Interview mit Polizeichef Hat Ludwigsburg ein Problem mit gewalttätigen Banden, Herr Passaro?

Die Gewaltbereitschaft habe zugenommen, sagt Guido Passaro. Die Verdächtigen hätten Messer, Macheten und Schreckschusswaffen dabei. Foto: Emanuel Hege/dpa

Nach einem Messerangriff und Prügeleien bezieht der Polizeirevierleiter Stellung. Die Situation ist aktuell besonders heikel – und ständige Bewährungsstrafen lösen das Problem nicht.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

In den vergangenen Wochen kam es in Ludwigsburg immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jungen Männern und Jugendlichen. Die Eskalation erreichte ihren bisherigen Höhepunkt, als ein 18-Jähriger niedergestochen wurde und in Lebensgefahr schwebte. Viele Menschen in der Stadt sind verunsichert.

 

Was steckt hinter der Gewalt? Wer sind die Beteiligten – und wie gefährlich ist die Lage für unbeteiligte Bürger? Ein Gespräch mit Ludwigsburgs Polizeirevierleiter Guido Passaro über kulturelle Hintergründe, fehlende Perspektiven und die Frage, wie sich die Spirale durchbrechen lässt.

Aktuell entsteht der Eindruck, dass in Ludwigsburg viel Gewalt passiert. Ist das nur eine subjektive Wahrnehmung?

Tatsächlich haben wir aktuell eine Lage rund um den Bahnhof und in der Myliusstraße. Es ist aber nichts sonderlich Überraschendes – die Situation war nie außer Kontrolle. Auch im vergangenen Frühling hatten wir gewalttätige Auseinandersetzungen und eine versuchte Tötung eines jungen Mannes. Wir wussten, dass das wieder aufkeimen kann.

Hat Ludwigsburg ein Problem mit Banden?

Es sind Gruppierungen, aber eher lose zusammenhängend. Teilweise handelt es sich um auffällige Personen aus dem vergangenen Jahr, es sind jedoch junge Männer hinzugekommen, andere sind weg. Neu ist, dass die Personen nicht mehr nur aus der Stadt kommen, sondern aus dem ganzen Landkreis. Die begangenen Straftaten konzentrieren sich dann hier in der Stadt Ludwigsburg.

Was sind die Motive der Gruppen?

In vielen Fällen geht es um Auseinandersetzungen wegen Betäubungsmitteln – es gibt aber auch ethnische Auseinandersetzungen.

Was bedeutet das genau?

Es geht um regionale Zugehörigkeit: Syrer und Afghanen halten zusammen, ebenso Nordafrikaner oder Personen mit Wurzeln im Balkan. Sie finden sich aus regionaler Zusammengehörigkeit zusammen. Konflikte aus der Heimat werden nicht hierher gebracht, und es geht auch nicht um Religion.

Haben Sie Zugang zu den Tatverdächtigen – wird Prävention gearbeitet?

Ja, wir identifizieren aktuell einzelne Personen und sprechen sie oder ihre Familien gezielt an. Wir machen klar, dass die kriminelle Karriere früher oder später im Gefängnis endet. Parallel zeigen wir Angebote auf – auf der Karlshöhe, in Jugendtreffs, durch Ausbildungsberatung und so weiter.

Wir gehen speziell auf die Männer zu, von denen wir glauben, dass sie es noch schaffen können. Es gibt aber auch Personen, bei denen wir keine Hoffnung haben. Eine Stadt ohne Kriminalität ist illusorisch – wir müssen aber mit dem Problem umgehen und die Gewaltspirale stoppen.

Guido Passaro zeichnet ein gravierendes Bild der Sicherheitslage, versucht aber auch zu entwarnen. Foto: Emanuel Hege

Gleichzeitig muss klar sein: Wir als Polizei können diesen Menschen nicht zurück in ein normales Leben helfen. Wir können einen Weg aufzeigen, dann braucht es soziale Angebote, die diese jungen Männer aufnehmen. Daher hoffe ich auf die neue mobile Jugendarbeit, die von der Verantwortung des Landkreises zur Stadt übergegangen ist.

