Interview mit Stuttgart-21-Projektleiter „Wir erhalten sehr viel Zuspruch“

Von und Markus Heffner 

Der Leiter des Projekts Stuttgart 21, Stefan Penn, spricht über die Baustelle am Bahnhof, die Probleme mit dem Juchtenkäfer und Kostenrisiken.

Stefan Penn hat den Schritt nach Stuttgart nicht bereut. Foto: Heinz Heiss
Stefan Penn hat den Schritt nach Stuttgart nicht bereut. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Seit dem 1. Juni 2011 hat Stefan Penn einen der interessantesten Managerjobs der Republik inne. Der Projektleiter von Stuttgart 21 samt der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm ist guter Dinge, zumal nach der Volksabstimmung, die eine klare Mehrheit gegen den Ausstieg aus dem Milliardenprojekt erbracht hat. „Seither hat sich deutlich spürbar ein Stimmungswandel vollzogen“, sagt er – und will im kommenden Jahr richtig loslegen.

Herr Penn, nach der Volksabstimmung wollte die Bahn AG als Bauherrin des neuen Tiefbahnhofs so richtig durchstarten – hat die Rechnung aber ohne die Gerichte gemacht. Schlägt Ihnen der Baustopp fürs Grundwassermanagement aufs Gemüt?
Natürlich wünscht man sich einen reibungslosen Projektablauf. Bei einem Megaprojekt wie Stuttgart 21 und der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm kann man aber nie ausschließen, dass es immer wieder mal zu Verzögerungen und auch Veränderungen im Bauablauf kommt. Insofern sehe ich das Urteil gelassen, zumal es sich nur auf einen Teilbereich auswirkt. Der Vorteil eines solchen Großprojekts ist ja, dass sich dann andere Maßnahmen vorziehen lassen und sich der Zeitverlust, der an der einen Stelle entstehen mag, an einer anderen Stelle durchaus ausgleichen lässt.

Hätten Sie gedacht, dass Ihnen der Juchtenkäfer so zu schaffen macht?
Naturschutzrechtliche Aspekte und besonders den Juchtenkäfer nehmen wir sehr ernst. Primär ging es bei der Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz aber um eine Formalie, also um eine Verfahrensfrage. Nach Auffassung des BUND hätte er bei der Änderung des Grundwassermanagements vom Eisenbahnbundesamt angehört und beteiligt werden müssen. Das hat der Verwaltungsgerichtshof in seinem Urteil jetzt bestätigt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Jetzt ist das EBA am Zug und muss diese Anhörung nachholen. Übrigens werden die Eingriffe in die Natur durch die nachträglichen Änderungen beim Grundwassermanagement sogar eher reduziert.

Dennoch kann Ihnen der neuerliche Verzug alles andere als recht sein, nachdem Sie durch die Schlichtung und den Stresstest bereits viel Zeit verloren haben.
Natürlich wollen wir mit dem Bauen jetzt loslegen. Aber unabhängig von dem Urteil sind ja beispielsweise der Abriss des Südflügels am Hauptbahnhof, aber auch die Versetzung und die Fällung von Bäumen im Schlossgarten oder die weiteren Arbeiten am Gleisvorfeld erlaubt. Ich bin also zuversichtlich, dass wir hier im neuen Jahr tatsächlich durchstarten können.

Gerade bei den Bäumen droht der Bund für Umwelt und Naturschutz aber mit der nächsten Klage – und sieht mit Verweis auf das jüngste Urteil gute Chancen. Sind wichtige Untersuchungen unterblieben?
Nein, das sehe ich anders. Hier gilt der Planfeststellungsbeschluss. Bevor wir einen rechtskräftigen Planfeststellungsbeschluss umsetzen, werden grundsätzlich umfassende artenschutzrechtliche Untersuchungen gemacht. Das trifft auch hier zu, und dem Eisenbahnbundesamt liegen diese Unterlagen auch vor. Weiterhin ist zu beachten, dass das Areal mit möglichen Juchtenkäferpopulationen nicht im Bereich des Mittleren Schlossgartens liegt, der für das Baufeld frei gemacht wird. Darüber hinaus hat sich die Bahn zuletzt sehr bemüht, die Zahl der zu fällenden Bäume noch einmal deutlich durch Anpassung der Arbeitsbereiche zu reduzieren. Sehr zu begrüßen ist das von Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster initiierte Bürgerforum zu den Bäumen. Jeder sach- und zielorientierte Dialog ist uns willkommen.

Rücken dann tatsächlich gleich nach den Weihnachtsferien die Bauarbeiter an?
Wir haben immer angekündigt, dass wir die Bauarbeiten von der zweiten Januarwoche an stark intensivieren wollen. An diesem Plan hat sich nichts geändert. Nach der Volksabstimmung sind wir an einem Punkt, an dem wir jetzt auch einmal richtig anfangen müssen.

