Der Krieg, der frühe Tod Ihrer Mutter, das nicht einfache Verhältnis zur Stiefmutter: Werner Spies, was hat Ihre schwierige Kindheit im Schwabenland aus Ihnen gemacht?
Die Zustände in meinem Rottenburger Elternhaus führten dazu, dass ich, obwohl ich wunderbare Geschwister hatte, ausbrechen wollte. Meine Situation empfand ich als hoffnungslos, ein Leben als Lehrer oder Pfarrer war mir vorgezeichnet, aber ich wollte etwas anderes. Bei Bombenangriffen saß ich mit meiner Familie und Josef Eberle, der unter dem Pseudonym Sebastian Blau wunderbare Mundartgedichte veröffentlichte, in einem Luftschutzkeller. Das war meine erste Begegnung mit einem schöpferischen Menschen. Fortan suchte ich nach dem Schöpferischen in mir selbst, nach etwas, das über das Administrative und den Gehorsam hinausgeht. Man könnte sagen: Ich suchte eine fremde Erziehung.

In Ihrer Autobiografie berichten Sie über Ihr Außenseiterdasein in der Volksschule.
Ich fühlte mich nicht akzeptiert, darunter litt ich. Ich war unsportlich. Fußballspielen empfand ich als vulgär, lieber saß ich in der Ecke und las. Ich sehnte mich danach, endlich ich selbst sein zu können. Der Schritt als Jugendlicher ins bischöfliche Konvikt nach Rottweil brachte eine erste Befreiung.

Sie waren sehr zielstrebig.
Ich wollte zeigen, wozu ich fähig bin. Als ich nach dem Konvikt beim „Schwarzwälder Volksblatt“ volontierte, schickte ich zwei Artikel an die Stuttgarter Zeitung. Der Verleger Josef Eberle, den ich, wie erwähnt, aus Rottenburger Kriegstagen kannte, lud mich zum Vorstellungsgespräch ein. Schon war ich Redakteur. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie stolz ich war, als mein erster Text in der Stuttgarter Zeitung erschien.

Später zogen Sie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor.
Als ich frisch in Paris war, schrieb ich für beide Blätter, aber irgendwann sagte Eberle: „Sie müssen sich entscheiden, für wen Sie arbeiten wollen.“ Eberle zeigte mir, dass ich nicht alles machen kann, dass es Grenzen gibt. Das war eine wichtige Lektion.

Schnell waren Sie in Pariser Künstlerkreisen angesehen. Wie haben Sie das geschafft?
Eine entscheidende Person für meine Karriere war Bruno Manuel, der Leiter des Vermischten der Stuttgarter Zeitung, ein hochgebildeter Emigrant. Manuel stellte mir den allerersten Kontakt in Paris her, zu dem Buchhändler Fritz Picard. Monsieur Picard machte mich wiederum mit dem berühmten, legendären Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler bekannt, dem Entdecker Picassos. Fortan bin ich bei Kahnweiler ein und aus gegangen.

Kahnweiler wurde der Schlüssel zu Ihrem beruflichen Erfolg. Beispielsweise ermöglicht er Ihnen Begegnungen mit Picasso.
Diese Begegnungen verdanke ich auch dem Stuttgarter Verleger Gerd Hatje, denn er gab mir den Auftrag für einen Werkkatalog zu Picassos Skulpturen. Mit Elan stürzte ich mich in die Arbeit, und Kahnweiler sagte irgendwann: „Pablo muss sehen, was du für ihn machst.“ Eigentlich empfing Picasso zu dieser Zeit außer seinem Friseur und Kahnweiler niemanden, er war 89 Jahre alt und hatte sich aus der Welt zurückgezogen. Doch dann kam der Anruf, dass er mich in seinem Haus in Mougins erwarte.

Sie besitzen die Gabe, die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen.
Ich gehe auf Menschen zu, um mit ihnen zu arbeiten. Niemals hätte ich zu dem Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett vordringen können, wenn ich nicht den Auftrag vom Süddeutschen Rundfunk bekommen hätte, bei Beckett Stücke fürs Radio und das Fernsehen in Auftrag zu geben. Wir haben uns angefreundet, waren wiederholt gemeinsam in Stuttgart. Beckett hat es gefallen, in der Villa Berg zu inszenieren.