Exklusiv Am 26. Oktober erhält Sibylle Lewitscharoff den Büchner-Preis. Mit dem vor 200 Jahren geborenen Dichter hat die in seinem Namen Geehrte gar nicht viel am Hut. Im Interview mit dem StZ-Literaturredakteur Stefan Kister verrät sie, warum.
16.10.2013 - 17:11 Uhr
Frau Lewitscharoff, die Achse Degerloch- Rom spielt in Ihrem Werk eine wichtige Rolle. Ist es Zufall, dass Sie jetzt wieder in Rom gelandet sind?
In diesem Fall schon. Für die Villa Massimo bewirbt man sich ja nicht. Ich wurde angerufen, ob ich das gerne machen würde. Und weil ich gerade ein römisches Projekt verfolge, war ich begeistert.
Dann hat der Zufall doch Methode.
Vor zwölf Jahren durfte ich schon einmal drei Monate hier verbringen. Da war für mich alles neu. Ich bin jeden Tag stundenlang durch die Stadt gewandert, habe dazwischen immer einen Kaffee getrunken, Spaziergänge gemacht, Hügel rauf, Hügel runter, Museen angeschaut – was man hier eben so tut. Diesmal ist mir das zu anstrengend. Ich bin auch etwas ab vom Schuss, was mir sehr Recht ist. Die Villa Massimo liegt ja ein kleines bisschen entfernter von der Innenstadt. Das ist ein sehr schönes Terrain mit einem riesigen Park und allen Annehmlichkeiten. Ich bewege mich sehr ungern aus dem Haus.
Wenn Sie sich aus diesem paradiesischen Sektor aber doch einmal heraus bewegen: was hat sich verändert?
Es ist noch voller als vor zwölf Jahren, brechend voll. Die Chinesen sind jetzt noch dazu gekommen. Mir ist das offen gestanden zu viel. Ich finde es schrecklich, mich in so einem Pulk durch die Stadt zu bewegen. Wir leben hier in einem abgeschiedenen Bereich, einem bürgerlichen Wohnviertel, in das sich kaum ein Tourist verirrt. Man kann unbehelligt essen gehen. Wenn ich nicht Zeitung lesen würde, was ich tue, wüsste ich weder, dass es in Italien eine schwere Krise gibt, noch von dem politischen Chaos. Im alltäglichen Leben unseres Viertels merkt man nichts davon. In anderen Teilen der Stadt, in den ärmeren Vierteln aber durchaus.
Rom ist auch ein Totenreich: In Ihren Poetikvorlesungen haben Sie gesagt, Sie motiviere zum Schreiben die Lizenz, mit den Toten zu sprechen. Ist es das, was Sie hierher zieht?
Es gibt sicher weltweit kaum eine Stadt, die ein derartiges Erbe aus verschiedenen Epochen verwaltet: Antike, Christentum. Alles aufeinander gebaut: man sieht die Katakomben, die Sarkophage. Nirgends sind die Toten so präsent wie hier. Da hat man reichlich Futter, das ist wunderbar.
Manche sagen ja, auch Stuttgart sei auf sieben Hügel gebaut wie Rom.
Stimmt. Das ist aber auch schon der einzige Vergleich, der triftig ist.
Aber von Ihnen sind geradezu ins Visionäre reichende Erfahrungen zwischen den Stuttgarter Hügeln überliefert: eine beinahe religiöse Verzückung, wie sie sonst nur Rompilgern zuteil wird.
Die Erfahrung war LSD, das ist mit Weihrauch nicht zu machen. Aber für einen Schriftsteller hat der Ort, an dem er aufgewachsen ist, sehr stimulierende Kräfte. Ich lebe inzwischen ja schon viel länger in Berlin als in Stuttgart. Über Berlin würde ich nie schreiben. Über Stuttgart immer wieder. Die Kindheitserfahrung ist bei jedem Schriftsteller sehr stark. Das ist das erste Stadterlebnis, man kennt die Figuren, die bei den Eltern aus und ein gegangen sind. Davon nähre ich mich. Ich schreibe nicht jeden Roman über Stuttgart. Aber wenn mir ein langes Leben vergönnt sein sollte, werde ich darauf vermutlich immer wieder zurückkommen.
Sind Stuttgart und Degerloch die Katakomben Ihrer Erinnerung?
Das kann man so sagen. Es ist der Untergrund, in dem sich das Abgelegte befindet, das für die Jetztzeit virulent bleibt und oft mächtiger ist als alles, was einem später widerfährt. In Rom hat man das Gleiche in Stein, Fragmenten, Mosaiken und Porträtbüsten.
Um im Bild des Totengesprächs zu bleiben: in ihrem neuen Roman geht es um Dante, der zur Zeit gleich an mehreren Orten wieder aufersteht, in den populären Verschwörungsabgründen eines Dan Brown, bei dem chinesischen Künstlerdissidenten Ai Weiwei. Warum das?
