Ulrich Tukur spielt Tatort-Kommissar „Es gibt so viel Larifari auf den Kanälen“

Der Schauspieler, Musiker und Autor Ulrich Tukur in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks. Foto: picture alliance/dpa/Arne Dedert

Am Beginn seiner Karriere war der Schauspieler Ulrich Tukur vor allem auf der Theaterbühne zu erleben. Heutzutage ist der 63-Jährige regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Beinahe 20 Jahre hat er in Venedig gelebt, vor einiger Zeit hat es ihn nach Berlin gezogen.

Stuttgart - Mag er als Tatort-Kommissar auch das Publikum spalten – als Schauspieler gehört Ulrich Tukur (63) fraglos zu den ganz Großen im Land. Im Interview sprechen wir über seine Abneigung gegen Motoren, den Tinnitus, unter dem er seit sieben Jahren leidet, seinen Fortgang nach 20 Jahren in Venedig.

 

Herr Tukur, die „Tatort“-Folgen mit Ihnen als Kommissar Murot irritieren regelmäßig viele Fernsehzuschauer. Was sagen Sie dazu?

(Lacht) Die Kunst, es einem jeden recht zu machen, ist eine Kunst, die keiner versteht. Das Schöne an den „Tatorten“, die ich für den Hessischen Rundfunk machen darf, besteht ja darin, dass die verantwortlichen Redakteure Qualität über Quote stellen, und das schätzen und lieben solche Menschen, die gerne auch mal gefordert werden. Andere lehnen es eben brüsk und empört ab. Es gibt so viel Larifari auf den Kanälen, und viele Fernsehmacher servieren diesen Einheitsbrei, um Quote zu machen. Das ist nicht nur geistige Körperverletzung, sondern unterschätzt auch sträflich den Zuschauer, der bei Weitem nicht so debil ist wie der Mist, den er sich ansehen soll.

Sie fahren im „Tatort“ einen Ro 80 mit dem Nummernschild WI – UT 81. WI für Wiesbaden ist klar, UT für Ulrich Tukur auch. Aber wofür steht die 81?

Gute Frage. 1981 habe ich meinen ersten Film gedreht, mit 81 bin ich in Gelnhausen gestorben, ich habe noch 81 Euro auf dem Konto. Sie können es sich aussuchen. Aber dass Murot ein Anagramm ist, wissen Sie sicher – der Name steht eigentlich für Tumor.

Ansonsten haben Sie es nicht so mit Autos, oder?

Ich bin kein Fan von Motoren, die sind mir zu laut. Ich mag nichts, was sich bewegt und Krach macht. Ich mag keine Flugzeuge, keine Rasenmäher, keine Motorräder, Panzer und auch keine Staubsauger. Meine Frau und ich besitzen zwar ein Auto, aber ich fahre nicht gern. Und wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, verzichte ich aufs Flugzeug und nehme den Zug, das habe ich auch schon vor der Pandemie getan. Innerhalb Deutschlands fliege ich überhaupt nicht. Es ist genauso idiotisch, von Berlin nach München zu fliegen wie von Hamburg nach Hannover.

Apropos Lärm: Vor ein paar Jahren hat Ihnen ein Tinnitus zu schaffen gemacht. Hat sich das gebessert?

Nein, wenn man ihn kriegt, dann bleibt er, in der Regel ist das nicht mehr zu reparieren. Es fing vor sieben Jahren an, aber im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Das ist etwas, mit dem man leben muss. Und wenn man es akzeptiert, kriegt man das auch ganz gut hin.

Wie lernt man, mit einem ständigen Ton im Ohr umzugehen?

Ich höre es wirklich nur, wenn es um mich herum still ist. Bei Lärm oder wenn wir uns nur miteinander unterhalten, dringen Schallwellen ins Ohr, die den Tinnitus abschalten. Ist es still, brummt mein Kopf wie ein altes Röhrenradio. Irgendwann habe ich mir dann ein Bild zurechtgelegt: Vor acht Jahren lebte ich in einem schönen Haus an einem idyllischen See – alles war wunderbar. Jetzt lebe ich immer noch dort, nur hat man in einer Entfernung von zwei Kilometern eine Autobahn gebaut. Ich habe zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder ich werde richtig wütend: alles schrecklich, Unverschämtheit, Wertminderung meines Anwesens, ich hasse es – dann wird die Autobahn immer lauter. Oder ich sage mir: Mensch, ist doch gar nicht so schlecht, es gibt ganz in der Nähe eine Auffahrt, da kann ich schnell mal nach Hamburg oder Berlin fahren. Dann werden Sie die Autobahn bald nicht mehr hören.

Aber nachts, wenn man schlafen will, ist es ja immer still. Dann hören Sie doch die Autobahn wieder.

