Interview mit US-General Carter Ham „Sie sind überaus gefährlich“

General Carter Ham beim Interview in den Kelley Barracks. Foto: Achim Zweygarth
General Carter Ham beim Interview in den Kelley Barracks. Foto: Achim Zweygarth

Der US-General Carter Ham, Kommandeur der amerikanischen Truppen in Afrika, warnt im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung vor neuen terroristischen Netzwerken.

Stuttgart - Von Stuttgart aus haben die USA den Beginn des Libyeneinsatzes koordiniert, von hier aus unterstützen sie die afrikanischen Staaten beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Seit März 2011 hat der Viersterne-General Carter Ham das Sagen im Afrikahauptquartier der US-Truppen in den Möhringer Kelley Barracks. Im Interview warnt er vor neuen terroristischen Gefahren und schildert die Jagd auf den ugandischen Warlord Joseph Kony.


General Ham, Sie sind fast auf den Tag genau ein Jahr Oberkommandierender von Africom, seither reisen Sie als eine Art Militärdiplomat durch Afrika, um politische und militärische Führer zu treffen. Was haben Sie in diesem Jahr gelernt?
Ich glaube, ich bin in 31 der 54 afrikanischen Staaten gewesen und habe dabei eine ganze Menge gelernt. Zuerst, dass es mindestens 54 unterschiedliche Weisen gibt, ein Problem anzugehen. Den einen afrikanischen Weg gibt es nicht. Nach einem Jahr beginne ich zu verstehen, wie viel ich nicht über Afrika weiß. Doch der Optimismus der Verantwortlichen, egal ob militärisch oder zivil, hat mich beeindruckt. Sie sind mit großen Herausforderungen auf dem Gebiet der Sicherheit konfrontiert, aber sie gehen es an. Wenn wir dazu einen kleinen Beitrag leisten können, ist es eine gute Sache.

In den letzten Tagen macht weltweit ein Videoclip Furore, in dem es um einen der grausamsten Militärführer Afrikas geht: den Ugander Joseph Kony. Er hat während des Bürgerkriegs Zehntausende Kinder als Soldaten rekrutiert, sie misshandelt und missbraucht. Die Kampagne, die hinter dem Film „Kony 2012“ steht, fordert die Festnahme dieses Warlords und seine Überstellung an den Internationalen Strafgerichtshof. Hätten Sie mit einer solchen Aufmerksamkeit für ein afrikanisches Thema gerechnet?
Der Film hat mittlerweile mehr als 70 Millionen Klicks auf Youtube. Diese Dimension der Reaktionen ist in der Tat überraschend. Ich habe den Film auch gesehen, es ist eine wirklich fesselnde Geschichte, aber sie ist nicht neu: Kony hat viele Tausend Menschen ermorden, vergewaltigen oder entführen lassen. Seine Leute sind für die Vertreibung Hunderttausender während des mehr als zwanzigjährigen Bürgerkriegs verantwortlich. Sie sind über einen so langen Zeitraum mit beispielloser Brutalität vorgegangen – und einige von ihnen sind noch heute aktiv.

Sind Sie als Africom-Chef eher froh oder besorgt über den politischen Druck, den die große Resonanz auf diesen Film erzeugt? Die Menschen erwarten nun Taten.
Nicht besorgt. Wir unterstützen die Regierungen der vier Staaten, die am meisten von Konys Machenschaften betroffen sind, seit vielen Jahren. Ein amerikanisches Gesetz verpflichtet uns zur Unterstützung der Afrikanischen Union bei der Suche. Deshalb sind auch US-Militärberater in Uganda im Einsatz.

Warum ist es so schwierig, diesen Mann und seine Helfer aufzuspüren?
Es geht darum, eine sehr kleine Anzahl von Menschen in einem riesigen Gebiet zu finden, dass sich über mehrere Staaten erstreckt: neben Uganda auch die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und Südsudan. Es ist eine schwer zugängliche und schwach entwickelte Region: wenige Straßen, schlechte Kommunikationsmöglichkeiten. Kony und seine Leute sind gut mit diesen Gegebenheiten vertraut, sie können aus diesem Rückzugsraum sehr effektiv operieren. Das ist eine schwierige Mission, doch ich bin zuversichtlich, dass unsere afrikanischen Partner erfolgreich sein werden.

