Interview mit Strahlenschützer zum AKW-Philippsburg „Die Standards dürfen nicht geschleift werden“

Von  

Gefälschte Sicherheitsüberprüfungen in Philippsburg werfen ein Schlaglicht auf die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke. Wolfram König, Chef im Bundesamt für Strahlenschutz, ist besorgt, dass die Aufmerksamkeit für das Thema mit dem Atomausstieg nachlässt.

Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz Foto: dpa
Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz Foto: dpa

Berlin - Im Atomkraftwerk Philippsburg wurden Sicherheitsüberprüfungen vorgetäuscht. Darüber und über die allgemeinen Sicherheitsentwicklungen in den deutschen Kernkraftwerken steht Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, im Interview Rede und Antwort.

Herr König, seit Jahrzehnten gewährleisten die Behörden den sicheren Betrieb von Atomkraftwerken. Mit dem Atomausstieg ist eine Aufgabe dazugekommen: die Sicherheit abgeschalteter Kernreaktoren. Ist das mehr oder weniger dasselbe in grün?
Nicht wirklich. Tatsächlich ist es eine echte Herausforderung, das politische und gesellschaftliche Bewusstsein für dieses Thema über 2022 hinaus wach zu halten, wenn das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz gehen wird. Auch personell ist das nicht einfach: Seit Jahren brechen in der Ausbildung die Kapazitäten weg. Kernenergie ist für junge Leute eine Technologie in Abwicklung und daher keine attraktive Berufsperspektive. Warum sollen sich die Kinder auch mit dem Abfall der Eltern beschäftigen? Das Problem ist nur: Wir werden noch sehr, sehr lange mit dem Thema zu tun haben.
Solange die Atomkraftwerke laufen, haben die Betreiber ein eigenes Interesse an der Sicherheit; sie ist Voraussetzung für den Betrieb: Ohne Sicherheit - keine Betriebsgenehmigung, keine Stromproduktion, keine Gewinne. Nach der Abschaltung gibt es diesen Zusammenhang nicht mehr. Schlägt das auf die Sicherheit durch?
Nach der Abschaltung werden die Meiler zu Altlasten. Die Unternehmen verdienen kein Geld mehr damit. Dass sie dann ihre Strategien neu ausrichten, ist klar. Ich sehe darin eine Herausforderung für die Aufsichtsbehörden. Sie müssen genau hinschauen, damit die Sicherheitsstandards nicht geschleift, sondern gehalten und weiter entwickelt werden.
Vor fünf Jahren gingen die ersten acht Kernkraftwerke vom Netz. Welche Erfahrungen gibt es bisher?
Wir stellen fest, dass es bei den vier Betreibern von Atomkraftwerken in Deutschland sehr unterschiedliche Problemwahrnehmungen gibt. Manche haben versucht, diese Altlasten in neue Gesellschaften auszugliedern…
… gemeint sind Eon und RWE…
Das deutet darauf hin, dass man diese Aufgabe am liebsten nicht mehr im vollen Umfang und auf Dauer in der eigenen Verantwortung sehen möchte. Ökonomisch sind es Lasten, die in der Bilanz zu Buche schlagen.
Gib es bei den Betreibern – EnBW und Vattenfall komplettieren das Quartett – unterschiedliche Sicherheitskulturen?
Um das zu bewerten, fehlt mir der unmittelbare Einblick in die einzelnen Kraftwerke. Die Aufsicht liegt bei den Ländern. Der Bund sorgt dafür, dass einheitliche Standards gelten. Aber es ist ein ständiges Ringen um den Erhalt der Sicherheitskultur.