Herr Arnold, Ihre Zeit als
Bundestagsabgeordneter in Berlin neigt sich dem Ende zu. Was überwiegt: die Wehmut wegen des Abschieds oder die Freude auf ein stressfreieres Leben ohne ständiges Pendeln zwischen Wolfschlugen und der Bundeshauptstadt?
Die Freude auf einen neuen Lebensabschnitt überwiegt, schließlich habe ich den Zeitpunkt selbst gewählt. Daher ist kaum Wehmut dabei. Und der Wechsel passt zu meinem Lebensmotto ,Alles hat seine Zeit’.
Was werden Sie künftig genießen, wozu Ihnen in den vergangenen Jahren einfach die Zeit fehlte?
Meine Hobbies, vor allem das Musizieren und die Fotografie. Und ich werde ausführlicher reisen, als das in den Jahren als Abgeordneter möglich war. Sicher werde ich auch mehr Zeit haben zum Lesen und für das reichhaltige, kulturelle Angebot in der Region Stuttgart. Denn dieses Angebot braucht sich hinter denen in Städten wie Berlin nicht zu verstecken.
Aber Sie werden sich nicht gänzlich aus der Politik zurückziehen, oder?
Aus der verteidigungs- und sicherheitspolitischen Community in Berlin werde ich mich sicher zurückziehen. Ich halte nichts davon, als ehemaliger Abgeordneter dort unterwegs zu sein und den anderen gute Ratschläge zu geben. Aber natürlich bin und bleibe ich ein politischer Mensch. Deshalb werde ich mich ehrenamtlich in der
SPD engagieren. Und wenn hier an der ein oder anderen Stelle meine Erfahrung, gerade hinsichtlich der politischen Bildung, gefragt ist, werde ich mich gerne einbringen.
Wenn Sie die vergangenen fast 20 Jahre als Bundestagsabgeordneter Revue passieren lassen, was hat sich aus Ihrer Erfahrung in dieser Zeit im Umgangston untereinander verändert – sowohl im Plenum als auch innerparteilich?
Der Umgangston in den Plenardebatten oder innerhalb der Partei hat sich nicht verändert. Und ich hoffe, dass es auch so bleibt: Ein Umgangston, der klar in der Sache ist und zugleich Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringt.
Und im Kontakt mit Bürgern?
Tatsächlich habe ich in den vergangenen Jahren einen veränderten Umgangston im Gespräch mit Bürgern wahrgenommen. Immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass sie, dass ihre Meinung ,das Volk’ repräsentieren. Dass es in der Gesellschaft viele unterschiedliche Sichtweisen gibt, nehmen sie oft gar nicht wahr.
Welchen Rat können Sie Ihrer Partei, der SPD, geben, auf dass Sie wieder zu alter Stärke zurückfindet?
Wenn ich diese Frage klipp und klar beantworten könnte, wäre ich König in meiner Partei. Aber im Ernst: Es ist bestimmt besser, jetzt in der Opposition die Konturen der SPD wieder sichtbarer zu machen, anstatt in einer großen Koalition zu sein, in der sich die Kanzlerin in vielen Fragen den Positionen der SPD annähert und vorhandene Konflikte übertüncht. Zudem muss die SPD ihr Kernthema Gerechtigkeit anhand der heutigen Realität durchbuchstabieren. Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus angesichts von Digitalisierung und Globalisierung? Die Grundwerte der SPD sind seit 154 Jahren aktuell – und sie werden es auch in Zukunft sein.
Welche Fehler haben die Genossen in den vergangenen Jahren gemacht?
Regierungshandeln muss im Alltag pragmatisch gehandhabt werden. Insofern war sicher auch die Große Koalition kein Fehler, sondern staatspolitische Verantwortung – obwohl wir wussten, es tut der Partei nicht gut. Ein Fehler war aber sicherlich, den Spitzenkandidaten so spät zu benennen. Und auch im Wahlkampf wurden Fehler gemacht. So wäre es gut gewesen, den Begriff der Gerechtigkeit, aber auch Martin Schulz‘ großes und wichtiges Thema Europa, konkreter zu erklären.
Wie gewichten Sie Freundschaften, die in Ihrem politischen Leben entstanden sind, zu jenen, die im Laufe Ihres „außerpolitischen“ Lebens gewachsen sind?
Jede Freundschaft hat ihren eigenen Wert. Daher kann man sie nicht gegeneinander abwägen. Ich habe Freundschaften außerhalb der Politik, die schon seit meiner Jugend bestehen. Verlässliche Freunde habe ich auch aus meiner Zeit in der Kommunalpolitik sowie in der Kreispartei. Im Berliner Betrieb fanden sich weniger Freundschaften, aber durchaus gute kollegiale und verlässliche Begegnungen.