Interview mit Rüdiger Safranski Die Heilkraft der Literatur

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Der Philosoph Rüdiger Safranski glaubt an die „Heilkraft der Literatur“: Bücher können gebrochene Menschen wieder aufrichten. „Heilkraft der Literatur?“ heißt auch das Thema der von ihm angestoßenen Literaturtage, die von Mittwoch bis Sonntag in Badenweiler stattfinden.

Zur Therapie empfiehlt er Rousseaus „Träumereien“: Rüdiger Safranski Foto: dpa
Zur Therapie empfiehlt er Rousseaus „Träumereien“: Rüdiger Safranski Foto: dpa
Stuttgart - Jeder, der ein Buch liest oder schreibt, verspricht sich davon eine Wirkung auf Denken, Fühlen und Wahrnehmen. Rüdiger Safranski aber glaubt, dass Bücher noch viel mehr leisten können: „Heilkraft der Literatur?“ heißt das Thema der von ihm angestoßenen, hochkarätig ­besetzten Literaturtage, die von Mittwoch bis Sonntag in Badenweiler stattfinden.
Herr Safranski, man kennt Badenweiler als Sterbeort von Tschechow. Der russische Dichter ist hier 1904 mit nur 44 Jahren gestorben. Ausgerechnet an diesem Ort wollen Sie die Heilkraft der Literatur beschwören?
Tschechow war schon todkrank, als er zur Kur anreiste. Da konnte auch Badenweiler nicht mehr helfen. Anders aber sieht es mit Hermann Hesse, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Annette Kolb aus – sie alle sind durch die Ärzte von Badenweiler wieder aufgerichtet worden. Insofern gibt es hier schon eine Tradition der Gesundung. Gerade Menschen, die mit geistigen Dingen zu tun haben, erhielten an diesem Ort einen Kick, was auch damit zusammenhängt, dass man immer ganzheitliche Ansätze verfolgt hat. Das Konzept, dem die berühmten Seelenärzte von Badenweiler gefolgt sind, lautete: Heilung durch den Geist.

Und weil auch Literatur ein Ausdruck des Geistes ist . . .
 . . . kann auch sie ein Heilmittel sein. Davon bin ich überzeugt. Aber natürlich wirkt Literatur nur auf Umwegen. Sie kann nur dann eine heilende Wirkung haben, wenn diese nicht ausdrücklich beabsichtigt wird. Es ist wie beim Glück: Wenn man direkt darauf zielt, wird man es kaum treffen. Glück stellt sich her als Begleiterscheinung. Und so ist es auch mit der Heilkraft der Literatur. Hätten Sie Kafka gesagt, er wolle sich mit seinem Schreiben therapieren, er hätte Sie aus dem Haus gejagt, wenn er nicht so sanftmütig gewesen wäre! Kafka wollte, wie jeder andere Autor auch, ein Werk schaffen. Nichts als ein Werk. Doch wenn sich diese Werk-Schöpfung ereignet, entwickelt sich eine Kraft, die auf den ganzen Menschen überströmen kann. Und dann hilft Literatur, sich als innerer Mensch wieder herzustellen.

Man schreibt sich etwas von der Seele?
Unbedingt. Auch wenn es nach einem Klischee klingt – Autoren schreiben sich etwas von der Seele, sie entlasten sich, sie bewältigen und kompensieren etwas. Das sind genau die Ausdrücke, die Autoren selbst benutzen, wenn sie sich beim Schreiben von außen beobachten.

Zu diesen stark selbstreflexiven Autoren gehört auch Adolf Muschg, der ja nicht zufällig bei Ihren Literaturtagen auftritt.
Ja, auf Muschg trifft diese Selbstbeobachtung in hohem Maße zu. In den achtziger Jahren hat er seine Frankfurter Poetik-Vorlesung unter das Thema „Literatur als Therapie“ gestellt. Allerdings hat er dabei nicht nur beschrieben, dass Literatur heilsam sein kann. Er hat auch noch einen anderen wichtigen Gedanken entwickelt: Literatur kann auch ein bewusster Ausdruck der Heillosigkeit und Ausweglosigkeit sein. Und wenn das so ist, dann liegt der Mehrwert eines Romans und eines Gedichts in seiner schieren Ausdrucksqualität.

Von der Ausdrucksqualität zehrt aber meiner Erfahrung nach nicht nur der Autor. Auch der Leser profitiert sehr davon.
Das sehe ich auch so. Die Entlastung und Befreiung, die sich beim Autor einstellt, stellt sich auch beim Leser ein. Um nochmals auf Kafka zu kommen: seine Werke wirken insofern tröstend und heilsam, als sie die Ängste des Lesers bannen, einfach dadurch, dass diese Ängste in Worte gefasst und auf einzigartige Weise zur Sprache gebracht werden. Und da passiert jetzt noch etwas ganz Entscheidendes: Die Ängste und Beklemmungen sowohl des Autors als auch des Lesers werden dabei in ein fiktives Probehandeln eingebettet, unmittelbar jenseits der Wirklichkeit. Da greift wieder Schillers großartiger Satz: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ In der Literatur spielt er eben auch mit dem bitteren Ernst des Lebens.