Wie groß werden denn die Auswirkungen im Umfeld der Baustelle sein? Kommt es in diesem Stadium schon zur Sperrung der Straße entlang des Hauptbahnhofs zwischen Südflügel und Schlossgarten?
Den Südflügel des Bahnhofs werden wir – wie schon den Nordflügel – kontrolliert abtragen. Die Baumarbeiten finden ohnehin im Schlossgarten statt. Zu Straßensperrungen kann ich konkret noch nichts sagen. Da wird es verkehrsrechtliche Anordnungen geben. Und diese werden letztendlich gemeinsam mit der zuständigen Ordnungsbehörde entschieden.

Als Projektleiter sind Sie auch der Finanzmanager von Stuttgart 21. Wie gehen Sie mit den immer höheren Kosten um?
Davon kann, mit Verlaub, keine Rede sein. Stuttgart 21 ist über Jahre hinweg umfassend vorgeplant worden. Natürlich kann ich Ihnen heute nicht auf Heller und Pfennig sagen, wo wir am Ende einer rund zehn Jahre laufenden Baustelle landen, aber die Größenordnung unserer Prognosen stimmt. Niemand kann exakt vorhersehen, was am Ende tatsächlich sein wird. Da wir aber viele große Aufträge bereits vergeben haben, sind wir auf einem sehr gutem Weg, die Risiken werden naturgemäß geringer. Wir haben nach allem, was wir momentan wissen, die Kosten im Griff. Es gibt momentan keine Anzeichen, dass der Finanzierungsrahmen nicht ausreichend ist.

Viele Aufträge sind vergeben – bei wichtigen Tunnelbauten, etwa nach Feuerbach, hakt es aber. Sind die Firmen zu teuer?
Bei den Verhandlungen geht es um viel Geld, und natürlich wird da auch kräftig gepokert. Aber wir sind auf gutem Weg, die Aufträge bald vergeben zu können.

Mit vereinbarten Festpreisen?
Wir vergeben zu Festpreisen. Das heißt, dass wir mit den Firmen Verträge abschließen, die möglichst viele Risiken berücksichtigen. Wir bekommen so die bestmögliche Kostensicherheit.

Dabei ist in manchen Bereichen – etwa auf den Fildern beim Flughafen – noch nicht einmal der genaue Streckenverlauf abschließend geklärt. Das muss Ihnen doch Sorgen machen?
Es sind unzählige Varianten geprüft worden. Vor der Einleitung des Planfeststellungsverfahrens haben wir den Bürgern versprochen, sie mitzunehmen. Das werden wir auch tun. Am Ende wird die Variante umgesetzt, die die drei Kriterien – Notwendigkeit, Gleichbehandlung und Wirtschaftlichkeit – am besten erfüllt . . .

. . . und die auf bestehenden S-Bahn-Gleisen mitten durch Leinfelden-Echterdingen führt. Die Kritik daran ficht Sie nicht an?
Am Ende entscheidet darüber das Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde. Mag sein, dass im Zuge der anstehenden öffentlichen Erörterung neue und andere Vorschläge kommen. Dafür sind wir durchaus offen. Die genannten Abwägungskriterien bleiben aber immer gleich.

Wird denn der neue Bahnknoten überhaupt funktionieren, wenn man sich die eindrückliche Schnecken-Matrix mit vielen Langsamfahrstellen vor Augen führt, die die Projektgegner immer noch gerne zeigen?
Unsere Planer können sehr gut trassieren. Man kann immer mehr Gleise einplanen, die Frage ist aber, wie sinnvoll eine überdimensionierte Infrastruktur ist und wer diese bezahlen soll. Gehen Sie aber einmal davon aus, dass wir als Wirtschafts- und In­frastrukturunternehmen nichts bauen, was am Ende nicht funktioniert. Das wäre doch wirklich blanker Unsinn.

Nun sind Sie ein halbes Jahr im Amt. Haben Sie den Schritt bereut?
Nein, zu keinem Zeitpunkt! Immerhin ist Stuttgart 21 das einzige Projekt, das ich bisher betreut habe, das direkt vom Souverän, dem Volk, bestätigt worden ist. Bautechnisch ist die Neuordnung des Bahnknotens anspruchsvoll, da die geografische Lage von Stuttgart nicht alltäglich ist. Das mit der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm zusammen anzugehen ist für mich als Projektleiter eine besondere Herausforderung.

Wir hatten eher an die emotionale Seite gedacht, mit der Stuttgart 21 verbunden ist.
Natürlich ist es in manchen Phasen extrem. Und ich finde es in der Tat schade, dass es oftmals an Sachlichkeit fehlt. Mit der Volksabstimmung hat sich aber deutlich spürbar ein Stimmungswandel vollzogen. Wir erhalten sehr viel Zuspruch. Und da hoffe ich, dass wir im neuen Jahr noch richtig Schwung bekommen. Ehrlich: bei Stuttgart 21 und der Neubaustrecke nach Ulm können wir zeigen, was deutsche Ingenieurkunst ausmacht. Und die Baden-Württemberger können verdammt stolz darauf sein, was hier gebaut wird.

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