Interview mit Soziologen zu Olympia „Die Krise ist hausgemacht“

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Sportsoziologe Sérgio Settani Giglio aus São Paulo sieht die vielen nicht eingehaltenen Versprechen in Rio de Janeiro als großes Problem – und dennoch hat er die Hoffnung auf einen Stimmungsumschwung, wenn die Olympischen Spiele erst mal losgegangen sind.

Sportsoziologe Sérgio Settani Giglio ist überzeugt davon, dass die Sommerspiele in Rio ein Erfolg werden können Foto: AP
Sportsoziologe Sérgio Settani Giglio ist überzeugt davon, dass die Sommerspiele in Rio ein Erfolg werden können Foto: AP
Rio de Janeiro - Fußball ist für die Brasilianer eine Herzenssache, dieses Potenzial hat Olympia nicht. Und trotzdem ist Sportsoziologe Sérgio Settani Giglio überzeugt davon, dass die Sommerspiele in Rio ein Erfolg werden können: „Wenn es losgeht, schiebt sich die Einmaligkeit in den Vordergrund.“

Alle olympischen Austragungsstätten in Rio de Janeiro finden Sie auf einen Blick in unserer Grafik. Klicken Sie hier.

Herr Giglio, am 2. Oktober 2009, als Rio de Janeiro den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 bekam, haben die Menschen an der Copacabana geweint vor Freude. Heute sind 50 Prozent der Brasilianer gegen die Spiele. Warum gab es diesen krassen Stimmungs­umschwung?
In den sieben Jahren hat sich das Szenario völlig gewandelt. Damals hatte Brasilien die Weltwirtschaftskrise viel besser überstanden als andere Länder, der Optimismus war riesig. Heute herrscht ein Übergangspräsident, dem eine Art Staatsstreich vorgeworfen wird, auf allen Ebenen kommt Korruption ans Licht. Jetzt ist wirklich kein Anlass mehr für Freudenausbrüche, und deshalb entsteht der Eindruck, wir Brasilianer erfüllen nur, wozu wir uns damals verpflichtet haben.
Aber Sport kann doch von solchen Umständen abstrahieren. Es gibt ein unpolitisches Moment im Sport und sogar Elemente von Realitätsflucht.
Nein, das bestreite ich. Sport hat immer mit Politik zu tun. Denken Sie gerade an die Olympischen Spiele, wo ja Staaten um Medaillen konkurrieren. Sportliche Erfolge spielen für die politische Rivalität zwischen den Staaten eine riesige Rolle. Hier in Brasilien wird diese Fiktion vom unpolitischen Sport auch gepflegt. Aber erinnern wir uns an 2009, als das Internationale Olympische Komitee in Kopenhagen entschied: Da haben unsere Politiker, von Präsident Lula bis zu Rios Bürgermeister, vor Aufregung zitternd auf die Entscheidung gewartet . . .
Vor der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren kam es zu massiven Protesten mit politischem Charakter. Wiederholt sich das jetzt, so skeptisch wie die Brasilianer den Olympischen Spielen gegenüberstehen?
Schwer zu sagen. Ein paar Proteste wird es sicher geben, aber sicher nicht so wie 2013 und 2014. Ich denke, wenn es losgeht, dann schiebt sich die Einmaligkeit in den Vordergrund. Schließlich hat es in Südamerika noch nie Olympische Spiele gegeben.
Als 2014 der Ball endlich rollte, lief ja auch alles wie am Schnürchen, und die Besucher haben den Eindruck mitgenommen, dass alles wunderbar war.
Sicher. Das gehört zum Wesen solcher Ereignisse, dass die Realität in den Hintergrund tritt, wenn es mal losgegangen ist. Bei der WM redete niemand mehr von der sozialen Ungleichheit, die dieses Land teilt. Und Brasilien wird jetzt alles für den Erfolg der Spiele tun. Selbst die öffentlichen Bediensteten haben ja frei, damit sie die Olympia-Mannschaften nicht behindern!
Präsident Lula hat damals in Kopenhagen gejubelt, Brasilien sei nun nicht mehr zweitklassig. Ist er jetzt endlich ausgestanden, Brasiliens berühmt-berüchtigter Straßenköter-Komplex?
Die jetzige Krise, welche die Stimmung so herunterzieht, ist ja leider hausgemacht. Kann schon sein, dass da die Selbstzweifel wieder in den Vordergrund treten. Auf der anderen Seite, wenn die Spiele ein Erfolg werden, hat Brasilien bewiesen, dass es an solchen Ereignissen nicht nur teilnehmen, sondern dass es sie auch ordentlich organisieren kann. Und darum geht es ja bei diesem Selbstwert-Problem.
