Der ehemalige SDR-Journalist Manfred Naegele hat über seine wilden Jahre beim Südfunk-Fernsehen ein Buch geschrieben.  

Kultur und Gesellschaft: Ulrike Frenkel

Stuttgart - Dreißig Jahre TV-Geschichte hat Manfred Naegele beim SDR miterlebt, in einer Zeit, als die Einschaltquote noch nicht das Maß aller Dinge war und auch Querköpfe eine Chance hatten.

Herr Naegele, wie würden Sie sich selbst dem Fernsehzuschauer, der sich an Sie erinnern möchte, beschreiben?

Als einen, der den Leuten im Fernsehen etwas zeigen wollte, das sie vielleicht auch ein bisschen nachdenklich macht. Mir geht es nicht darum, nur schöne Worte zu finden und selbstgefällig zu reden, sondern aufklärerisch, kritisch, aber auch ein bisschen satirisch das zu vermitteln, was man manchmal vielleicht nicht so gerne hört.

Welche Geschichten wollten Sie in Ihrem Buch über Ihre Südfunk-Zeit erzählen?

Ich wollte vor allem von etwas erzählen, was Anfang der siebziger Jahre verstörte: von meiner wöchentlichen "Hitparade" in der Abendschau, in der ich den deutschen Schlager, der so beliebt und heilig war, satirisch infrage stellte. Ich versuchte die Euphorie und die Harmonie, die da verbreitet wurde, auch aus der Sicht der 68er-Zeit, aus der ich kam, zu konterkarieren. Dafür habe ich Preise bekommen, aber auch "Publikumsverrisse".

Eigentlich hatten Sie ja Jura studiert.

Das Fach war mir bald zu statisch und streng. Da ich auch Kontakt zu Fernsehleuten hatte, dachte ich, da kann ich mich mit meiner Mentalität besser verwirklichen.

Welche Möglichkeiten bot denn damals ein Sender wie der SDR?

Fast alle. Man konnte wirklich das, was man zu einem Thema sagen wollte, los werden, man durfte auch frech sein, und sich über das politisch Korrekte hinaus artikulieren. Man durfte Formate erfinden, experimentieren, in die Welt reisen. Vor allem hatten auch Seiteneinsteiger und Querköpfe eine Chance, das hat dem Programm überhaupt nicht geschadet.

Was halten Sie im Nachhinein für die beste Idee, die Sie in Ihrer Berufslaufbahn einbringen konnten?

Meine beste Idee war vielleicht schon, Autoren von außerhalb einzubinden, auch Leute, die seltsam waren, und spannende Sachen lieferten. Wir haben Werner Herzog, den man als Spielfilmregisseur kannte, Dokumentationen drehen lassen. Oder den Kriegsreporter Denis Reichle beschäftigt, der in den schlimmsten Krisengebieten unterwegs war und schon vor zwanzig Jahren über die Taliban Filme gemacht hat.

Was war Ihr aufregendstes Erlebnis?

Zum Beispiel mein Auftritt beim RAF-Prozess in Stammheim. Da sollte ich den ersten Bericht für die "Tagesschau" machen. Ich stand in Pelzmantel und Schlaghose, mit langen Haaren und Schnauzbart vor der Kamera. Daraufhin hat man sich in Hamburg beschwert, "den wollen wir nie wieder sehen, das ist ja ein Zuhälter!"

Wie schaut denn das heutige Fernsehen aus der Sicht eines TV-Dinosauriers aus?

Ich finde es ein bisschen zu brav. Es gibt viele schlichte, nette Sendungen, was bestimmt damit zu tun hat, dass die Quote einen so starken Einfluss auch auf die öffentlich-rechtlichen Sender hat. Da macht man eben vor allem Programme, die beliebt sind, Kochsendungen, Musikantenstadl. Gute Sachen werden oft sehr spät gesendet und andere gestrichen, obwohl gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Auftrag hätte, sich um Themen zu kümmern, die vielleicht nicht die Zuschauermassen bringen, aber wichtig sind. Darum müssen wir als Journalisten kämpfen.

Sie waren für viele Zuschauer Kult, von anderen wurden Sie geschmäht. Wofür haben Sie die schlimmste Beschimpfung erhalten?

Das war 1974, als ich bei der Fußballweltmeisterschaft den Schlager der deutschen Nationalmannschaft in meiner "Hitparade" filmisch so umsetzte, dass ich Kickfußballer in einem Film antreten und sie langsam in rohen Eiern, Gurken und Kopfsalat versinken ließ. Da schrie mich ein Zuschauer am Telefon an: "So einen wie Sie, Naegele, sollte man mit einem Putzlappen ganz langsam totschlagen."

Hintergrund: Dreißig Fernsehjahre

Karriere Manfred Naegele, Jahrgang 1939, war von 1969 bis 1999 als Moderator, Filmemacher und Leiter der Redaktion Kultur und Gesellschaft beim SDR.

Erinnerungen Manfred Naegele: "Bildschirmverstörung. Meine Südfunkgeschichten." Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen. 224 Seiten, 18,90 Euro.

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