Interview mit Turnheld Fabian Hambüchen „Da schwillt mir der Kamm“

Turnstar Fabian Hambüchen zu Gast in unserer Redaktion – ein Mann der klaren Worte Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

Turnstar Fabian Hambüchen spricht über die WM in Stuttgart, seine Oma als sportliches Vorbild, die Probleme der deutschen Männer – und die in seinen Augen teils lasche Einstellung des Nachwuchses.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart - Fabian Hambüchen hat viel zu erzählen bei seinem Besuch in der Redaktion unserer Zeitung. Der deutsche Turnheld und Olympiasieger von 2016 in Rio de Janeiro ist offizieller Botschafter der Weltmeisterschaft in der Stuttgarter Schleyerhalle (4. bis 13. Oktober) – und zeigt als solcher wie gewohnt eine klare Kante zu den aktuellen Themen rund um seinen Sport.

 

Herr Hambüchen, haben Sie eigentlich ein sportliches Vorbild?

Da fällt mir spontan meine Oma ein. Sie geht mit ihren 92 Jahren noch viermal in der Woche zur Wassergymnastik – als Kursleiterin. Die ist noch immer total fit und erzählt mir dann manchmal, dass sie die Jungen mal wieder getriezt hat. Die sind dann 70 oder 80 Jahre alt.

Bei der WM in Stuttgart sind die Athleten etwas jünger – wie groß ist die Vorfreude auf die Weltmeisterschaften vom 4. bis 10. Oktober beim offiziellen Botschafter?

Riesig! Wie schon 2007 bei der letzten WM in Stuttgart wird die Stimmung in der Schleyerhalle sicher wieder grandios sein, ich bekomme jetzt schon Gänsehaut, wenn ich daran denke.

2007 holten Sie am Reck den WM-Titel – welche Erinnerungen kommen Ihnen da spontan in den Sinn?

Das war neben meinem Olympiasieg 2016 der wichtigste und emotionalste Titel meiner Karriere. Als ich meine Übung geturnt habe, war die Halle mucksmäuschenstill, dann ist alles eskaliert nach meinem Abgang, die Halle ist komplett explodiert. Das war atemberaubend.

Nun, zwölf Jahre später, haben die deutschen Männer in Stuttgart keine reellen Medaillenchancen bei der Heim-WM. Was lief da schief in der Zwischenzeit?

Einiges. Das Grundproblem ist, dass es im deutschen Turnsport kaum Anreize gibt, den Trainerjob auszuüben. Und wo keine qualifizierten Trainer sind, gibt es irgendwann auch keinen nachrückenden Nachwuchs mehr. Es sind in den vergangenen Jahren viele Trainer gekommen und dann schnell wieder gegangen.

Warum ist das so?

Es gibt keine Job-Sicherheit und kaum finanzielle Anreize. Ein Kumpel von mir ist jetzt Trainer in Österreich– dort hat er einen Zehnjahresvertrag bekommen. Hier hat man ihm einen Vertrag über ein halbes Jahr angeboten. Das ist ein Praktikum – und damit ein schlechter Witz.

Lesen Sie hier: Darum verpasst Marcel Nguyen die WM in Stuttgart

Läuft das im Ausland generell besser?

Definitiv. In Japan zum Beispiel ist es so üblich, dass ehemalige Spitzenturner vom Verband aktiv angesprochen werden mit Blick auf eine spätere Trainertätigkeit. Bei uns braucht man das meist gar nicht zu machen – weil man den Athleten keinen ernsthaften, adäquat bezahlten Job bieten kann.

Das deutsche Männer-Turnen feierte mit Ihnen an der Spitze über Jahre große Erfolge. Warum konnte man das Level nicht halten?

Das ist für mich auch nicht so ganz zu begreifen. 2012 etwa haben wir bei den Olympischen Spielen in London drei Silbermedaillen gewonnen (zwei durch Marcel Nguyen, eine durch Hambüchen, Anm. d. Red.). Man war quasi auf dem Höhepunkt – und dann wurde uns vom Deutschen Turner-Bund ein Jahr später mitgeteilt, dass man keine Prämien mehr auszahlen könne, weil die Sponsoren abgewandert sind. Ja geht’s noch? Da muss doch alles schief gelaufen sein!