Ja, das hat mich anfangs auch wirklich gestört. Ich habe mir dann einen unter Garantie in China gefertigten Apparat ins Schlafzimmer gestellt, der verschiedene Geräusche abspielen konnte: Meeresbrandung, Regenwald, Gewitter oder einen munter dahinfließenden Waldbach. Nach einer Weile war mir das dann zu blöd. Ich gewöhnte mich an den Mann im Ohr, es wurde mir egal und allmählich immer leiser.

Sie haben beinahe 20 Jahre in Venedig gelebt.

Ja, ich bin 1999 nach Venedig gezogen, um eine in die Brüche gegangene Liebesgeschichte zu retten, was mir auch gelang. Das erste Jahr war schrecklich, ich sprach kein Wort Italienisch, nichts funktionierte, und die schönste aller Städte zeigt dir erst einmal die kalte Schulter, denn du bist ja auch nur einer dieser unzähligen Zugvögel, die vorbeiflattern. Man muss sich Venedig erarbeiten, es ist ein riesiges Bühnenbild, das bespielt werden will. Wir haben unsere Wohnung dann im September 2019 kurz vor der letzten Hochwasserkatastrophe wieder verkauft. Nach 20 Jahren war es Zeit zu gehen, aber es waren die schönsten Jahre meines Lebens, die ich nicht missen will

Mochten Sie denn die Vaporetti, diese Fährboote, die durch Venedig fahren?

Natürlich, Sie können ja nicht ständig Gondel fahren oder durch den Kanal schwimmen. Es ist nach den Motoscafi die schnellste Art, die Stadt zu durchqueren. Der Fahrplan wird oft nicht eingehalten und, wenn man zur Fermata geht, legt das Vaporetto in der Regel gerade ab. Der öffentliche Personenverkehr ist in Venedig stark entschleunigend.

Warum sind Sie fortgegangen?

Ein erster Wohnsitz in Italien treibt Sie in den Wahnsinn, der Staat mit seiner surrealen Bürokratie ist dysfunktional und ruiniert jedem Mittel- und Nordeuropäer auf Dauer die Nerven. So hinreißend Land und Leute auch sind, man sollte es bei einem Ferienhaus belassen.

Immerhin hatten Sie in Venedig einen berühmten Nachbarn: Elton John.

Kaum waren wir da, kaufte er sich ein Haus auf der Giudecca, etwa 500 Meter weiter die Fondamenta hinunter. Ich habe ihn nur ein einziges Mal dort gesehen. Das war ganz am Anfang. Er gab eine Party mit amerikanischen Filmstars und anderen Berühmtheiten, ich glaube, auch Mick Jagger war da. Alle wollten hin, aber ein paar robuste Türsteher verhinderten das. Ich sah die illustre Gesellschaft also nur als Schattenspiel hinter den hohen Fenstern seines kleinen Palazzos.

Haben Sie es eigentlich genossen, dass Sie auf der Straße dort nicht jeder Zweite erkannt?

Italiener treten einem mit Charme, Höflichkeit und einer geradezu kindlichen Neugier entgegen. Es ist ihnen egal, ob man berühmt ist oder nicht, man wird nicht beurteilt, aber man muss schon „bella figura“ machen, um diesen Vertrauensvorschuss nicht zu verspielen. Im Jahr bevor ich nach Venedig kam, habe ich in einer Rolle als psychopathischer Killer auf Tobias Moretti aus der Serie „Kommissar Rex“ geschossen. „Kommissar Rex“ war in Italien außergewöhnlich erfolgreich, und ich wurde auf der Straße öfter als Mörder von Commissario Rex beschimpft. Da war ich dann auf eine gewisse Weise populär (lacht).

Sie und Ihre Frau haben sich ein Hintertürchen offen gelassen und trotz Ihres neuen Wohnsitzes eine kleine Wohnung in Venedig behalten.

Ja, wir wollten Italien nicht ganz verlassen. Ich liebe die Kultur, das Land und die Menschen dort, und 20 Jahre sind eine lange Zeit. Seit einem Jahr leben wir nun in Berlin, aber ich bin noch nicht so richtig angekommen. Mir fehlt die Helligkeit des Südens. Deutschland ist ein funktionales Land, es ist mein Vaterland, die meisten meiner Freunde leben hier, aber ich schwebe immer noch in der Luft, irgendwo über den Alpen. Es dauert immer eine Weile, bis man an einem neuen Ort ankommt.

Sie haben ja auch noch einen Bauernhof in den Apenninen.

Das machte natürlich vor allem Sinn in Kombination mit unserem Wohnsitz in Venedig, denn die Sommermonate dort sind so heiß und schwül, dass man es in der Stadt kaum aushält. Viele Venezianer flüchten dann in die Berge, um sich abzukühlen und durchzuatmen. Jetzt, wo wir das Land verlassen haben, frage ich mich natürlich: Was soll ich mit einem 40 Hektar großen Bauernhof, wenn ich nicht mehr da bin?

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