Unterstützen Sie die Afrikaner auch mit Kampfeinheiten?
Nein, es ist uns untersagt, an gezielten Operationen teilzunehmen. Unsere Rolle besteht darin, die afrikanischen Einsatzkräfte auszubilden und zu beraten. Was die USA in diese Zusammenarbeit vor allem einbringen können, ist nachrichtendienstliche Aufklärung sowie Unterstützung bei Logistik und Kommunikation. Die Länder wissen diese Hilfe zu schätzen, sie weiten ihre Bemühungen kontinuierlich aus, um Kony und seine Gefolgsleute zu finden und der Justiz zu übergeben.

Eine andere Herausforderung für die US-Streitkräfte und ihre afrikanischen Partner ist die Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Mit welchen Gruppen sind sie dabei vor allem konfrontiert?
Unser Fokus liegt auf drei Organisationen: den Al-Schabab-Milizen in Somalia, Al-Kaida im islamischen Maghreb und der Boko-Haram-Sekte in Nigeria. Alle drei sind überaus gefährlich. Was mich am meisten besorgt, ist der zunehmende Grad der Kooperation zwischen einzelnen extremistischen Gruppierungen. Alle drei genannten Gruppen pflegen Kontakte zum Al-Kaida-Netzwerk in Afghanistan und Pakistan, das geht bei Boko Haram und Al-Kaida im Maghreb bis hin zu finanzieller und militärischer Förderung. Für Al-Schabab liefert das Netzwerk zumindest die Inspiration, den ideologischen Überbau.

Sie bekämpfen auch diese Terroristen nicht unmittelbar mit eigenen Truppen. Was ist Ihr Job?
Wir halten es für das beste, wenn die afrikanischen Länder in die Lage versetzt werden, sich selbst diesen Bedrohungen zu stellen. Dabei sind militärische Operationen neben wirtschaftlichen und politischen Schritten nur ein Weg, um Extremismus einzudämmen. Unsere Arbeit besteht darin, den afrikanischen Truppen – die uns um Hilfe gebeten haben – zur Seite zu stehen: Wir arbeiten mit den Sicherheitskräften vor Ort, stellen ihnen militärische Ausrüstung zur Verfügung und bilden sie aus, damit sie imstande sind, es mit den Extremisten aufzunehmen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Ausbildung ugandischer und burundischer Truppen in ihren Heimatländern, die unter dem Mandat der Afrikanischen Union erfolgreich gegen Al-Schabab in Somalia kämpfen. Wir glauben, das ist eine bessere Rolle für uns als eine große US-Militärpräsenz.

Wie schätzen Sie den Einfluss ein, den Al-Kaida heute in Libyen besitzt?
Wir haben Hinweise darauf gesehen, dass sich führende Al-Kaida-Mitglieder einen Vorteil aus dem Fall des Gaddafi-Regimes in Libyen versprachen. Der Übergangsprozess, in dem sich die neue Führung erst etablieren muss, birgt natürlich Gefahren und Schwachstellen. Aber es gibt bis heute keinen konkreten Beweis dafür, dass Al-Kaida-Terroristen in großem Stil im Land aktiv geworden wären.

Dennoch droht das Land zu zerbrechen.
Ich sehe diese Gefahr und will sie nicht kleinreden. Es ist eine große Herausforderung, die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Strömungen unter die Kontrolle einer Zentralregierung zu stellen. Dennoch bin ich optimistisch, dass es gelingen wird. Man muss sehen, wo das Land herkommt: Libyen wurde mehr als 40 Jahre von einer Person beherrscht. Regierungs- und Verwaltungsorgane, die wir als selbstverständlich erachten, existieren dort nicht. Die Libyer starten in vielerlei Hinsicht von vorne, das braucht Zeit. Doch ich sehe positive Signale. Es gibt einen guten Plan mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft neue Institutionen aufzubauen und ein funktionierendes politisches System zu schaffen. Die vom Ausland freigegebenen Gelder werden schon heute in Jobprogramme investiert.

