Klangkünstlerin und DJ Ain Bailey aus London.

Wie kamen Sie auf als Gast?

Ich habe Ain Bailey 2012 in London kurz kennengelernt. Ich war dort im Star Auditorium in der Tate Modern beim Symposium „Her Noise: Feminisms and the Sonic“, um zusammen mit Ute Meta Bauer einen Vortrag zu halten. In dem Vortrag ging’s zum einen darum, dass ich Concert Sound Engineering, also die Arbeit am Mischpult, als künstlerische Praxis mit subversivem feministischen Potenzial verstehe. Zum anderen ging’s um Ausschlüsse von Musiker/Musikerinnen mit Transsexualität beziehungsweise transfeminine Personen aus feministischen Archiven und Events. Damals hatten wir ausgemacht, dass wir unbedingt mal was zusammen machen. Uns verbinden ähnliche Themen und Herangehensweisen, feministische Fragestellungen und wie diese in der sonischen Arbeit auftauchen. Internationale Zusammenarbeit ist für mich sehr wichtig und bereichernd.

Was haben Sie in der gemeinsamen Arbeitswoche vor?

Für die Arbeitswoche haben wir ausgemacht, zum Thema Love&Care – Liebe und Pflege – zu arbeiten. Ich packe dazu gerade mein Archiv von Love-Songs, die von Frauen* Queeren/Trans*personen komponiert wurden, um diese Songs dann auf die Tasten des 392 zu verteilen und mit Ain Bailey daraus einen neuen Love Song zu komponieren. Ich bin gespannt, welche Titel und Ideen Ain Bailey mitbringt. Übrigens: das Archiv hat bisher „nur“ 127 Songs, gerne können Sie noch geeignete Titel beisteuern. Es gibt ja 392 Tasten…. Als Dankeschön hätte ich eine YoutubePlaylist im Tausch.

Sie reflektieren immer wieder das Thema Arbeit – auch im Sinne der Szene freier Künstler?

Durch die Sichtbarmachung unserer eigenen Arbeitsprozesse als freischaffende Künstlergruppe knüpfen wir implizit an die philosophischen und historischen Diskurse über Arbeit an. Rückblickend betrachtet war die Existenz als Musiker schon immer auch an die Entwicklung von innovativen Geschäftsmodellen geknüpft. Die Love Songs, mit denen wir uns in diesem Projektabschnitt beschäftigen werden, erzählen haufenweise von Arbeit und der Wechselwirkung von Liebe und Arbeit.

Können Sie das konkreter fassen?

Die Texte aus den Liebesliedern, die wir bearbeiten, enthalten Geschichten und Kommentare über eine Arbeit, die oft selbstverständlich erscheint, wie Carearbeit, Reproduktionsarbeit, und die zu wenig Anerkennung findet, doch mehr denn je das Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft beinhaltet. Gerade höre ich einen Song, der von so viel Arbeit erzählt, dass die Liebe (hier die romantische) zerbricht. Der davor ging über Selbstliebe und Empowerment.

Reflektieren Sie auch Ihre Arbeit als Duo mit Nana Hülsewig?

Das sind auch Fragen, die uns bei NAF beschäftigen: Wie gestalten sich die menschlichen Beziehungen außerhalb eines Bühnenauftritts – Backstage sozusagen? Wie gestalten wir unsere Arbeitsprozesse? Wir sind ein komplexes Kollektiv, wir arbeiten mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern in schnell aufgesetzten temporären Arbeitssituationen, wo wir uns immer wieder neu aneinander anpassen müssen. Statt NAF hätte ich jetzt auch „freischaffende Künstlerkollektive“ sagen können.

Info

Die Musikwerkstatt im Stuttgarter Theater Rampe beginnt am 20. Dezember um 20 Uhr. Eintritt frei – Solidaritätsticket 1 Euro.




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