InterviewInterview mit Sabine Wassmer „Wir haben alle so einen defizitorientierten Blick“

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Dass Eltern die weiterführende Schulart frei wählen dürfen, hält die Elternvertreterin Sabine Wassmer für richtig. Allerdings stehe das Gymnasium zu sehr im Fokus. Man habe manchmal den Eindruck, dass man ohne Abitur kein vollwertiger Mensch sei.

Sabine Wassmer findet es schwierig, dass das Gymnasium das Maß aller Dine sein soll. Foto: privat
Sabine Wassmer findet es schwierig, dass das Gymnasium das Maß aller Dine sein soll. Foto: privat
Stuttgart – - Seit zwei Jahren ist die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich. Das hat deutliche Auswirkungen auf die Schullandschaft, aber auch auf die Familien. Sabine Wassmer vom Stuttgarter Gesamtelternbeirat plädiert für einen intensiveren Austausch zwischen Eltern und Lehrern. Dabei dürfe es aber nicht nur um Defizite der Schüler gehen.
Frau Wassmer, wie sehen Sie als Elternvertreterin den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung?
Ich finde das sehr gut, dass das jetzt einen Empfehlungscharakter hat und kein Zwang mehr ist. Schwierig finde ich die Priorisierung des Gymnasiums. Man hat manchmal den Eindruck, dass man ohne Abitur kein vollwertiger Mensch ist. Das ist schade. Es gibt so viele Berufe, die man ergreifen kann, ohne dass man Abitur hat. Für die Kinder ist es wichtig, dass sie eine Schulzeit haben, die sie nicht komplett überfordert, sondern in der sie sich entwickeln können. Wenn sie aber nur unter Druck stehen, dann fällt das als Erstes hinten runter.
Seit Eltern über die Art der weiterführenden Schule selber entscheiden dürfen, hat sich die Zahl der Gymnasiasten, die den Anforderungen nicht gewachsen sind und auf die Realschule wechseln, mehr als verdoppelt. Was läuft aus Ihrer Sicht schief?
Ich glaube, dass Eltern oft nicht wissen, dass man auch über den Weg Realschule und berufliches Gymnasium ein Abitur machen kann – und dass man nicht zwingend ein Abitur braucht, um einen guten Beruf zu ergreifen.
Haben Sie den Eindruck, dass es sich nur um ein Informationsdefizit handelt?
Natürlich will man für sein Kind das Allerbeste. Doch das Allerbeste ist nicht immer der ­gerade Weg zum Abitur. Andererseits kann ich auch gut nachvollziehen, dass ­Eltern verunsichert sind, ob nach der Realschule alle Anschlüsse passen und ob sie für ihr Kind dann einen Platz auf dem beruflichen Gymnasium der Wahl kriegen. Meine Töchter haben auch nach der Realschule weitergemacht. Aber schlimm ist es, wenn man sagt, wir probieren mal das Gymnasium. Das bedeutet ja, dass man gar nicht ganz sicher ist, ob das Gymnasium die ­richtige Schule ist. Und für ein Kind ist das schrecklich, wenn es diese Schule, die ja das Nonplusultra sein soll, verlassen und dann auf die Realschule muss, die in der Denkweise der Eltern die zweite Wahl ist. Meine ältere Tochter hat auf der Realschule erlebt, wie im ersten Halbjahr der fünften Klasse die ersten ­G8-Schüler ankamen, die es einfach nicht gepackt haben. Das war furchtbar – für die Schule, für die Klassengemeinschaft, vor allem aber für diese Schüler.
Zugleich berichten die Grundschulen, dass ihre Beratungsangebote zur Schullaufbahn zu wenig nachgefragt werden. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das ist so ähnlich wie beim Elternabend. Ich habe keine Erklärung dafür, weshalb das so wenig angenommen wird. Ich finde es einfach schade. Manchmal sieht man sein Kind positiver, als es in seinem Arbeitsverhalten in der Klasse tatsächlich ist. Und oft können Eltern nicht einschätzen, wie selbstständig ihr Kind dort arbeitet. Da braucht man das Feedback von den Lehrern. Ich plädiere immer dafür, dass man solche Angebote in Anspruch nimmt. Aber das Problem ist: bisher ist die Kultur in der Schule die, dass man nur hingeht, wenn man muss. Und wenn man einbestellt wird, ist es eigentlich immer negativ. Ich würde mir wünschen, dass mehr unbelastete Gespräche möglich wären. Dass man, wenn man einmal im Jahr die Lehrerin trifft, nicht nur hört, was das Kind alles nicht kann, sondern auch mal gesagt kriegt, was toll läuft.
Fehlt diese Kultur seitens der Lehrerschaft?
Es liegt eher am Schulsystem – vielleicht aber auch an uns allen. Wir haben so einen defizitorientierten Blick. Hinzu kommt, dass es vom System her auch nicht vorgesehen ist, dass die Lehrer genug Zeit haben. Wenn ein Lehrer mit allen Eltern seiner 30 Schüler einmal im Jahr ein Gespräch führen muss, und seien es nur zehn Minuten, summiert sich das ganz schön. Und oft finden diese Gespräche nachmittags oder abends statt. Manchmal bewundere ich das schon, wenn sich Lehrer abends um acht nach einem harten Schultag noch die Zeit nehmen, mit Eltern zu reden.

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