Sie selbst und Ihre Soldaten waren maßgeblich am internationalen Militäreinsatz in Libyen im letzten Jahr beteiligt. Die Operation hat zum Ende einer Diktatur geführt und war – aus soldatischer Sicht – wohl effektiv. Auf der anderen Seite sind bis zu 30 000 Menschen ums Leben gekommen, Tausende werden noch immer vermisst. Wie lautet Ihr Fazit: Ist alles gut gelaufen oder müssen Sie auch Fehler einräumen?
Nichts ist einfach nur gut. Wann immer ein militärischer Einsatz gestartet wird, führt dies zu Tod und Zerstörung. Was mich in Tripolis beeindruckt hat, war die Präzision der Luftschläge. Darüber wurde viel gesprochen. Doch es ist etwas anderes, mit eigenen Augen zu sehen, wie ein militärischer Komplex komplett zerstört wurde und ein Wohnkomplex in unmittelbarer Nähe keinen Kratzer abbekommen hat. Mir ist bewusst, dass es auch zivile Opfer durch die Lufteinsätze gegeben hat. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Mission zum Schutz der Zivilisten begonnen wurde, die Gaddafi „wie Ratten jagen und auslöschen“ wollte. Ohne die Unterstützung durch die Nato hätte sich der Konflikt länger hingezogen und die Opferzahlen wären höher gewesen. Für mich steht außer Frage, dass der Einsatz im Einklang mit dem Mandat der Vereinten Nationen gestanden hat.

Wenn sie den Libyeneinsatz bewerten und die Kriege im Irak und in Afghanistan einbeziehen: Was kann militärisch erreicht werden? Wo liegen die Grenzen eines Militäreinsatzes?
Es gibt eine Menge, was erreicht werden kann. In Situationen wie diesen, genau wie beim Antiterrorkampf in Afrika, ist das Militär ein unerlässlicher, aber kein allein entscheidender Faktor einer übergeordneten Strategie. Es gibt Aufgaben, die können nur durch Soldaten erreicht werden. Doch nur wenig, vielleicht sogar gar keine Einsätze können ausschließlich militärisch vollendet werden. Unsere Rolle ist es, Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten. Nachhaltigere Wirkung haben Aspekte wie gute Regierungsführung, Gesundheitsfürsorge, Bildung oder wirtschaftliche Entwicklung.

Sie waren selbst im Irak, wo US-Soldaten ähnlich wie heute in Afghanistan häufig als Besatzer wahrgenommen wurden. Sie stoßen auf Misstrauen, ja sogar Hass. Was erwarten Sie da von Ihren Soldaten?
Wir alle haben eine Verantwortung als Repräsentanten der USA in Afrika. Zuerst müssen wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden und dann unseren afrikanischen Partnern die Bedeutung dieser Nor­men verdeutlichen. Wir helfen ihnen, die professionellen Sicherheitskräfte zu werden, die sie sein wollen. Sie müssen nicht nur in technischer und taktischer Hinsicht kompetent sein, sondern auch Gesetze und Menschenrechte achten und sich selbst nicht als Instrument eines politischen Führers, sondern als Beschützer der Zivilbevölkerung sehen und auch so verhalten. Das ist in Afrika nicht immer der Fall.

Es gibt starke Kräfte in Washington, die das Africom-Hauptquartier in die Vereinigten Staaten holen wollen. Werden sich diese Kräfte durchsetzen?
In der Tat läuft gerade eine Untersuchung darüber, ob Africom in Stuttgart bleibt oder verlegt wird. Was ich sagen kann, ist, dass wir uns in Stuttgart sehr wohlfühlen. Es ist ein guter und sicherer Platz für die Soldaten, die zivilen Mitarbeiter und ihre Familien. Aus operationeller Sicht ist es sehr hilfreich in einer Stadt mit einem internationalen Flughafen zu sein, an den zudem ein Militärflughafen angeschlossen ist. Auch die Tatsache, dass wir in der gleichen Zeitzone wie die meisten afrikanischen Länder sind, macht die Kommunikation einfacher. Ich weiß nicht, wie die Sache ausgeht, aber ich glaube, es wird bald eine Entscheidung geben.
 

Zur Person

General Carter Ham ist Befehlshaber der für Afrika zuständigen US-Streitkräfte (United States Africa Command). Auf der Liste der Staaten, in denen er seit 1976 gedient hat, stehen unter anderem Saudi-Arabien, Katar, Mazedonien, Irak und Italien. Eine weite Distanz mussten er und seine Frau Christi bei ihrem bisher letzten Umzug nach Stuttgart nicht überwinden: Bis März 2011 befehligte der 60-Jährige die 7. US-Armee in Deutschland, die ihr Hauptquartier in Heidelberg hat. Ham hat die Führung bei Africom am 9. März 2011 von General William „Kip“ Ward übernommen. Ward war der erste Kommandeur der US-Streitkräfte für Afrika. Unter seiner Führung wurde der Standort in den Möhringer Kelley Barracks 2007 aufgebaut. .




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