Dantes „Göttliche Komödie“ war lange Zeit im Kosmos der Gebildeten eine Fundamentalschrift, auch in Deutschland. Das ist sie nicht mehr. Ich finde das sehr schade, denn es ist das bedeutendste Buch, das im christlichen Kosmos hervorgebracht wurde. Wenn man sich der Mühe unterzieht, es im Original zu lesen, mit Unterstützung der Übersetzungen: das ist so extrem schön. Mich hat die Commedia schon immer begeistert, ich wollte nun auch einmal gerne etwas damit veranstalten. Aber nicht in Form von trivialer Verschwörungsfolklore, sondern wegen der poetischen Kraft, die dahinter steht.
Ist der Boden der klassischen Dichtung für die Gegenwart fruchtbarer als die Gegenwart selbst?
Ich würde jetzt nicht behaupten wollen, dass man nur durch Dante-, Homer- und Hesiod-Lektüren zu einem ordentlichen zeitgenössischen Roman kommt. Das wäre ja Quatsch. Ich lese auch viele Zeitgenossen. Das letzte Buch, das mich radikal begeistert hat, war David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“. Ich bin sowieso ein Vielfraß. Aber die ganz großen Kawenzmänner der Literatur haben durch die Jahrhunderte eine solche Kraft entfaltet, dass man von Ihnen viel gewinnen kann.
Welche Unterhaltungen pflegen Sie mit dem Kawenzmann Georg Büchner, in dessen Namen Sie nun geehrt werden?
Das hat mich kalt erwischt. Von Hause aus bin ich keine Büchnerianerin. Das liegt sicher auch daran, dass ich so viele erdenschlechte Aufführungen seiner Theaterstücke gesehen habe. Das hat mich nicht verlockt, zu seinen Werken zu greifen. Jetzt habe ich zum ersten Mal, ich gestehe es, seinen „Lenz“ gelesen: Den finde ich großartig, auch für meine Zwecke – das Verrückten-Thema ist ja gewissermaßen mein Hausthema. Dazu wird mir auch etwas für meine Rede einfallen.
Warum interessieren Sie sich eigentlich so für Verrücktheit?
Der Verrückte treibt ein anderes Assoziationskarussell an. Der Normale erlebt so etwas allenfalls nachts vor dem Einschlafen. Aber nicht tagsüber. Bei den wirklich Verrückten, die sich da auch richtig hineinsteigern können – was heute ja in aller Regel medikamentös unterbunden wird –, blüht der Wahnsinn ganz anders. Das ist eine Seinsverfassung, die mich sehr interessiert, weil sie indirekt auch Aufschlüsse über das gibt, was man normal nennt. Außerdem hatte ich familiär immer mit Verrückten zu tun. Der alte Stachel, wissen zu wollen, was da eigentlich los ist, sitzt tief. Mit der neuen vollkommen im Computer untergehenden Generation werden wir noch ganz neue und sehr massive Formen des Wahnsinns erleben, da bin ich mir sicher.
Mit dem Büchner-Preis haben sie die höchsten Weihen erlangt, oder, wie man mit Blick auf Rom sagen könnte, sie wurden bei lebendigem Leib kanonisiert.
Das klingt ja wie bei lebendigem Preis verbrannt, so schlimm ist es noch nicht. Der Büchner-Preis ist ein großartiger, ganz wichtiger Preis, ich bin immer zutiefst dankbar, wenn man mir was schenkt, und werde mich auch nicht so halbaggressiv aufmascheln, wie der ein oder andere meiner Vorgänger es getan hat. Nur in einem bin ich skeptisch: Auch große Preise sind heute kein Garant mehr dafür, dass ein Werk weiter in Schwung bleibt. Es ist durchaus möglich, dass man mich in zehn, zwölf Jahren nicht mehr kennt, sei es weil ich nichts Gescheites mehr zustande bringe oder warum auch immer. Das geht heute schnell. Das Kommen und Gehen der Namen ist sehr in Fluktuation begriffen und die Tradierungsmomente von Schriftstellern und ihren Werken sind gering.
Wird die Luft für Autoren dünner?
In Italien ist es eine reine Verfallsgeschichte. Es gibt kaum mehr Buchhandlungen, kaum mehr Verlage, kaum mehr Übersetzungen. In Deutschland stehen wir noch viel besser da. Aber die Gefährdung ist auch allenthalben zu spüren. Ich sehe das mit Entsetzen. Ich bin ein Buchmensch. Von elektronischem Lesen halte ich nichts, ebenso wenig davon, dass man die Tantiemen knackt, in dem man das Urheberrecht angreift. Ich bin da von der alten Truppe. Gott sei Dank bin ich so alt, sage ich mir immer wieder. Eine schreckliche Vorstellung, ich wäre erst 35 und wüsste gar nicht, ob man in naher Zukunft mit Büchern überhaupt noch Geld verdienen kann. Der Untergang der Buchkultur ist offensichtlich – eine Katastrophe, das mit ansehen zu müssen.
Fühlen Sie sich als heitere Apokalyptikerin richtig beschrieben?
Wenn Sie das so sehen wollen, ja. Aber ich falle mir selber ja auch immer wieder gern ins Wort mit meinen trüben Aussichten. Am Ende kommt ohnehin alles anders, als man denkt.