InterviewInterview mit Rainer Arnold „Ich bin und bleibe natürlich ein politischer Mensch“

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Nach 19 Jahren als Bundestagsabgeordneter der SPD nimmt Rainer Arnold Abschied. Für ihn beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt. Er freut sich, künftig mehr Zeit für seine Hobbies zu haben, wie er in einem Interview erzählt.

Rainer Arnold   steht   seiner Partei weiterhin mit Rat und Tat bei. Foto: Thomas Krämer/Archiv
Rainer Arnold steht seiner Partei weiterhin mit Rat und Tat bei. Foto: Thomas Krämer/Archiv

Nürtingen - Für Rainer Arnold beginnt jetzt das Leben nach dem Abgeordnetendasein in Berlin. Aber auch im Ruhestand kann der 67-Jährige nicht gänzlich von der Politik lassen. Er will sich auch weiterhin ehrenamtlich in der SPD engagieren und den Genossen mit seiner Erfahrung an der einen oder anderen Stelle helfen. Ganz besonders freut er sich, künftig mehr Zeit für seine Hobbies Musizieren und Fotografieren zu haben und das kulturelle Angebot der Region Stuttgart genießen zu können.

Herr Arnold, Ihre Zeit als Bundestagsabgeordneter in Berlin neigt sich dem Ende zu. Was überwiegt: die Wehmut wegen des Abschieds oder die Freude auf ein stressfreieres Leben ohne ständiges Pendeln zwischen Wolfschlugen und der Bundeshauptstadt?
Die Freude auf einen neuen Lebensabschnitt überwiegt, schließlich habe ich den Zeitpunkt selbst gewählt. Daher ist kaum Wehmut dabei. Und der Wechsel passt zu meinem Lebensmotto ,Alles hat seine Zeit’.
Was werden Sie künftig genießen, wozu Ihnen in den vergangenen Jahren einfach die Zeit fehlte?
Meine Hobbies, vor allem das Musizieren und die Fotografie. Und ich werde ausführlicher reisen, als das in den Jahren als Abgeordneter möglich war. Sicher werde ich auch mehr Zeit haben zum Lesen und für das reichhaltige, kulturelle Angebot in der Region Stuttgart. Denn dieses Angebot braucht sich hinter denen in Städten wie Berlin nicht zu verstecken.
Aber Sie werden sich nicht gänzlich aus der Politik zurückziehen, oder?
Aus der verteidigungs- und sicherheitspolitischen Community in Berlin werde ich mich sicher zurückziehen. Ich halte nichts davon, als ehemaliger Abgeordneter dort unterwegs zu sein und den anderen gute Ratschläge zu geben. Aber natürlich bin und bleibe ich ein politischer Mensch. Deshalb werde ich mich ehrenamtlich in der SPD engagieren. Und wenn hier an der ein oder anderen Stelle meine Erfahrung, gerade hinsichtlich der politischen Bildung, gefragt ist, werde ich mich gerne einbringen.
Wenn Sie die vergangenen fast 20 Jahre als Bundestagsabgeordneter Revue passieren lassen, was hat sich aus Ihrer Erfahrung in dieser Zeit im Umgangston untereinander verändert – sowohl im Plenum als auch innerparteilich?
Der Umgangston in den Plenardebatten oder innerhalb der Partei hat sich nicht verändert. Und ich hoffe, dass es auch so bleibt: Ein Umgangston, der klar in der Sache ist und zugleich Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringt.
Und im Kontakt mit Bürgern?
Tatsächlich habe ich in den vergangenen Jahren einen veränderten Umgangston im Gespräch mit Bürgern wahrgenommen. Immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass sie, dass ihre Meinung ,das Volk’ repräsentieren. Dass es in der Gesellschaft viele unterschiedliche Sichtweisen gibt, nehmen sie oft gar nicht wahr.
Welchen Rat können Sie Ihrer Partei, der SPD, geben, auf dass Sie wieder zu alter Stärke zurückfindet?
Wenn ich diese Frage klipp und klar beantworten könnte, wäre ich König in meiner Partei. Aber im Ernst: Es ist bestimmt besser, jetzt in der Opposition die Konturen der SPD wieder sichtbarer zu machen, anstatt in einer großen Koalition zu sein, in der sich die Kanzlerin in vielen Fragen den Positionen der SPD annähert und vorhandene Konflikte übertüncht. Zudem muss die SPD ihr Kernthema Gerechtigkeit anhand der heutigen Realität durchbuchstabieren. Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus angesichts von Digitalisierung und Globalisierung? Die Grundwerte der SPD sind seit 154 Jahren aktuell – und sie werden es auch in Zukunft sein.
Welche Fehler haben die Genossen in den vergangenen Jahren gemacht?
Regierungshandeln muss im Alltag pragmatisch gehandhabt werden. Insofern war sicher auch die Große Koalition kein Fehler, sondern staatspolitische Verantwortung – obwohl wir wussten, es tut der Partei nicht gut. Ein Fehler war aber sicherlich, den Spitzenkandidaten so spät zu benennen. Und auch im Wahlkampf wurden Fehler gemacht. So wäre es gut gewesen, den Begriff der Gerechtigkeit, aber auch Martin Schulz‘ großes und wichtiges Thema Europa, konkreter zu erklären.
Wie gewichten Sie Freundschaften, die in Ihrem politischen Leben entstanden sind, zu jenen, die im Laufe Ihres „außerpolitischen“ Lebens gewachsen sind?
Jede Freundschaft hat ihren eigenen Wert. Daher kann man sie nicht gegeneinander abwägen. Ich habe Freundschaften außerhalb der Politik, die schon seit meiner Jugend bestehen. Verlässliche Freunde habe ich auch aus meiner Zeit in der Kommunalpolitik sowie in der Kreispartei. Im Berliner Betrieb fanden sich weniger Freundschaften, aber durchaus gute kollegiale und verlässliche Begegnungen.

Politiker und Musiker

Privates
Rainer Arnold wurde im Juni 1950 in Stuttgart geboren. Er ist mit Margit Arnold verheiratet und hat einen Sohn. An der Realschule in Bernhausen legte er die Mittlere Reife ab und dann die Fachhochschulreife an Fachhochschule in Esslingen. Der 67-Jährig ist ein begeisterter Fotograf und Musiker. Zum Beispiel hat er schon einige Mitsing-Abende organisiert.

Berufliches
Rainer Arnold arbeitete zunächst als Fernmelderevisor und später als EDV-Fachbereichsleiter und Leiter der Organisationsabteilung der Volkshochschule Stuttgart. Viele Jahre war er nebenberuflich als Musiker tätig.

Politisches
Im Jahr 1972 trat Rainer Arnold in die SPD ein, für die er seit 1998 im Bundestag saß. Zuvor bekleidete er auf Orts-, Kreis- und Landesebene einige Ämter in seiner Partei und war Stadtrat in Filderstadt sowie Kreisrat. Außerdem war er von 1994 bis 1998 Mitglied der Regionalversammlung Verband Region Stuttgart. Seit dem Jahr 2002 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag in diesem Jahr war er der Verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion sowie seit 2004 Mitglied im SPD-Fraktionsvorstand. Er beschloss, zur Bundestagswahl 2017 nicht mehr anzutreten.