Verglichen mit dem Chaos vor der WM klappt es nun vor den Olympischen Spielen besser. Die Fristen werden eingehalten, die Etats im Großen und Ganzen auch.
Das sehe ich anders. Der Punkt sind doch nicht die Fristen, der Punkt ist die Verschwendung von öffentlichen Geldern, die dadurch entsteht, dass man die Sportstätten, die für die Panamerikanischen Spiele 2007 gebaut wurden, jetzt praktisch nicht mehr benutzt, sondern neue gebaut hat. Das ist gerade neun Jahre her, und jetzt muss alles neu sein? Und denken Sie an die anderen Versprechen: Die Bucht von Rio wird nicht sauber sein, weder zu den Spielen noch später, das U-Bahn-Netz ist kaum dichter geworden . . .
. . . und die Schnellbus-Linien, die gebaut wurden?
Gut. Aber im Allgemeinen ist das Versprechen, Olympia als Katalysator für die Modernisierung der Stadt zu nutzen, nicht eingelöst worden. Diese Planlosigkeit zeigt sich auch an den Zwangsumsiedlungen.
Ist es nicht normal, dass bei so großen Projekten Menschen umgesiedelt werden müssen? Und ist das so obszön, solange sie entschädigt werden?
Grundsätzlich nicht. Aber es ging doch gerade in Barra darum, das Viertel so umzugestalten, dass die Unerwünschten, nämlich die Ärmeren, der Grundstücksspekulation nicht im Weg sind. Barra ist schließlich ein Elite-Viertel. Und wenn man gewollt hätte, hätte man die Vertriebenen integrieren können, statt sie wegzuräumen. Aber so etwas geschieht selten in Brasilien.
2014 herrschte ziemliche Empörung, weil die Fifa mit ihren vielen Vorschriften wie eine Art Besatzungsmacht auftrat. Warum löst das IOC nicht solchen Widerstand aus? Dessen Forderungen gehen genauso weit.
Fußball ist bei uns Herzenssache, deshalb wurden die Fifa-Auflagen als Eingriff in das Alltagsleben verstanden. Dieses Potenzial hat Olympia nicht. Und außerdem war das IOC diplomatischer – denken Sie an Valcke, den Fifa-General, der sagte, man müsse den Brasilianern in den Hintern treten!
Warum sind die Brasilianer eigentlich so auf Fußball fixiert, warum haben sie so wenig Interesse an Leichtathletik? Warum haben sie sich ausgerechnet diesen Import aus Europa angeeignet und – sagen wir mal – Kunstturnen oder Schwimmen nicht?
Schwer zu sagen. Aber Fußball wird durch die Kombination zweier Elemente attraktiv: selber spielen und zuschauen. Das beides zugleich ist beim Kunstturnen oder Schwimmen weit weniger interessant.
Es gibt ja auch keine Fan-Gemeinden, die durch ihre Liebe zu einem Schwimm- oder Kunstturnverein zusammengeschweißt werden würden.
Eben. Da tritt ein Individuum gegen ein anderes oder mehrere an, aber eben nicht ein Verein gegen einen anderen Verein. Und das faszinierende Element der Unvorhersehbarkeit steht, verglichen mit einem Fußballspiel, auch ziemlich im Hintergrund, wenn acht Leute in ihren Bahnen gegeneinander schwimmen.
Okay, aber diese unterschiedlichen Niveaus der Faszination treten in England oder Italien genauso auf, und trotzdem interessieren sich Engländer oder Italiener mehr für olympische Sportarten als die Brasilianer.
Da sind vermutlich ein paar spezifisch brasilianische Faktoren schuld. Erstens erzeugt die Vorherrschaft des Fußballs noch mehr Vorherrschaft des Fußballs. Das gratis zu empfangende Fernsehen bringt Fußball, weil er am populärsten ist und deshalb die größten Werbeeinnahmen erzeugt. Wenn Sie etwas anderes sehen wollen, müssen Sie teure Bezahlkanäle abonnieren.
Und zweitens?
Mannschaftssport, und natürlich vor allem Fußball, gefällt den Brasilianern besser, weil sie ihn, wie gesagt, nicht nur anschauen, sondern selbst ausüben können. In den bescheidensten Favelas finden Sie Ballplätze, die so gut wie immer besetzt sind. Oder der Strand: Er ist ein öffentlicher Raum für Ballspiele. Aber wer eine Individualsportart treiben will, muss meist in einen Club eintreten. Und der ist in Brasilien fast immer privat, teuer und elitär.