Hat es Sie auch im Zuge der Männertalsohle eigentlich noch mal irgendwann gejuckt in den Fingern, hat Sie ein Comeback gereizt mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio?

Wenn ich ehrlich bin – ja! Wir haben vor ein paar Wochen die WM-Medaillen für Stuttgart präsentiert, da hatte ich die neuen und meine Plakette von 2007 in der Hand. Danach hat es sofort gekribbelt. Ich habe in den Tagen danach mal wieder mehr trainiert und gemerkt, dass da einiges gehen könnte.

Und dann?

Bin ich mit meinem Vater die Qualifikations-Kriterien für Tokio durchgegangen. Die Formalien schreiben vor, dass ich erst von März an wieder bei offiziellen Wettkämpfen startberechtigt gewesen wäre – ich hätte mich aber noch über drei Weltcups qualifizieren müssen. Und so viele gibt es von da an gar nicht mehr bis Tokio. Also haben wir die Pläne schnell wieder verworfen.

Hätten Sie sich denn eine Rückkehr auf absolutem Top-Niveau zugetraut?

Geben Sie mir drei Monate Training, und ich bin wieder auf Top-Level. Aber es ist jetzt gut so, wie es ist. Es hätte insgesamt wohl nicht allzu viel Sinn gemacht – denn wie kann man denn schöner abtreten als ich, mit dem Olympiasieg 2016? Wenn ich in Tokio nicht gewonnen hätte, wäre es in der öffentlichen Wahrnehmung gleich eine Klatsche gewesen, so ist das im Sport.

Stichwort Rio – wo steht eigentlich Ihr Original- Wettkampf-Reck von den Spielen, das der Hersteller wie versprochen zu Ihnen in die Heimat verschifft hat?

In der Halle daheim in Wetzlar. Es ist auch jeden Tag im Training im Einsatz, auch ich hänge noch recht oft dran, wenn ich mal wieder ein bisschen trainiere – bis es aber mal so weit war, hat es ein bisschen gedauert.

Erzählen Sie!

Na ja, nach den Spielen in Rio war es zunächst offen, ob es die Brasilianer behalten oder nicht. Dann gab es grünes Licht für mich – dann aber hat der brasilianische Zoll gestreikt, und erst kurz vor Weihnachten 2016 bekam ich die Nachricht, dass das Reck per Containerschiff bald in Antwerpen ankommt. Auch im Zuge dessen musste es noch unzählige Male verzollt werden, und dann ist das Ding irgendwann endlich angekommen.

Ihre Goldmedaillengewinn von Rio ist also stets präsent im Alltag – wie oft schauen Sie sich eigentlich noch Ihre Gold-Übung von 2016 an?

Ich habe daraus ein Ritual gemacht – an jedem Jahrestag am 16. August pfeife ich mir mit meinen Eltern die DVD rein, es ist eine Stunde Material darauf mit Vorberichten, dem Wettkampf und Interviews und Emotionen danach, das hat mir der SWR zusammengeschnitten.

Haben Sie mit Ihrem Olympiasieg eigentlich finanziell ausgesorgt?

Spiele ich Fußball beim VfB Stuttgart, oder was? (lacht) Nein, das habe ich nicht. Ich habe ein Haus daheim in Wetzlar bauen können, aber ich werde künftig ganz normal wie jeder andere auch arbeiten müssen.

Welche Optionen gibt es?

Ich habe mit meinem Management drei Säulen erstellt. Trainer, Fernsehbereich mit Moderation oder Wirtschaft. Es gibt viele Optionen, festlegen möchte ich mich gerade noch nicht. In Tokio werde ich nächstes Jahr zum Beispiel TV-Experte sein. Und ich werde bald meinen Bachelor in Sportwissenschaften in der Tasche haben.

