Interview mit Wolfgang Bagin „Wald bietet sich einfach an“

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Bei der Standortsuche für eine Erddeponie rechnet Wolfgang Bagin trotz allem Streit am Ende mit Einvernehmen. „Wir suchen ja kein Atommüllendlager“, sagt er.

„Es bleibt spannend“, sagt Wolfgang Bagin über das Thema Erddeponie. Foto: factum/Granville
„Es bleibt spannend“, sagt Wolfgang Bagin über das Thema Erddeponie. Foto: factum/Granville

Böblingen - Wolfgang Bagin verteidigt sein Auswahlverfahren, aber er hat auch nichts gegen zusätzliche Gutachten. Der Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebs wünscht sich nur mehr Sachlichkeit in der Diskussion über den Standort für die Erddeponie des Landkreises.

Herr Bagin, hat Ihr Auswahlverfahren handwerkliche Fehler, wie die Stadt Sindelfingen Ihnen durch einen weiteren Gutachter nachweisen will?
Es ist ein reguläres Verfahren. Wir sind nicht der einzige Landkreis, der nach diesem Schema vorgegangen ist. Das von uns beauftragte Ingenieurbüro ist in diesem Bereich seit 25 Jahren tätig und hat sich darauf spezialisiert. Der von Sindelfingen engagierte Gutachter ist überwiegend ein reiner Umweltplaner und -gutachter. Deponiebau ist nicht seine Haupttätigkeit.
Der Kreistag hat allerdings auch beschlossen, dass Ihre Gutachten nun durch weitere Gutachten überprüft werden sollen. Stellt das nicht Ihre Arbeit infrage?
Das kann man so sehen. Aber ich habe damit kein Problem. Ich gehe auch nicht davon aus, dass die Gutachten zu unserer Mengenprognose und zur Standortauswahl zu einem völlig anderen Ergebnis kommen. Das ist letztendlich eine Entscheidung der Politik, um mehr Sicherheit zu bekommen. Wenn man mehr Bürgerbeteiligung will, ist es eine Zwangsläufigkeit, dass das Thema mehr untersucht und dargelegt werden muss. Dann kann man mit den Argumenten dieser Fachleute eine Entscheidung treffen. Denn um eine Entscheidung kommt man am Ende nicht herum.
Gehen die Gutachten nicht ins Geld?
Eine Deponie kostet zwischen acht und zwölf Millionen Euro. Dagegen sind die 50 000 oder 100 000 Euro, die jetzt für die Gutachten fällig werden, wenig. Wenn der Kreistag auf dieser Basis eine fundierte Entscheidung treffen kann, ist es gut investiertes Geld.
Und was ist mit den Vorschlägen, zwei kleinere anstatt der von Ihnen favorisierten großen Deponie zu bauen?
Es wäre eine gewisse Lastenverteilung, die man politisch vielleicht besser durchsetzen kann. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir in der Summe mehr Fläche für zwei kleine Deponien als für eine große benötigen. Man muss den Betrieb der Deponie trotzdem wirtschaftlich betrachten: Wir müssen kostendeckend arbeiten, was mit kleineren Deponien schwieriger ist. Mögliche Defizite dürfen wir nicht auf den Müllgebührenzahler abwälzen. Sie müssten aus dem Haushalt des Kreises finanziert werden oder über eine höhere Kreisumlage.
Es wurde auch immer wieder die Hoffnung laut, dass man sich die Deponie überhaupt sparen kann – durch die Nutzung der Steinbrüche und mehr Recycling.
Wir entsorgen in die Steinbrüche, was wir können. Dort ist aber zur Rekultivierung nur saubere Erde erlaubt, kein Bauschutt und kein verunreinigter Boden. Die Kapazität der Steinbrüche geht nach heutigen Berechnungen im Jahr 2024 drastisch zurück. Das Recycling haben die Kommunen in der Hand – bei Neubaugebieten. Das Thema bearbeiten wir allerdings seit 20 Jahren, und die Möglichkeiten, Aushub an Ort und Stelle zu vergraben, wurden nicht wirklich umfangreich in Anspruch genommen. Im Prinzip müsste man bei Neubauten auf Keller verzichten, aber wer will das? Wenn in bestehenden Wohn- und Stadtgebieten verdichtet wird, sind Tiefgaragen heutzutage fast obligatorisch. Da ist eine Entsorgung des Aushubs unumgänglich. Mangels Fläche wird die Innenentwicklung sogar zunehmen. Für mich ist es in unserem dicht besiedelten Raum systemimmanent, dass künftig noch mehr Erde und Bauschutt anfällt als bisher.
Aber muss die Deponie in den Wald?
Der Wald bietet sich einfach an, weil eine Deponie nach dem Ende ihrer Laufzeit wieder Wald werden kann. Nimmt man landwirtschaftliche Fläche in Anspruch, ist sie für die Landwirtschaft verloren. Die Deponie bei Waldenbuch war überwiegend im Wald, die bei Leonberg, wo heute unsere Vergärungsanlage steht, war an der Autobahn im Wald. Die ehemaligen und jetzt rekultivierten Mülldeponien sind alle im Wald. Eine Deponie im Feld sieht jeder von Weitem, das ist auch nicht unbedingt schön. Für uns war das wesentliche Kriterium bei der Suche, dass eine Deponie ohne Ortsdurchfahrt erreichbar sein muss, über die Autobahn oder Bundesstraßen. Eine zentrale Lage wäre am besten. Deshalb bietet sich der Raum Böblingen, Sindelfingen, Ehningen an. Unabhängig davon hat der Kreistag entschieden, dass nochmals alle 22 Standorte untersucht werden sollen.
Bei all der Aufregung: Wird sich überhaupt noch ein Standort finden lassen?
Ja, das glaube ich.
Es gibt ja auch Kritik am Verfahrenskritiker Bernd Vöhringer: „Wenn einer schreit, wird gleich alles infrage gestellt“, hat Grafenaus Bürgermeister Martin Thüringer über den Sindelfinger Oberbürgermeister gesagt.
Ich kann nachvollziehen, dass man sich darüber ärgert. Jetzt ist jeder Rathauschef gezwungen, sich zu positionieren. Darum wünsche ich mir, dass wieder Ruhe in das Verfahren kommt, dass man sachlich diskutiert und der Kreistag nach Vorliegen der Gutachten und dem Vorschlag der Projektgruppe einvernehmlich entscheidet. Wir suchen schließlich kein Atommüllendlager. Es geht nur um eine Deponie für Erdaushub und Bauschutt. Das ist gutes Material aus Bauvorhaben in unserem Landkreis. Die betroffene Kommune bekommt auch eine finanzielle Entschädigung. Allerdings wird es 100 Prozent Zustimmung für ein solches Projekt natürlich nicht geben.



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