InterviewInterview mit Raphael Fellmer „Manche denken, ich sei ein Schmarotzer“

Von Marta Popowska 

Der aus Berlin stammende Raphael Fellmer ist Konsumverweigerer und Ökoaktivist und lebte fünfeinhalb Jahre im Geldstreik. Im StZ-Gespräch erzählt er, wie man ohne Geld bis nach Mexiko kommt und warum er Essen vor der Mülltonne „rettet“.

Der Aktivist Raphael Fellmer möchte seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren. Daher ernährt sich unter anderem vegan. Foto: Ines Rudel
Der Aktivist Raphael Fellmer möchte seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren. Daher ernährt sich unter anderem vegan. Foto: Ines Rudel
Kirchheim - Raphael Fellmer (33) hat die Plattform Foodsharing.de mitbegründet und kämpft gegen die Wegwerfmentalität in der Gesellschaft. Fünfeinhalb Jahre lebte er im Geld- und Konsumstreik. Ohne einen Cent in der Tasche reiste er mit Freunden und seiner Frau per Anhalter von Holland über Afrika bis nach Mexiko. Warum der zweifache Vater seinen Geldstreik beendet hat, wie er von Berlin nach Bissingen kam und was er von hier aus der weltweiten Konsumverschwendung entgegensetzen möchte, erklärt er im Interview.
Herr Fellmer, Sie haben fünfeinhalb Jahre im Geldstreik gelebt. Wie gelingt das?
Zunächst einmal mit sehr viel Überzeugung und Durchhaltevermögen und sehr viel Geduld, Kreativität und wohl auch einer Portion Mut.
Wann waren Durchhaltevermögen und Geduld gefragt?
Wenn man fünf Tage an einer Tankstelle auf ein Auto oder wenn man auf eine Wohnung warten muss. Das kann man sich nicht aussuchen. Da muss man geduldig sein. Oder wenn man Lust auf eine Avocado hat, kann es sein, dass man erst in zwei Wochen eine bekommt.
Glauben Sie, jeder könnte in den Geldstreik gehen?
Ich glaube schon, dass das jeder kann, aber manchen Menschen wird es schwerer fallen. Ich habe vorher schon ein bescheidenes Leben geführt, bin getrampt, habe gebrauchte Kleidung getragen und wenig konsumiert. Man kann es jedoch für einen Urlaub mal ausprobieren. Man lernt sich selbst dabei auf eine ganz besondere Art und Weise kennen, verliert Vorurteile gegenüber Unbekannten und lernt, dem Leben zu vertrauen.
Wo haben Sie denn viel Vertrauen erlebt?
Auf der geldfreien Reise von Holland nach Mexiko haben wir das überall erlebt. Menschen haben uns in ihr Auto gelassen, in ihr Haus. Anders wären wir nicht nach Mexiko gekommen. Das hat auch unser Vertrauen in die Menschheit erwachsen lassen. Mir haben die Menschen, die uns bedingungslos geholfen haben, die Augen und mein Herz geöffnet.
An welche Menschen erinnern Sie sich besonders gerne?
Wir trampten in Marokko nachts nach Casablanca. Lange hat uns niemand mitgenommen. Dann hielt ein Lastwagen. Als wir dann in der Stadt waren, hat der Mann uns ganz selbstverständlich zu sich nach Hause eingeladen, obwohl seine Frau hochschwanger war. Sie sind dann zwei Stockwerke hoch zur Schwiegermutter gezogen und haben uns ihre Wohnung überlassen. Solche wunderbaren Momente gab es viele.
Und wer hat Sie über den Atlantik gebracht?
Wir haben zwei Italiener mit einem Boot kennengelernt. Sie haben für ihre Überfahrt nach Brasilien eine Crew gesucht und wollten unser Projekt der ökologischen Reise unterstützen. Dank Ihnen erreichten wir drei Wochen später Brasilien.
Worauf fiel es Ihnen schwer zu verzichten?
Wir gingen mit der Einstellung ran, dass es schon klappen wird. Die Reise an und für sich war so ein Erlebnis, dass es gar nichts gab, das wir vermisst haben. Nach drei Jahren in unterschiedlichen Wohnungen, in denen wir kostenfrei wohnen durften, waren wir viele Monate auf der Suche nach einem neuen Ort. Die Unsicherheit und die nicht vorhandene Stabilität für uns als Familie war der Punkt, an dem ich mich entschlossen habe, den Geldstreik zum Wohl der Familie zu beenden.
Womit verdienen Sie heute ihr Geld?
Gerade war ich in Karlsfeld. Dort habe ich an der Mittelschule einen Vortrag im Rahmen einer Projektwoche zum Thema „Freiheit und Geld“ gehalten. Von diesen Honoraren leben wir momentan. Ich habe im Geldstreik auch schon hunderte Vorträge gehalten, Honorar allerdings abgelehnt.
Sie stammen aus Berlin, leben mittlerweile mit ihrer Familie in Bissingen. Was hat Sie hierher verschlagen?
Freunde. Sie haben auch zwei Kinder und haben nach einer Familie zum Zusammenleben gesucht. Als bei ihnen in Bissingen etwas frei wurde, sind wir hergezogen. Im August starten wir in Kirchheim mit zehn Personen ein alternatives Wohnprojekt.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie