Interview mit Schauspieler Martin Wuttke Popcorn, Coca Cola und erste Liebe

Wenn Pollesch ruft, spielt er auch im Autokino Kornwestheim: Martin Wuttke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Wenn Pollesch ruft, spielt er auch im Autokino Kornwestheim: Martin Wuttke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Es ist fast dreißig Jahre her, dass Martin Wuttke zuletzt in Stuttgart aufgetreten ist. Jetzt ist dem Schauspiel von Armin Petras ein Besetzungscoup gelungen: Für René Polleschs neue, im Kornwestheimer Autokino stattfindende Inszenierung kehrt der Schauspieler nach Stuttgart zurück.

Kultur: Roland Müller (rm)
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Stuttgart - Es ist nicht so, dass Martin Wuttke noch nie im Stuttgarter Schauspielhaus aufgetreten wäre. Er hat seine Kunst dort schon gezeigt, allerdings nur ein einziges Mal, 1988 in der Abschiedsinszenierung von Ivan Nagel. Wuttke spielte damals die Titelrolle in „Don Carlos“ – und stand als Jungschauspieler am Anfang einer Karriere, die ihn auch in Film und Fernsehen ganz nach oben bringen sollte. Doch wer nur seinen in den Ruhestand verabschiedeten Kommissar Keppler aus dem Leipziger „Tatort“ kennt, ahnt nicht, welch ungeheure Energie in diesem schmalen Mann mit der tiefen Stimme wirklich steckt. Jetzt kehrt Wuttke nach fast dreißig Jahren für eine Produktion mit René Pollesch überraschend nach Stuttgart zurück – wie überraschend, das erklärt der 54-jährige Schauspieler im Gespräch nach einer Bühnenprobe.

Herr Wuttke, wie hat Pollesch es geschafft, Sie wieder nach Stuttgart zu locken?
Das hat sich ergeben, einfach so. Ich hatte plötzlich Zeit, weil sich bei mir Mitte Mai ein paar Dreharbeiten verschoben haben . . .
Aber Stückbesetzungen werden doch Monate im Voraus geplant . . .
Normalerweise schon. Ursprünglich war das „Stadion der Weltjugend“ auch ohne mich geplant. Als ich dann aber frei war und René mich gefragt hat, habe ich tollkühn zugesagt. Das war vor zwei Wochen. Normalerweise lässt das mein Terminkalender eher nicht zu.
Warum haben Sie die Lücke nicht für einen Urlaub genutzt?
Gute Frage. Ich stoße da auf ein lächerliches Paradox bei mir: Eigentlich freue ich mich immer darauf, ein bisschen frei zu haben, nicht so viel und nicht so gedrängt zu arbeiten, nicht von Theater zu Theater zu fliegen und zwischendrin noch zu einem Hörspiel oder einem Dreh. Aber dann gehe ich in meiner freien Zeit als Zuschauer ins Theater und denke: Ach, wie gut haben es die Kollegen! Sie dürfen arbeiten! Und ich? Mich will ja keiner, mich liebt ja keiner, ich hab’s schon schwer . . . (lacht).
Arbeitstier hin, Arbeitstier her: Für einen x-beliebigen Regisseur hätten Sie wohl kaum Ihren Urlaub geopfert.
Mit Pollesch arbeite ich schon seit Jahren zusammen, ich habe sicher schon in zehn Inszenierungen von ihm mitgewirkt. Das ist die dauernde Fortschreibung eines Arbeitsprozesses, an den wir immer wieder produktiv anknüpfen können. Abgesehen davon, dass wir uns für ähnliche Themen interessieren, schätze ich seine Arbeitspraxis: radikal anders als bei anderen Regisseuren und sehr erfrischend! René schreibt seine Stücke während der Bühnenproben, also aus der lebendigen Arbeitsgemeinschaft heraus, die sich da konstituiert. Die Gedanken und Ideen aller fließen unmittelbar in die Produktion ein, angefangen von den Schauspielern bis hin zu Bühnen- und Kostümbildnern. Nachdem ich das einmal erlebt hatte, wollte ich es nicht mehr missen. Wenn René ruft, bin ich da, wann immer es geht. In Stuttgart ging’s jetzt.
Was werden die Themen im „Stadion der Weltjugend“ sein?
Die Inszenierung findet auf einer besonderen Bühne statt, im Autokino Kornwestheim. Mit diesem seltsamen Mysterium „Autokino“ werden wir uns auf irgendeine Weise beschäftigen, diesem historischen Ort, der seine große Zeit in den fünfziger und sechziger Jahren hatte, als sowohl das Kino als auch das Auto noch ein utopisches Versprechen war. Zudem ist der Ort an der Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Privatheit angesiedelt, voll mit Popcorn und Coca Cola und erster Liebe auf dem Rücksitz. All das macht den Zauber des Autokinos aus, über den wir auf unseren ersten Treffen geredet haben.
Waren Sie denn schon mal in einem Autokino?
Na klar, ich komme aus dem Ruhrpott. Ich bin in Gelsenkirchen geboren und in Bochum aufgewachsen, dort spielte das Autokino eine große Rolle. Es war Teil meiner Jugend.
Damals sind Sie auch vom Gymnasium geflogen.
Ja, aber nicht, weil ich Schule „irgendwie blöd“ gefunden hätte. Im Gegenteil. Ich wollte in der Schule durchaus etwas lernen, aber eher auf eine andere Art, als es vorgesehen war. Das war’s dann.
Wenn man sich die Regisseure anschaut, mit denen Sie auch jenseits von Pollesch arbeiten, merkt man, dass Sie auch eine andere Art Theater suchen . . .
Es sind vor allem Regisseure, die einen speziellen Zugriff aufs Theater haben, das stimmt. Selbst Klassiker, in denen ich mitspiele, prägen sie auf ihre Art um. Aktuell ist das Ibsens „John Gabriel Borkman“ in der Regie von Simon Stone . . .
. . . mit dem Sie gerade beim Berliner Theatertreffen gastiert haben . . .
. . . oder „Judith“ in der Regie von Frank Castorf: Beide Stücke erscheinen in einem neuen Licht. Mich zieht es zu Regisseuren, die den Schauspielern nicht nur ihre Autonomie lassen, sondern auf diese Autonomie sogar angewiesen sind. Das ist zentral: Autonomie. Das betrifft Christoph Schlingensief, Heiner Müller oder Einar Schleef, so unterschiedlich sie auch waren, im gleichen Maße.
Die drei letztgenannten Regisseure sind alle schon tot.
Und sie fehlen! Müller und Schleef gehören ja einer anderen Generation an, aber Schlingensief, den ich schon aus dem Ruhrpott kannte, ist mit mir zusammen im Theater sozialisiert worden. Dazu kommt noch der vor einem Jahr verstorbene Bühnenbildner Bert Neumann, der beim „Stadion der Weltjugend“ auch wieder mitarbeiten sollte: Bert und Christoph waren Koordinaten, an denen ich mich ausgerichtet habe. Christophs Arbeit lässt sich von niemandem fortsetzen, auch nicht epigonenhaft. Er hat sich mit seinen Gedanken und Projekten so schnell in verschiedene Richtungen bewegt, dass jede Nachahmung scheitern muss.
Das Zentrum des von Ihnen geschätzten „anderen Theaters“ ist seit mehr als zwanzig Jahren die Berliner Volksbühne von Frank Castorf. Nächstes Jahr übernimmt der Museumschef Chris Dercon das Theater.
Was mich nicht erfreut! Da löst nicht nur eine Intendanz die andere ab, da stirbt auch eine Vorstellung von Theater und seinen Arbeitsweisen. Die Volksbühne ist ein einzigartiger Ort. Das ganze Haus definiert sich über die dort tätigen Künstler, von ihren künstlerischen Prozessen leiten sich die Strukturen ab. Ich selbst bin jetzt seit sieben Jahren fest an der Wiener Burg und kenne auch sonst viele andere Theater im deutschsprachigen Raum – und ich kann Ihnen sagen: Anderswo fallen die Entscheidungen oben in der Intendanz, auch gerne mal über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Das ist bei Castorf radikal anders. Die Entscheidung gegen ihn war eine politische: Man wollte in Berlin einfach mit seinem Widerstandsnest am Rosa-Luxemburg-Platz aufräumen.
Sein Nachfolger lässt keine Gelegenheit aus, die Arbeit der Berliner Volksbühne zu würdigen.
Ja, auch so ein lächerliches und befremdliches Paradox: Er lobt, was er abschafft.
Etwas anderes ist schon Geschichte: Ihre Rolle als Kommissar Keppler im Leipziger „Tatort“. War das auch eine paradoxe Erfahrung?
Das können Sie gerne tiefer hängen. Die Arbeit und das Arbeitsergebnis waren vor allem langweilig, unendlich langweilig. Ich wollte mit meiner Figur und den Geschichten ganz woanders hin als der produzierende MDR mit seinen starren Strukturen. Die Verantwortlichen im Sender haben mir zwar immer freundlich zugehört, aber auch vollkommen folgenlos. Vermutlich speisen sie mit solchen Gesprächen alle Untergebenen ab. Für mich war’s nur frustrierend.
Nie mehr Kommissar im Fernsehen?
Ich werde auf jeden Fall nie mehr so naiv sein, entsprechende Angebote vorher nicht gründlicher zu prüfen. Ich mag das Fernsehen ja. Welches erzählerische Potenzial in ihm steckt, zeigen die tollen amerikanischen Serien.

Das Gespräch führte Roland Müller.

Infos zu Martin Wuttke:

Seit den neunziger Jahren arbeitet Martin Wuttke an allen großen Theatern mit fast allen großen Regisseuren zusammen. Aber ein derart riesiger Bühnenerfolg wie mit dem „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ konnte auch er nur einmal landen. Seit 1995 spielt er die Titelrolle in dem von Heiner Müller inszenierten Brecht-Stück, in bislang mehr als vierhundert Vorstellungen nicht nur am Berliner Ensemble, sondern auch bei Gastspielen auf der halben Welt.

Das Vorbild von Arturo Ui ist Adolf Hitler – und den „Führer“ spielte Wuttke auch 2009 in „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino. „Als ich das Script gelesen habe, war ich begeistert. Tarantino ist ein brillanter Drehbuchautor. Und am Set arbeitet er mit einer berserkerhaften Besessenheit, die gut zur Berliner Volksbühne passen würde“, sagt Wuttke.

Die Premiere von René Polleschs „Stadion der Weltjugend“ findet am 1. Juli im Autokino Kornwestheim statt.




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