Das Problem der Jugendgewalt ist Jahrzehnte alt – was ist aktuell besonders?

Das stimmt, es gab schon immer Jugendbanden. Doch die Gewalttätigkeit hat deutlich zugenommen – das ist objektiv feststellbar. An einem Tag nehmen wir den Gruppen Messer, Macheten und Schreckschusswaffen ab. Am nächsten Tag kontrollieren wir dieselben Personen, und sie sind wieder bewaffnet. Die Tatverdächtigen stammen teilweise aus anderen Kulturkreisen, in denen es normal ist, Waffen mit sich zu tragen. Die Menschen haben andere Gewalterfahrungen.

Geht es nicht auch um fehlende Perspektiven für Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchtgeschichte?

Ja, deswegen verbinden wir unsere Prävention immer mit Vermittlungsangeboten. Wir gehen nicht nur hin und heben den Finger, sondern versuchen auch, Wege aufzuzeigen – Institutionen, die sinnvolle Beschäftigung liefern.

Aber bei kriminellen Karrieren ist das häufig nicht so einfach. Der kriminelle Kumpel fährt ein dickes Auto – dann kommt der Polizist und sagt: Mach doch eine Bäckerlehre. Das wirkt nicht besonders attraktiv. Ich sehe es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den jungen Menschen klarzumachen, wie bedeutend Bildung und Lehre sind.

Ehrliche Einschätzung: Wie gut kommt die Polizei mit der Situation klar?

Wir haben ein gutes Gefühl, dass unsere Maßnahmen funktionieren. Wir haben unsere Kontrollen verschärft – das ist den Bürgern aufgefallen. Auch in der Prävention, die nachhaltig wirken soll, haben wir Erfolge. Wir sind auf einem guten Weg.

Gleichzeitig bleibt es mühsam: Zeugenaussagen fehlen, die Bereitschaft der Beteiligten und Geschädigten, Aussagen zu machen, ist gering. Und klar ist auch, dass immer Jugendliche nachwachsen, die gewaltbereit sind und Straftaten begehen – beispielsweise Geschwister, die in das entsprechende Alter kommen, oder Personen von außerhalb.

Haben Sie einen weiteren Ansatz, den Teufelskreis zu durchbrechen?

Ich will es mal so formulieren: Man könnte einige Spieler konsequenter für eine Zeit lang vom Spielfeld nehmen, wo das rechtlich möglich ist. Man müsste der Justiz klar machen, dass eine Bewährungsstrafe nach der anderen langfristig niemandem hilft.

Inwieweit besteht eine Gefahr für nicht beteiligte Bürger?

Die Bevölkerung bekommt die aktuelle Gewalt mit – die Menschen sehen, wie jemand mit einer Schreckschusspistole auf offener Straße schießt. Die Menschen in Ludwigsburg sind sicher, wir können ihnen aber nicht alle Ängste nehmen. Es bleibt ein gewisses Restrisiko.

Die Gruppen machen das untereinander aus und greifen sich gegenseitig an, nicht unbescholtene Bürger. Aber irgendwann will vielleicht ein engagierter Bürger schlichtend eingreifen – dann könnte es auch Kollateralschäden geben.

Wie können Bürger helfen – und wie nicht?

Zeugenaufruf
Die Polizei sucht aktuell verstärkt nach Zeugen von Gewalttaten im Stadtgebiet. Auch Videoaufnahmen mit dem Handy können hilfreich sein – wichtig ist jedoch, dass sich niemand dabei selbst in Gefahr bringt, betont Revierleiter Guido Passaro.

Schlechte Entwicklung
Die Polizei beobachtet, dass sich immer weniger Menschen proaktiv als Zeugen melden. Manche wenden sich stattdessen an die Presse, andere fühlen sich nicht motiviert oder trauen sich nicht auszusagen. Polizeisprecher Steffen Grabenstein erklärt: Viele reagieren mit „Dann muss ich ja vor Gericht aussagen“ – und verzichten deshalb auf eine Meldung.

Weitere Themen