Was reizt Sie am Trainerjob – und wo liegen die Schwierigkeiten?

Kindern und Jugendlichen den Sport näher zu bringen und sie vielleicht an die Spitze zu führen ist an sich schon mal eine tolle Aufgabe. Aber die heutige Nachwuchsgeneration tickt anders als meine. Ich hatte immer den unbedingten Willen und den Ehrgeiz, als 15- oder 16- Jähriger den Alten schon den Rang abzulaufen und besser zu sein. Das sehe ich bei vielen heute nicht mehr. Da fehlt oft der Biss und das Feuer in den Augen.

Warum?

Na ja, früher hatte jeder Bock auf Training – fünf, sechs Tage die Woche, vier Stunden am Tag. Jeder wollte immer besser werden. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass die Instagram-Story wichtiger ist als das Training selbst. Und wenn ich schon höre, dass jemand als Berufswunsch Influencer oder Youtuber ausgibt, dann schwillt mir der Kamm.

Lesen Sie hier: Darum traf Fabian Hambüchen auf Winfried Kretschmann

Ist die heutige Jugend, vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt, zu verweichlicht?

Im Vergleich zu meiner Generation definitiv. Das hat auch oft mit den Eltern zu tun, die sich oft gleich beschweren, wenn ihr Kind mal kritisiert wird oder sich auch mal quälen muss im Training. Dann heißt es oft nur: „Oh, mein armes Kind.“ Dabei gehört ein bisschen Schinderei immer dazu.

Sie haben sich auch beim Thema Zentralisierung im Spitzensport immer klar positioniert und dafür plädiert, fähige Athleten nicht immer aus Ihrem Umfeld herauszureißen. Warum?

Es kann für mich nicht sein, dass man jemandem immer vorschreibt, wo er zu trainieren hat. Warum kann man nicht in der Heimat Spitzenleistungen erbringen – und nur in den Leistungszentren und Stützpunkten? Zentralisierung ist an sich nichts Schlimmes – aber ich bin auch für eine dezentrale Förderung, wenn sie angemessen ist. Und dafür, dass man auf die individuellen Bedürfnisse der Athleten eingeht und sie im Zweifel nicht dazu zwingt, in Zentren umzuziehen.

Vom 4. bis 13. Oktober werden Sie nichts gegen eine Zentralisierung haben – Stuttgart wird während der WM das Epizentrum der Turnwelt sein. Auf wen darf sich das Publikum denn am meisten freuen in der Schleyerhalle?

Auf den Superstar Simone Biles – und auf meinen alten Reck-Kumpel Epke Zonderland natürlich. Und auf jedes einzelne Finale, weil das einfach immer hoch spannend ist und immer alles passieren kann.

Wo gibt es deutsche Medaillenchancen?

Lokalmatadorin Elisabeth Seitz hat Chancen an ihrem Paradegerät, dem Stufenbarren. Ebenso Sophie Scheder am selben Gerät, dazu kommt Sarah Voss am Schwebebalken.

Sie werden bei der WM nicht mehr als aktiver Turner in der Halle sein, sind aber jeden Tag auf etlichen Terminen eingespannt und werden die WM zudem auch als TV-Experte verfolgen – wie sieht eigentlich das private Sportprogramm des Ex-Athleten Fabian Hambüchen aus?

Ich gehe gerne zum Pumpen in den Keller. Ich habe mir daheim eine kleine Muckibude eingerichtet, unterwegs mache ich das gerne mal im Hotel. Eine halbe Stunde reicht mir da meist, ein bisschen ballern, ab unter die Dusche, und weiter geht’s. Und ich bin natürlich immer noch gern in der Turnhalle und mache meine Übungen.

Und was macht Ihr Sixpack, gibt’s den noch?

Den gibt es noch, allerdings nicht mehr so staubtrocken wie früher (lacht). Ich habe ein bisschen an Masse zugelegt. Früher, zu aktiven Zeiten waren es 62 Kilogramm, jetzt sind es 70. Ich finde aber, dass ich jetzt besser aussehe (lacht).

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Video Turnen