Stuttgarts neuer Polizeipräsident Franz Lutz will ergründen, welche Probleme die Partyszene in der City birgt. Zu übermäßigem Alkoholgenuss auf öffentlichen Plätzen hat er eine klare Meinung: er fordert ein Alkoholverbot.

Stuttgart - Der Polizeipräsident Franz Lutz ist seit zwei Wochen im Amt. Er ist noch auf Erkundungstour in der Stadt. Vom Protestgeschehen gegen Stuttgart 21 hat er sich bei einer Montagsdemo einen Eindruck verschafft, über die Probleme der Partyszene will er sich in den kommenden Tagen bei einer Nachtschicht im Innenstadtrevier informieren. Zu übermäßigem Alkoholgenuss auf öffentlichen Plätzen hat er eine klare Meinung: er fordert ein Alkoholverbot.

Herr Lutz, haben Sie als Neu-Stuttgarter schon Ecken identifiziert, an die Sie sich nur mit Polizeischutz wagen?
Ganz klar nein. Aber das mit dem Sicherheitsgefühl ist ja eine höchst individuelle Angelegenheit. Während sich viele Bürger besonders sicher fühlen, wenn sie viele Polizisten sehen, bin ich in solchen Momenten eher verunsichert. Vor Jahren war ich mal mit Freunden in der Unterführung am Charlottenplatz unterwegs. Dort waren sehr viele Polizeibeamte. Das hat mich verunsichert, denn mir war klar, dass es einen Grund für das große Aufgebot geben musste. In diesem Fall war das, glaube ich, ein Raubüberfall.
Ganz objektiv lässt sich aber feststellen, dass es in Stuttgart einige Brennpunkte gibt. Wenn man samstagnachts am Josef-Hirn-Platz ist, begegnet man regelmäßig Gruppierungen, über die man am nächsten Tag etwas im Polizeibericht liest.
Das stimmt. Wer dort vorbeigeht und nicht zur Partyszene gehört, kann manche Situationen nur schwer einschätzen. Er hat möglicherweise sehr aggressive, durch den Alkoholgenuss enthemmte Menschen vor sich.
Sind also zu viele Menschen mit zu viel Alkohol im Blut auf engem Raum das Problem im Umfeld der Partyszene?
Wie genau es in der Stuttgarter Partyszene zugeht, weiß ich noch nicht. Das werde ich mir demnächst bei einer Nachtschicht an einem Wochenende im Innenstadtrevier ansehen. Aber das grundsätzliche Problem heißt Alkohol. Bei dem Thema muss sich etwas ändern. Wir können in drei Stufen reagieren. Erstens sollte die ganze Gesellschaft präventiv auf die jungen Menschen zugehen und versuchen, sie mit Aufklärung zu erreichen und sie zu einem kontrollierteren Umgang mit dem Suchtmittel Alkohol zu bringen, um Aggressionspotenziale zu senken. Zweitens müssen die Behörden und wir die Abgabe und den Verkauf von Alkohol an Jugendliche kontrollieren, wo das nötig ist. Der dritte Baustein ist unsere proaktive Präsenz . . .
. . . die was bedeutet?
Dass wir und wenn möglich unser Sicherheitspartner des gemeindlichen Vollzugsdienstes oder der Jugendarbeit nicht erst kommen, wenn wir gerufen werden und schon eine Schlägerei im Gange ist. Wir müssen schon vorher da sein und dämpfend wirken.
Was halten Sie von einem Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen, wie der Ministerpräsident Winfried Kretschmann es möchte?
An Brennpunkten wäre ein Alkoholverbot sehr hilfreich. Dieses durchzusetzen wäre unsere Aufgabe. Beschließen muss es aber die Politik.
Das heißt, Sie empfehlen Ihrem Dienstvorgesetzten, Innenminister Reinhold Gall, und dem Ministerpräsidenten Kretschmann dringend, in ihren Parteien dafür zu werben, dass es ein solches Verbot gibt?
Da sind wir tatsächlich auf allen Ebenen dran. Die Position unseres Ministers ist klar, er hätte auch gern solch ein Verbot. Aber eines muss klar sein: im Mittelpunkt steht der Mensch mit seiner Selbstbestimmtheit, und man muss zunächst präventiv auf ihn einwirken. Nur wenn dieses nicht mehr wirkt, muss man über ein Verbot nachdenken. Das Verbot steht dann am Ende der Interventionsmaßnahmen.