Interview mit Werner Dinkelaker Die Böblinger Brauerei trotzt der Krise
Die Schönbuch-Braumanufaktur hat 2022 so viel Bier gebraut wie noch nie in den vergangenen 199 Jahren.
Die Schönbuch-Braumanufaktur hat 2022 so viel Bier gebraut wie noch nie in den vergangenen 199 Jahren.
Herr Dinkelaker, die Energieprobleme weiten sich zur Krise aus, die Inflation schlägt zu, die Leute haben weniger Geld in der Tasche. Auch die Brauereibranche ächzt unter diesen Bedingungen und es ist von Existenzproblemen zu hören. Muss man sich um die Schönbuch-Braumanufaktur Sorgen machen?
Es gibt in der Tat Existenznöte in der Branche. Aber um uns braucht man sich keine Sorgen machen. Wir spüren beim Absatz nichts von der Krise. Im Gegenteil: So viel Bier wie wir im Jahr 2022 gebraut haben, haben wir in unserer 199-jährigen Geschichte noch nie gebraut. Die Nachfrage nach unserem Weihnachtsbier ist zum Beispiel gerade so groß, dass wir einen Sud mehr als geplant brauen. Das sind 1400 Kisten zusätzlich.
Wo liegen die Ursachen für den Erfolg?
Wir haben immer unsere Hausaufgaben gemacht und unsere technischen Anlagen auf dem Laufenden gehalten. Wir planen gerade eine große Photovoltaik-Anlage, durch die wir unseren Fremdstrombezug erheblich reduzieren können. Diese wollen wir nächstes Jahr in Betrieb nehmen. Ganz wichtig sind auch unsere Mitarbeiter. Alles Top-Leute, auf die wir sehr stolz sind, die wir gut bezahlen und die uns seit vielen Jahren treu bleiben. Und wir versuchen immer ganz nah bei unserer Kundschaft und den Rohstoff-Lieferanten zu sein. Diese Partnerschaften pflegen wir persönlich. Das funktioniert nur, weil wir an unserer Schornstein-Philosophie festhalten. Unsere Biere vertreiben wir nur im Umkreis von 30 Kilometern. Bei all den positiven Entwicklung gibt es leider auch ein „Aber“.
Aus was besteht dieses „Aber“?
Aus den exorbitant steigenden Kosten. Wir haben im Vergleich zum vergangenen Jahr einen Anstieg von rund 40 Prozent zu verzeichnen.
Also wird das Bier teurer?
Das Bier muss teurer werden. Bier soll aber auch bezahlbar bleiben. Wir werden im Frühjahr den Preis daher moderat erhöhen. Wir müssen aber auch an unsere Mitarbeiter und Lieferanten denken. Denn diese wollen wir auch weiterhin fair behandeln. Diese Balance wollen wir auch in Zukunft halten. Ich glaube aber, dass die Energiepreise auch irgendwann wieder fallen werden.
Haben Sie keine Angst, dass die Leute auf ihr Bier verzichten, wenn es immer mehr kostet?
Bisher haben die Leute hier immer sehr geschätzt, dass wir mit Rohstoffen aus der Region für die Region nachhaltig und mit viel Liebe unsere Biere brauen. Unser Anspruch ist eine hohe Qualität, die man auch schmeckt. Wir brauen kein Billigbier. Hinzu kommt das Glück des Standortes. Wir befinden uns in einem wirtschaftlich starken Raum mit hoher Kaufkraft. Ich hoffe, dass die Leute auch in Zukunft unser Handeln honorieren.
Dies scheint nicht nur im Landkreis der Fall zu sein. Immer häufiger bekommt man Schönbuchbräu-Bier in Stuttgarter Lokalen zu trinken. Mittlerweile sogar in der Staatsoper.
Ja. Die Stuttgarter feiern unser Bier. In der Landeshauptstadt läuft’s richtig gut. Wir gelten dort unter den vielen großen Mitbewerbern als die kleine sympathische Brauerei.
Und wie sieht es mit den Gastro-Umsätzen im Landkreis aus?
Wir alle sind froh, dass die Gastronomie nach den Lockdowns wieder geöffnet hat. Das Problem sind zurzeit aber weniger die Energiepreise oder die Zurückhaltung beim Konsum, sondern die fehlenden Mitarbeiter. Wenn es keinen Mittagstisch oder zusätzliche Ruhetage gibt, dann spüren auch wir das.
Die Politik hat auch für die Industrie Energiepreisdeckel in Aussicht gestellt. Wird die Brauerei davon ebenfalls profitieren?
Wir haben von Seiten der öffentlichen Hand leider noch keine konkreten Unterstützungsangebote erhalten.
Was tut die Brauerei selbst, um in dieser schwierigen Zeit Kosten zu sparen?
Außer der erwähnten Photovoltaik-Anlage haben wir eine Stickstoffanlage gekauft. Ab 2023 setzen wir Stickstoff statt Kohlensäure ein, damit das Bier beim Um- und Abfüllen nicht schäumt. Das hat mehrere Effekte. Wir müssen 70 Prozent weniger Kohlensäure als bisher kaufen. Kohlensäure ist als Abfallstoff der Düngemittelindustrie derzeit nicht nur knapp und teuer, sondern auch ziemlich klimaschädlich. Somit werden wir unabhängiger, schonen das Klima und sparen Geld.
Ein Thema in der Branche ist auch der Glasmangel. Wann droht dieser Notstand in Böblingen?
Da können wir dank unseres Braumeisters Gustavo Tresselt entspannt ins nächste Jahr blicken. Er hat schon 2021 den Bedarf für die kommenden zwei Jahre eingekauft. Die Flaschen für 2023 stehen bereits im Lager.
Sie brauen 15 verschiedene Biere. Eine Auswahl, die für eine Größe Ihrer Brauerei bemerkenswert ist. Gibt es Überlegungen, diese Vielfalt zu reduzieren, falls die Krise andauert?
Alle Sorten haben auch ihre Liebhaber. Viele verschiedenen Bierspezialitäten zu brauen macht uns viel Spaß und zeichnet uns als Braumanufaktur aus. Im nächsten Jahr gibt es zum 200-jährigen Firmenjubiläum sogar ein weiteres Überraschungsbier.
Pils, Export, Weizen?
Das wird nicht verraten. Das bleibt eine Überraschung.
Historie
Die Braumanufaktur ist – noch vor der Kreiszeitung – das älteste Böblinger Unternehmen. Nächstes Jahr steht das 200-Jahr-Jubiläum vor der Tür.
1823
wurde die Bierbrauerei am Marktplatz gegründet durch den Biersieder Karl Gottfried Dinkelacker, 1829 folgt der Umzug zum Postplatz.
1860
übernehmen drei Brüder, einer von ihnen, Christian, gründet 1888 die Stuttgarter Bierdynastie der Dinkelackers. Bruder Wilhelm streicht daraufhin das „c“ aus dem Namen der Böblinger „Dinkelakers“.
1903
wird das erste Flaschenbier abgefüllt.
Heute
führen Götz Habisreitinger und Werner Dinkelaker die Geschicke. 15 Biersorten werden gebraut.