Interview mit Politikwissenschaftler „Es wird mehr Konflikte in der Arktis geben“

Von Jan Dörner 

Der Klimawandel dürfte riesige Rohstoffvorkommen in der Arktis zugänglich machen. Mehrere Staaten wollen daher ihren Einfluss in der Arktis festigen. Das führt zu einer Militarisierung der Region, sagt der Politikwissenschaftler Carlo Masala im Interview.

Aufgrund der Eisschmelze in der Arktis erwartet der Politikwissenschaftler Carlo Masala künftig mehr Konflikte in der Region. Foto: dpa
Aufgrund der Eisschmelze in der Arktis erwartet der Politikwissenschaftler Carlo Masala künftig mehr Konflikte in der Region. Foto: dpa

Berlin - Herr Masala, erleben wir in diesem Jahrhundert einen Krieg um die Arktis?

Nein, davon gehe ich nicht aus. Es wird mehr Konfliktsituationen geben, aber keinen Krieg um die Arktis. In den zuständigen UN-Gremien wird derzeit versucht, völkerrechtliche Regelungen für die Region zu schaffen. Ebenso bemüht sich der Arktische Rat um eine kooperative Herangehensweise an Konflikte. Allerdings ist zu beobachten, dass der Wille zur Kooperation zwischen den Arktisanrainern immer weiter abnimmt, während die Militarisierung der Region zunimmt.

Wie verhalten sich die einzelnen Akteure?

Sie positionieren sich, indem sie jetzt schon Gebietsansprüche stellen für die Zeit, in der die Arktis eisfrei sein wird und sich neue Möglichkeiten für eine ökonomische Ausbeutung der Region ergeben. Ein Beispiel ist Russland, das schon 2007 auf dem Meeresboden am Nordpol demonstrativ seine Flagge aufstellte. Zudem sind in den letzten Jahren neue Akteure mit großem Interesse an der Region hinzugekommen: China hat sich 2018 zu einem „Fast-Arktis-Anrainer“ erklärt, was angesichts von etwa 3000 Kilometer Luftlinie zwischen China und der Region auf den ersten Blick lächerlich klingt. Aber das zeigt, dass bei Staaten wie China, aber auch bei Indien oder Japan, das Interesse an einer eisfreien Arktis massiv wächst.

Wie spielt sich die Militarisierung ab?

Vermutlich werden in den nächsten Jahren mehr Militärbasen gebaut, die lassen sich ja offiziell ganz gut als Forschungsbasen verkaufen. Aber es gibt vor allem mehr Militärmanöver und das schon seit einigen Jahren. Kanada zum Beispiel hat 2011 das größte Militärmanöver seiner Geschichte abgehalten, bei dem es um ein Szenario in der Arktis ging. Norwegen hat Teile seiner Hauptquartiere der Teilstreitkräfte in den hohen Norden verlegt. Russland ist mit U-Booten und strategischen Bomberflügen dort unterwegs.

Welches Land geht dabei am aggressivsten vor?

Das ist mit Abstand Russland, das die Militarisierung der Arktis enorm vorantreibt. Die russische Nordmeerflotte ist in der Arktis sehr präsent. Es gab in den letzten Jahren zudem Modernisierungsprogramme, die nur den Schluss zulassen, dass sich Russland militärisch für die Arktis rüstet. Die Russen erheben auch den Anspruch, dass eine Nutzung der Nordostpassage bei ihnen angemeldet und von ihnen erlaubt werden muss. Das ist völkerrechtlich höchst problematisch.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Die Bundesregierung hat 2019 eine neue Arktisstrategie beschlossen, die hauptsächlich auf Forschung und ein bisschen auf ökonomische Interessen ausgerichtet ist. Deutschland ist bislang aber kein relevanter politischer Akteur und hat auch militärisch und ökonomisch nicht die Mittel dazu. Es fehlt zum Beispiel an Eisbrechern, die jetzt dafür benötigt würden. Eine Unterstützung der Arktisanrainer aus Europa – Norwegen und Dänemark – oder dem Nato-Partner Kanada durch Deutschland ist daher sinnvoller, als mit ihnen zu konkurrieren.

Den Nato-Staat USA haben Sie jetzt aber ausgelassen.

Die USA sind ein wichtiger Arktisanrainer. Aber bei der US-Regierung ist noch nicht ganz klar, welchen Blick sie auf die Arktis wirft. Außenminister Mike Pompeo hat zwar kürzlich bei einem Treffen des Arktischen Rats gesagt, dass die Region verstärkt im strategischen Interesse der USA stehe. Aber noch sehe ich nicht, dass dieser Ankündigung gezieltes politisches Handeln folgt angesichts der Bedeutung, die die Arktis in 30 Jahren haben wird.




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